Eigentlich ist Niklas Frank ein deutsches Idol. Aber geht das, Idol sein, ohne Anerkennung, ohne Verehrung?

Ausgesetzt wurde er auf dem schlimmsten Berg der deutschen Geschichte. Ohne Hilfe. Musst selber sehen, wie du da oben zurechtkommst, kleiner Niklas, erwachsener Niklas, alter Niklas. Der Vater, Hans Frank, wurde 1939 Generalgouverneur im besetzten Polen, man nannte ihn schnell den "Schlächter von Krakau". Er war einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust, wurde als Massenmörder 1946 in den Nürnberger Prozessen verurteilt und hingerichtet, durch den Strang.

Soll sich jeder mal vorstellen, wie es wäre, einen solchen Vater zu haben. Wie es wäre, wenn die üblichen, die normalen Vater-Sohn-Bilder, Vater spielt, Vater schimpft, Vater lobt, sich mit den Bildern von Leichenbergen und von unvorstellbaren Grausamkeiten mischen. Und immer die Gewissheit: Das hat mein Vater gemacht, daran ist mein Vater schuld.

Die Bilder von Niklas Frank sehen so aus: Vater Hans hatte das Schloss in Krakau zum Familiensitz gewählt, und als kleiner Junge nahmen ihn die Eltern oft mit runter ins Ghetto. Er erinnert sich an einen Nachmittag, an dem er zuschauen sollte, wie Nazischergen abgemagerte Männer auf wilde Esel setzten, bis sie wieder runterfielen, unter allgemeinem Gelächter, auch der kleine Niklas lachte, nur die mageren Männer nicht. Als er Jahrzehnte später eine Lesung in Krakau hatte, kam eine alte Frau auf ihn zu und meinte, für sie als Kind sei das Schloss nur Angst gewesen, nichts als Angst, weil von dort immer nur schreckliche Befehle ergangen seien. "Da stand ich vor dieser Frau und war vor Scham wie gelähmt: Was will man da auch antworten?", sagt er.

Ein Frühsommertag in Berlin. Gut sieht er aus auf der Restaurantterrasse mit seiner Baseballmütze, jünger als 73 Jahre. Den ersten Interviewtermin einige Tage zuvor hatte er abgesagt. Die Ehefrau rief an, "mein Mann hat einen Herzinfarkt, ist in der Klinik". Wenige Tage später kommt eine SMS: "Bin wieder pumperlgesund..." Ein paar Stents wurden ihm gelegt. Alles wieder gut. Frank lebt in der Nähe von Itzehoe, jetzt ist er mit seiner Frau ein paar Tage in Berlin, Enkelkinder hüten.

Niklas Frank sagt: "Ich war mir früher immer ganz sicher, unser Gemetzel an den Juden, unser deutscher Massenmord wird uns am Ende irgendwann in den Abgrund ziehen. Wir Deutschen werden unsere Rechnung noch bekommen, die Geister werden uns holen. Aber jetzt denke ich anders. Und da spielen meine Enkelkinder sicher eine Rolle. Das Leben ist stärker als die Vergangenheit. Das Leben ist stärker als alles."

Er hat 1987 ein spektakuläres Buch über seinen Vater geschrieben, vorab gedruckt in einer stern-Serie, spektakulär auch deshalb, weil ein Sturm der Entrüstung losbrach, nicht etwa über die Entsetzlichkeit des Vaters, nein, über die beinahe grenzenlose Gnadenlosigkeit des Sohnes. Niklas Frank hat dann ein vernichtendes Buch über seine Mutter geschrieben, über Brigitte Frank, die mit den Memoiren des Gatten, Im Angesicht des Galgens, viel Geld verdiente. Und jetzt, in diesen Wochen, erschien sein Buch über seinen Bruder, über Norman Frank, der über 80-jährig starb, von allem verlassen, nur nicht vom Vater, dessen Porträt als Ölgemälde über seinem Sterbebett hing.

Niklas Frank ist von Beruf Journalist, er arbeitete jahrzehntelang für den stern, als Kulturjournalist, später auch als Krisenreporter etwa während des Irakkriegs. Er war immer ein brillanter Autor, aber seine Familienbücher zeichnet etwa anderes aus: Als hätte er das Gift seiner Familie durch sich hindurchlaufen lassen, und am Ende waren die Texte eine Art Essenz, die seinen Körper wieder verlassen hat. Das Vaterbuch schrieb Frank in einem zwölfwöchigen Rauschzustand. Es war Winter, er saß in einem ungeheizten Raum mit Mantel und Mütze und hackte auf die alte Erika-Schreibmaschine ein, die schon seiner Mutter gehört hatte. Er beschrieb seinen Vater als machtgeil, korrupt, verlogen, grausam. Er schrieb Sätze wie: "Warum ziehe ich dich verbal so in den Dreck? Es gibt mir ein so aufmüpfiges Gefühl. Ganz jung bin ich dann... Du steckst mir tief im Hirn, aber irgendwann, vielleicht als Greis, habe ich dich im Griff, hab ich dich überwunden, das Knacken deines Genicks wird als Laut schwächer in meinem Kopf." Und er schilderte quälend genau, wie er als junger Mensch in den Nächten vor dem 16. Oktober, der Hinrichtung seines Vaters, voller Wut und Verzweiflung und Verachtung für den sterbenden Vater onanierte.

Im Ausland wurde das Buch Franks rasch als das begriffen, was es ist: Da stellt sich ein junger Deutscher der Vergangenheit und spürt das Blut der Geschichte in sich. Da geht ein Deutscher stellvertretend für sein Land durch die Hölle, durch seine Hölle – und verwehrt seinen Landsleuten den Weg in die Verlogenheit: Ein paar grausige Nazis hätten das deutsche Volk ins schreckliche Unglück verführt, ein paar Täter, ein paar Horrorgestalten, aber doch nicht die Mehrheit. Der Chefankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Robert M. W. Kempner, nannte die Frank-Veröffentlichung "einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Menschenrechte".