"Wie mit Gehirnerschütterung Marathon laufen"

Gleich werde ich für eine halbe Stunde um 50 Jahre altern. Dann werde ich 75 sein, etwa so alt wie die meisten der Patienten, die ich später als Ärztin behandeln werde. Ich werde erleben, wie sie sich fühlen: Wie es ist, wenn die Muskeln schlaff geworden sind, die Gelenke steifer und das Hör- und Sehvermögen geringer. Ich hoffe, meine Patienten nach dieser Erfahrung besser zu verstehen, mich besser in ihre Situation einfühlen zu können.

Das alles soll ein Alterssimulationsanzug möglich machen, in den ich mich zwänge. Die in den Stoff eingenähten Gewichte zerren an meinem Körper, die Bandagen an den Gelenken, und der enge Schnitt macht mich unbeweglich. Als noch der Helm mit dem gelblichen Visier und die Ohrenschützer und die Baumwollhandschuhe dazukommen, muss ich mich erst einmal setzen.

Es fühlt sich an, als wäre ich gerade mit einer Gehirnerschütterung einen Marathon gelaufen. Dabei bin ich nach meiner Verwandlung in eine alte Frau noch nicht einmal sonderlich krank: Muskelschwund, Linsentrübung in den Augen, Altersschwerhörigkeit, etwas Taubheit in den Fingern, all das, was der Anzug simuliert, ist bei den Patienten, die ich bisher in der Inneren Medizin gesehen habe, eher die Regel als die Ausnahme.

Meine Kommilitonen geben mir ein Portemonnaie, ich soll das Münzfach öffnen und zählen, wie viel Geld drin ist. Dankbar, dass das Fach wenigstens einen Knopfverschluss hat und keinen Reißverschluss, bekomme ich es nach etwas Pfriemeln auf. Ich kippe den Inhalt vor mir auf den Tisch und beuge mich mit meinem gelben Visier dicht über die Münzen. 9,81 Euro? Stimmt. Nur dass ich dafür eine halbe Ewigkeit gebraucht habe.

Ich hieve mich hoch vom Stuhl, schwanke etwas und schlurfe aus dem Zimmer. Ich will versuchen, Treppen zu steigen. Als ich an der Treppe ankomme, bin ich fix und fertig. Ich halte mich am Geländer fest und steige eine Stufe herab. Weil ich so unbeweglich bin, ist es anstrengend, und als ich nach ein paar Stufen umdrehen will, um nach oben zu steigen, wird es noch schlimmer: Ich kann das Bein nicht richtig beugen, jede Stufe ist ein Kraftakt, außerdem sehe ich nicht richtig und habe Angst, danebenzutreten und abzurutschen.

Zurück am Tisch, versuche ich der Unterhaltung meiner Kommilitonen zu folgen. Nach mehrfachem Nachfragen verstehe ich, dass sie über mich reden: Sie haben die Zeit gestoppt, während ich das Geld gezählt habe, es war fast eine Minute. Ich versuche, noch etwas zu schreiben, aber es geht nicht richtig. Ich bin frustriert. Als ich den Anzug wieder ausziehe, kommt es mir vor, als würde ich schweben.

Ich hatte mir während des Studiums schon ein paar Mal versucht vorzustellen, wie es ist, alt zu sein. Aber erst seitdem ich den Anzug anhatte, weiß ich, wie ältere Patienten sich fühlen; und habe deshalb noch mehr Verständnis und Geduld. Geriatrie, die Medizin des Alterns, ist heute schon fester Bestandteil des Studiums, aber den Anzug gibt es leider nur an ein paar wenigen Kliniken.