Das Herzensprojekt der Irina Lucke liegt an diesem Junimittag hinter einer dichten Nebelwand. "Da", sagt sie, stellt sich auf die Zehenspitzen und deutet strahlend mit dem ausgestreckten Arm in den grauen Dunst. "Da hinten ist er." Die schulterlangen blonden Haare der kleinen Frau mit der kräftigen Stimme und der zierlichen Figur flattern bei Windstärke fünf im Nordseewind. Gischt spritzt an allen Seiten der Fob Lady über die Reling, als das 19 Meter lange Stahlschiff mit knapp 30 Stundenkilometern dem Offshore-Windpark Riffgat entgegenpflügt.

Riffgat liegt 15 Kilometer vor der Küste der Nordseeinsel Borkum, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze. Gebaut wird der Park für 400 Millionen Euro von der EWE AG, einem Energieversorger aus Oldenburg. Noch im Juli soll er fertig werden und 120.000 Haushalte mit Energie versorgen. 14 der 30 geplanten Anlagen stehen bisher. In drei Schichten arbeitet ein 30 Mann starkes Team daran, die fehlenden Windräder zu installieren.

Irina Lucke, 40 Jahre alt, ist Umweltingenieurin und Projektleiterin des Windparks. Sie koordiniert das Team und spricht über die Windräder, als handelte es sich nicht um tonnenweise leblosen Stahl, Kabel und Schrauben mitten in der rauen Nordsee, sondern um schützenswerte Lebewesen. Damit der Park rechtzeitig fertig wird, hat Lucke in den vergangenen Monaten mehr Zeit draußen auf der Nordsee und im provisorischen EWE-Containerbüro mit weißen Plastikwänden und unbequemen Holzstühlen im Hafen von Borkum verbracht als zu Hause in Oldenburg.

Als die Gischt auf der Fahrt zum Windpark immer höher spritzt, geht Irina Lucke unter Deck, setzt sich an den Tisch und nimmt einen trockenen Waffel-Schokokeks aus einer Schale. Der Keks schmeckt nur so mittellecker, doch bei den Zwölfstundenschichten, die sie in den vergangenen Monaten regelmäßig absolviert hat, bleibt wenig Zeit, um übers Essen nachzudenken. Überhaupt beschäftigt Lucke ein viel größeres Problem: Das Kabel, mit dem der Netzbetreiber Tennet den Strom aus ihrem Park zum Festland transportieren soll, kann nicht zu Ende verlegt werden. 50 Kilometer lang soll das Seekabel werden, 13 Kilometer fehlen noch.

Der Grund dafür, dass es nicht weitergeht, liegt in der Vergangenheit: Fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs befindet sich unter der Meeresoberfläche noch immer ein Bombenfriedhof. Experten des Bund-Länder-Ausschusses Munition im Meer schätzen, dass in deutschen Hoheitsgewässern insgesamt rund 1,6 Millionen Tonnen Handgranaten, Bomben und Patronen liegen. Wer mit dem Schiff durch das Gebiet fährt, merkt davon nichts. Doch wenn die Munition in Bewegung gerät, wird sie gefährlich.

Für Riffgat ist das ein besonderes Problem. 2,7 Tonnen Munition wurden allein gehoben, damit der Offshore-Park überhaupt gebaut werden konnte. Seine Verbindung mit dem Festland erweist sich nun als noch schwieriger. Auf den letzten Kabelkilometern liegen besonders viele Geschosse. Da niemand weiß, wie gefährlich die Munition ist, darf der Anschluss vorerst nicht fertiggestellt werden.

Solange kein Kabel den Park mit dem Land verbindet, kann Riffgat keinen Strom liefern. Im Gegenteil: Wenn die Anlagen zu lange stillstehen, wird er sogar Strom verbrauchen. Damit die Lager der Rotorblätter nicht kaputt gehen, müssen sie regelmäßig gedreht werden. Dafür muss auf See ein Dieselgenerator installiert werden. Den Verlust, den der Windanlagenbetreiber EWE in den Monaten bis zum Netzanschluss machen wird, muss der Netzbetreiber Tennet zu 90 Prozent kompensieren. Den größten Teil dieser Summe legt das Unternehmen dann auf die Netznutzungsgebühr und damit auf die Verbraucher um. Wie viel dabei genau zusammenkommt, will Tennet der ZEIT nicht sagen. Nach einem Bericht der taz sind es etwa sechs Millionen Euro pro Monat.

Die Baustelle wird rund um die Uhr überwacht

Als die ersten Windräder von Riffgat im Nebeldunst auftauchen, drosselt der Kapitän die Geschwindigkeit des Schiffes. Irina Lucke springt auf und läuft an Deck. Früher hat sie bei Großprojekten den Bau von Biogas- und Solaranlagen koordiniert. Dann kamen die Windkraftprojekte. Erst unterstützte sie solche an Land, dann den Bau von Alpha Ventus, Deutschlands erstem Offshore-Windpark, in dem verschiedene Anlagentypen getestet werden. Der Park, sagt sie, sei ihr "Gesellenstück auf See" gewesen. Er liegt rund 40 Kilometer vor Borkum. Lucke sagt, dass sie Verständnis für die Probleme des Netzbetreibers Tennet habe. Niemand habe vorhersehen können, dass der Anschluss von Riffgat so schwierig werden würde. Trotzdem klingt sie enttäuscht.

Tag und Nacht kreist ein Schiff um die Offshore-Baustelle. Es passt auf, dass kein Segler oder Frachter in das Gebiet fährt und mit einem Windrad oder Arbeitsschiff zusammenstößt. Zusätzlich beobachten im Wechsel vier Nautiker im Containerbüro auf Borkum die Baustelle rund um die Uhr am Computer. Die Windräder stehen etwa 600 Meter auseinander, zwischen ihnen ragt das Umspannwerk auf dicken gelben Stahlrohren 36 Meter aus dem Meer. Zwei Arbeiter, die sich daran abseilen, wirken, vom Boot aus betrachtet, klein wie Streichhölzer.

Irina Luckes ganzer Stolz taucht ein paar Hundert Meter weiter aus dem Dunst auf: ein 132 Meter langes Stahlschiff, eine Sonderanfertigung aus Dubai. Es hilft dabei, die Windräder aufzustellen. Auf dem Deck lagern Rotorblätter und die Türme der Windräder in einer Art riesigem Hochregal. Daneben steht ein Kran.

Maximal 0,1 Grad Krümmung darf eine fertige Anlage haben. Schon an Land wäre das eine Herausforderung. Auf See ist es ein Drahtseilakt. An seiner Unterseite hat das Schiff deshalb vier Stahlstützen, auf denen es sich beim Aufstellen eines Windrades in den Meeresboden stemmt. Die Stützen sind so hoch, dass das Schiff dabei 18 Meter über dem Meer schwebt. "Das ist doch irre, oder?", ruft Irina Lucke und blickt gebannt auf das riesige Schiff.

Besonders schwierig ist es, die Rotorblätter anzubringen: Dafür seilen sich drei Arbeiter aus einem Hubschrauber auf den Windradturm ab. Per Funk dirigieren sie den Kranführer, der die Flügel einzeln hochhievt. Weil sein Führerhaus fast auf Höhe des Schiffsdecks liegt, kann er selbst nicht sehen, wohin er die Rotorblätter knapp hundert Meter über dem Meer bugsieren muss. 150 Millionen Euro hat es gekostet, das Schiff zu bauen. Die EWE mietet es für etliche Tausend Euro pro Tag.

Auf dem Rückweg nach Borkum gibt der Kapitän wieder Gas. Irina Luckes Flieger wartet schon auf der Insel. Mit einer Propellermaschine pendelt sie zwischen Borkum und dem Festland. Die Fahrt mit der Fähre würde über zwei Stunden dauern. Mit dem Flieger ist sie in einer Viertelstunde am Ziel. Bevor sie einsteigt, sagt sie noch einmal, dass sie sich auf den Tag freue, an dem ihr Park ans Netz gehe. Tennet will nun "alles daransetzen, den Netzanschluss so schnell wie möglich zuzuschalten". Für Irina Lucke soll Riffgat ihr Meisterstück auf See werden.