Was hat die NSA mit Freud zu tun? Der berichtete vom "Kleinen Hans", der erst ein bestimmtes Pferd, dann alle Pferde, dann alle großen Tiere fürchtete. Die Phobie expandiert, wie jede Obsession. Ähnlich die Angst vor dem verborgenen Feind; die Suche nach Sicherheit wird zur Sucht, weil man nicht weiß, was im Dunkeln noch lauert. Ein Praktiker: "Wir suchen die Nadel. Aber dazu muss erst einmal ein Heuhaufen her." Die NSA besorgt ihn sich – so groß wie das Alpenmassiv.

Die Stasi musste Briefe aufdampfen; die physikalischen Grenzen der NSA (und, wiewohl in einigem Abstand, der europäischen Dienste) expandieren, so weit die nächste Generation der Chips und Server trägt. Man speichert Billionen von Daten, einfach weil man’s kann. Und es unter Ausschluss der Öffentlichkeit darf; Witzbolde nennen die NSA "No Such Agency" oder "Never Say Anything". Und weil man doch nur das Gute will: nicht dem totalitären Staat dienen, sondern dem Bürger Sicherheit schenken.

Leider geht bei so viel Gutwilligkeit just ein Teil jener Freiheit verloren, welche die Wächter zu schützen behaupten – das Brief- und Telefongeheimnis, das, was die Engländer "My home is my castle" nennen. "Hier darfst du nicht rein", sagt der Bürger dem freiheitlichen Staat, den er den Metternichs und Berijas abgerungen hat. Doch den kümmert’s nicht; er will Big Data – Heu – und wird nie satt. Dass er dabei verschlingt, was wir freiwillig im Netz hergeben, macht die Sache einfacher, aber nicht besser. Wir bieten ihm die weltweite Wiese, und deshalb tut der Staat, was er nie dürfte: in die Privatsphäre ohne richterlichen Befehl eindringen.

Machen wir uns nichts vor: Auch wenn die Kanzlerin nun EU-weit von den Providern fordert, offenzulegen, was sie speichern und weitergeben, ist die Offensive gegen den Schnüffelstaat eine Sisyphos-Arbeit; morgen finden die Tüftler einen neuen Weg. Außerdem profitiert unser BND von der Sammelwut der lieben Kollegen. Aber es muss sein, wegen des "Kleinen Hans": Obsessionen kennen keine Grenzen; jede unterstellte Nadel fordert noch mehr Heuhaufen. Die Empörungslust, welche die hiesigen Medien überflutet, mag gut für den moralischen Geländegewinn sein, aber in Wahrheit ist dieser Kampf keiner zwischen dem gekränkten Europa und dem hochfahrenden Amerika, sondern ein gemeinsamer zwischen den Freiheitsfreunden und den Hightech-Autoritären.

Schon laufen die ersten Klagen gegen die NSA vor dem Supreme Court. Ganz praktisch: Je größer der Heuhaufen, desto geringer die Chance, die winzige Nadel zu finden. Information overload ist das Problem. Der Killer-Major Hassan hatte fleißig Mails mit Al-Kaida ausgetauscht; die NSA hat es nicht gecheckt. Überdies verhindert der Digitalwahn die gute alte Polizeiarbeit: Die Russen kannten den Boston-Bomber, der FBI aber hat’s verschlampt. Der NSA-Experte James Bamford: Die NSA hätte "all diese Burschen schnappen" können, wenn sie sich auf den Auslandsverkehr konzentriert hätte, statt die Metadaten von allen US-Bürgern zu speichern.

Für Europäer wie Amerikaner geht es darum, die immer größeren Mähdrescher zu stoppen. Das ist mindestens so dringlich wie die atlantische Freihandelszone. Packen wir Obama am eigenen Portepee und sprechen wir im Namen der Freiheit darüber – hüben wie drüben.