Offshore-WindparkGeschosse auf Grund

Der Offshore-Windpark Riffgat vor Borkum ist nahezu fertig. Ans Netz kann er nicht – auf dem Meeresboden wurde Munition aus Kriegszeiten entdeckt. von Catalina Schröder

Das Herzensprojekt der Irina Lucke liegt an diesem Junimittag hinter einer dichten Nebelwand. "Da", sagt sie, stellt sich auf die Zehenspitzen und deutet strahlend mit dem ausgestreckten Arm in den grauen Dunst. "Da hinten ist er." Die schulterlangen blonden Haare der kleinen Frau mit der kräftigen Stimme und der zierlichen Figur flattern bei Windstärke fünf im Nordseewind. Gischt spritzt an allen Seiten der Fob Lady über die Reling, als das 19 Meter lange Stahlschiff mit knapp 30 Stundenkilometern dem Offshore-Windpark Riffgat entgegenpflügt.

Riffgat liegt 15 Kilometer vor der Küste der Nordseeinsel Borkum, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze. Gebaut wird der Park für 400 Millionen Euro von der EWE AG, einem Energieversorger aus Oldenburg. Noch im Juli soll er fertig werden und 120.000 Haushalte mit Energie versorgen. 14 der 30 geplanten Anlagen stehen bisher. In drei Schichten arbeitet ein 30 Mann starkes Team daran, die fehlenden Windräder zu installieren.

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Irina Lucke, 40 Jahre alt, ist Umweltingenieurin und Projektleiterin des Windparks. Sie koordiniert das Team und spricht über die Windräder, als handelte es sich nicht um tonnenweise leblosen Stahl, Kabel und Schrauben mitten in der rauen Nordsee, sondern um schützenswerte Lebewesen. Damit der Park rechtzeitig fertig wird, hat Lucke in den vergangenen Monaten mehr Zeit draußen auf der Nordsee und im provisorischen EWE-Containerbüro mit weißen Plastikwänden und unbequemen Holzstühlen im Hafen von Borkum verbracht als zu Hause in Oldenburg.

Als die Gischt auf der Fahrt zum Windpark immer höher spritzt, geht Irina Lucke unter Deck, setzt sich an den Tisch und nimmt einen trockenen Waffel-Schokokeks aus einer Schale. Der Keks schmeckt nur so mittellecker, doch bei den Zwölfstundenschichten, die sie in den vergangenen Monaten regelmäßig absolviert hat, bleibt wenig Zeit, um übers Essen nachzudenken. Überhaupt beschäftigt Lucke ein viel größeres Problem: Das Kabel, mit dem der Netzbetreiber Tennet den Strom aus ihrem Park zum Festland transportieren soll, kann nicht zu Ende verlegt werden. 50 Kilometer lang soll das Seekabel werden, 13 Kilometer fehlen noch.

Der Grund dafür, dass es nicht weitergeht, liegt in der Vergangenheit: Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs befindet sich unter der Meeresoberfläche noch immer ein Bombenfriedhof. Experten des Bund-Länder-Ausschusses Munition im Meer schätzen, dass in deutschen Hoheitsgewässern insgesamt rund 1,6 Millionen Tonnen Handgranaten, Bomben und Patronen liegen. Wer mit dem Schiff durch das Gebiet fährt, merkt davon nichts. Doch wenn die Munition in Bewegung gerät, wird sie gefährlich.

Für Riffgat ist das ein besonderes Problem. 2,7 Tonnen Munition wurden allein gehoben, damit der Offshore-Park überhaupt gebaut werden konnte. Seine Verbindung mit dem Festland erweist sich nun als noch schwieriger. Auf den letzten Kabelkilometern liegen besonders viele Geschosse. Da niemand weiß, wie gefährlich die Munition ist, darf der Anschluss vorerst nicht fertiggestellt werden.

Solange kein Kabel den Park mit dem Land verbindet, kann Riffgat keinen Strom liefern. Im Gegenteil: Wenn die Anlagen zu lange stillstehen, wird er sogar Strom verbrauchen. Damit die Lager der Rotorblätter nicht kaputt gehen, müssen sie regelmäßig gedreht werden. Dafür muss auf See ein Dieselgenerator installiert werden. Den Verlust, den der Windanlagenbetreiber EWE in den Monaten bis zum Netzanschluss machen wird, muss der Netzbetreiber Tennet zu 90 Prozent kompensieren. Den größten Teil dieser Summe legt das Unternehmen dann auf die Netznutzungsgebühr und damit auf die Verbraucher um. Wie viel dabei genau zusammenkommt, will Tennet der ZEIT nicht sagen. Nach einem Bericht der taz sind es etwa sechs Millionen Euro pro Monat.

Leserkommentare
  1. Selten findet man einen Bericht über Wind- oder Solarstrom, der nicht mit großen Zahlen protzt.

    Wenn das Turbinenfeld Riffgat angeblich 120000 Haushalte versorgen soll, so wäre es doch eine schöne Aufgabe für einen Redakteur, einen dieser Haushalte aufzusuchen und von den dortigen Erfahrungen zu berichten.

    Zu den unbequemen Wahrheiten der Ökoindustrie gehört, daß kein einziger Haushalt wirklich versorgt wird. Vielmehr handelt es sich bei allen Windrädern an Land und auf See um Trittbrettfahrer im allgemeinen Stromnetz. Sie leisten keinerlei eigenständigen Beitrag zur Stromversorgung des Landes. Aber dafür wurden sie auch nicht gebaut. Sie dienen allein dem Abschöpfen der mehrfach erhöhten Vergütung und sind damit ein Eckpfeiler der Umverteilung von Arm nach Reich.

    Höchste Zeit, den Schwindel zu beenden. Das EEG gehört abgeschafft. Möglichst bald.

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    Was soll der Haushalt Ihnen denn sagen? Es kommt Strom aus der Steckdose?

    Die Leistung von Anlagen bezogen auf die versorgbaren Durchschnittshaushalte dient der Veranschaulichung, niemand behauptet, dass dies eine "exklusive" Versorgung wäre (wie bei allen anderen Energieträgern auch).

    Aber ein Blick auf ihre Beiträge zeigt: Kommentator mit Mission.

    Aber gewiss doch.

    Und zusammen mit dem EEG schaffen wir gleich das Vertrauen ab, dass in unserem Land Verträge eingehalten werden. Macht ja nichts. Wozu soll der Gesetzgeber auch Vertrauen bei Bürgern, Verbänden oder Wirtschaft genießen?

    Am Besten wir gewöhnen uns alle frühzeitig daran, dass die Gesetzgebung in unserem Land jederzeit ins Gegenteil verkehrt oder abgeschafft werden darf wenn irgendeine Randgruppe dies fordert.

    was genau ist denn dabei "Ökopropaganda"

    Das Problem der Munitionsbelastung ist wohl nicht von der Hand zu weisen, und so hab ich es verstanden auch nicht durch eine einmalige Beräumung zu beseitigen.

    Den Bund-Länder Berichtd arf man angesichts solcher Untersuchungsbefunde:

    http://www.schleswig-hols...

    durchaus als kleinsten gemeinsamen Nenner in der Problemdarstellung begreifen.

    Peter

  2. Was soll der Haushalt Ihnen denn sagen? Es kommt Strom aus der Steckdose?

    Die Leistung von Anlagen bezogen auf die versorgbaren Durchschnittshaushalte dient der Veranschaulichung, niemand behauptet, dass dies eine "exklusive" Versorgung wäre (wie bei allen anderen Energieträgern auch).

    Aber ein Blick auf ihre Beiträge zeigt: Kommentator mit Mission.

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    Vielen Dank, daß Sie sich auch andere Beiträge von mir angesehen haben. Man erkennt eine klare Linie, oder?
    Ich verbinde den Begriff „Versorgung“ mit Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Wirtschaftlichkeit. Und nicht zuletzt Bedarfsdeckung. Nur so können Kleinkinder, Notfallpatienten oder Hauskatzen wirklich versorgt werden. Alles andere ist Stückwerk zum Schaden der Betroffenen.

    Windstrom ist im Kern unzuverlässig. Deshalb dient es ausschließlich der Vernebelung, wenn Jahresstrommengen auf Haushalte umgerechnet werden. Bäckerei, Arztpraxis und Supermarkt werden nicht mit Durchschnitten betrieben, sondern mit bedarfsgerecht verfügbarem Strom. Zementwerke, Redaktionen und Druckereien können mit Zufallsstrom ebenfalls überhaupt nichts anfangen.

    Aber das wissen Sie bestimmt alles. Sie wollen nur ein bißchen vernebeln, oder?

  3. Aber gewiss doch.

    Und zusammen mit dem EEG schaffen wir gleich das Vertrauen ab, dass in unserem Land Verträge eingehalten werden. Macht ja nichts. Wozu soll der Gesetzgeber auch Vertrauen bei Bürgern, Verbänden oder Wirtschaft genießen?

    Am Besten wir gewöhnen uns alle frühzeitig daran, dass die Gesetzgebung in unserem Land jederzeit ins Gegenteil verkehrt oder abgeschafft werden darf wenn irgendeine Randgruppe dies fordert.

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    und wenn man dies bei seinen Investitionen nicht mit in Betracht gezogen hat, hätte man das Geld aufs Sparbuch legen sollen.
    Die Erfahrung machen gerade die Spanier, denn dort wird rückwirkend massiv an der Förderung gedreht und man rechnet damit das wohl 80-90% über die Klinge springen denn clever, wie man so ist, wurde auf Kredit gebaut, denn schlieslich rechnet sich das ja alles von alleine und man ist schlauer als die dummen Leute, die so etwas nicht mitnehmen.

    Das EEG in Deutschland wird mMn nach den Wahlen rückwirkend verändert werden, und dann dürfte sich auch die Offshore Party erledigt haben. Wohl dem der seine Sachen dann bar bezahlt hat.

  4. ... wurde erst klar, als das Kabel gelegt werden sollte?
    .
    Solch Planungs- und Entwicklugsgruppen sollte man nicht einmal einen Sandkasten bauen lassen!
    .
    Das passt herrlich zur "Elbphilharmonie"BER, S21,.......
    .
    Schön das unsere Regierung die Anschlußrisiken vor einigen Monaten auf die Endkunden verlagert hat. Dem Betreiber und dem Netzinhaber wird damit sogar der Diesel für den Notbetrieb von der Allgem. bezahlt werden.
    .
    Brummige Gruesse
    Sikasuu

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    Der Krieg ist jetzt schon fast 70 Jahre her und trotzdem werden im Westen noch mehrere Blindgänger pro Jahr ausgebuddelt mit den entsprechenden Konsequenzen.

    Bei so einer Munitionsverklappung ist es nicht viel anders. Der Dreck wurde damals einfach in Meer gekippt. Der ein oder andere Kapitän hatte sicher auch das Zeug aus Kostengründen nicht an der vereinbarten Stelle verklappt, sondern vorher. Zweitens gibt es auch Strömungen, die für eine Verlagerung der Munition sorgen können. Die hatten es sich damals ganz einfach gemacht: Weg mit den Zeug und wenn dann mal ein Fischer etwas im Netz hat, wird es halt wieder über Bord geworfen. Es dürfte, nach meiner Auffassung äußerst schwierig sein, für ein Gebiet eine generelle Unbedenklichkeitsbescheinigung zu erstellen.

  5. was genau ist denn dabei "Ökopropaganda"

    Das Problem der Munitionsbelastung ist wohl nicht von der Hand zu weisen, und so hab ich es verstanden auch nicht durch eine einmalige Beräumung zu beseitigen.

    Den Bund-Länder Berichtd arf man angesichts solcher Untersuchungsbefunde:

    http://www.schleswig-hols...

    durchaus als kleinsten gemeinsamen Nenner in der Problemdarstellung begreifen.

    Peter

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  6. 6 Mio Euro sind zusätzlich pro Monat aufzubringen, nur dafür, dass die Windkraftanlage nicht läuft. Das kommt noch zu den horrenden Investitionen, über die der Beitrag berichtet.
    Tja, und dann wissen wir nicht einmal, ob die off-shore-Anlage überhaupt in Betrieb gehen kann. Nur weil eine EE-besessene Gesetzgebung mit aller Macht ihre Ziele durchdrücken will und keine Kosten scheut. Es zahlen ja andere.
    Ob diese Gesellschaft noch einmal zur Vernunft kommt?

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    zu den Anschlusskosten scheinen, zumindest nach dem o.a. gefundenen Gutachten, auch noch ganz erhebliche Unterhaltskosten im Korrosionsschutz zu kommen. Bei Munitionsbelastung durch die Rückstände wohl noch verstärkt.

    Peter

    Ich bin auch nicht gerade erfreut über diese lange Versögerung und die dadurch enstehenden Mehrkosten.
    Aber was Sie außer Acht gelassen haben ist, dass so eine Windkraftanlage erstens keinen teuren Brennstoff braucht, der erstmal eingekauft werden muss, und zweitens keine schädlichen Abfallprodukte erzeugt, die in ihrer Nachwirkung immense Kosten verursachen, wie die Klimaerwärmung durch CO2 oder die vermeintliche "Endlager"-Suche für raioaktiv verseuchten Abfall.
    Das sind Probleme die noch etliche nachfolgende Generationen beschäftigen werden und das nur, weil die Menschen der Gegenwart nicht weiter als bis zu ihrer eigenen Rente denken können!
    Klar erscheinen diese Kosten nicht auf der Stromrechnung, weswegen sie auch gerne mal übersehen werde, letztendlich müssen aber doch ALLE für diese kosten brügen.
    Übrigens: Wenn man sich einmal anschaut, wie viele Milliarden Euro Fördergelder in die Kohle (177+85 Mrd. €) - bzw. Atomenergie (187 Mrd. €) geflossen sind, haben die Erneuerbaren (54 Mrd. €) noch einiges gut!

  7. zu den Anschlusskosten scheinen, zumindest nach dem o.a. gefundenen Gutachten, auch noch ganz erhebliche Unterhaltskosten im Korrosionsschutz zu kommen. Bei Munitionsbelastung durch die Rückstände wohl noch verstärkt.

    Peter

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    Deswegen hat die Industrie die off-shore Windparks auch aus guten Gründen gemieden, solange der Staat nicht abermals den Zugriff auf die Geldbeutel der Stromkunden freigegeben hat, um jetzt auch noch das Ausfallrisiko umzulegen.

    Frei nach Richard Wagner folgt das Ganze dem Motto:

    "Deutsch sein heißt Windkraftanlagen um ihrer selbst willen bauen".

  8. Der Krieg ist jetzt schon fast 70 Jahre her und trotzdem werden im Westen noch mehrere Blindgänger pro Jahr ausgebuddelt mit den entsprechenden Konsequenzen.

    Bei so einer Munitionsverklappung ist es nicht viel anders. Der Dreck wurde damals einfach in Meer gekippt. Der ein oder andere Kapitän hatte sicher auch das Zeug aus Kostengründen nicht an der vereinbarten Stelle verklappt, sondern vorher. Zweitens gibt es auch Strömungen, die für eine Verlagerung der Munition sorgen können. Die hatten es sich damals ganz einfach gemacht: Weg mit den Zeug und wenn dann mal ein Fischer etwas im Netz hat, wird es halt wieder über Bord geworfen. Es dürfte, nach meiner Auffassung äußerst schwierig sein, für ein Gebiet eine generelle Unbedenklichkeitsbescheinigung zu erstellen.

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    ist Minenfrei, weil da ja nicht soviel runtergekommen ist.

    @Thema
    Da sollte man sich ganz unbürokratisch an das Planungsbüro oder die Planungsgesellschaft halten.
    Aber viel spannender ist doch dieser Tage, dass einer der größten Windparkinstallateure nicht zu Stande bringt, eine Bilanz über seine erfolgreiche staatlich subventionierte Wirtschaftstätigkeit vorzulegen und jetzt für sein "Ponzi Scheme" wieder mal 12 Mill. Euro einsammeln will. Wenn die Bombe platzt werden wohl Leute wie http://www.zeit.de/2013/3... nach dem Staat schreien weil ihre 10 Porzent Rendite sich inklusive Anlagevermögen in Luft aufgelöst hat.

    .... "Verklappter" Munition gibt es einige kl. Unterschiede.
    Stückzahl und Entschärfungsmöglichkeit.
    .
    Ausserden hat die "Britische Marine" das verbrochen. Für den Anfang als Info:
    http://de.wikipedia.org/w...
    .
    Die Verplappungsgebiete sind bekannt und das Munition schlecht als Treibgut durch die Welt geistern kann ist auch kein Geheimniss. Die schwimmt so schlecht:-)
    .
    Nett das wir mal drüber geredet haben :-)
    Sikasuu
    .

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