ZEITmagazin: Herr Mehta, Sie gehören zu der Religionsgemeinschaft der Parsen. Woher stammen die Parsen?

Zubin Mehta: Ursprünglich aus Persien, wir glauben an die Lehren des Propheten Zarathustra. Wir waren, 500 Jahre vor Moses, die erste monotheistische Religion. Heute leben in Indien, inmitten einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, etwa 80.000 Parsen. Wir missionieren nicht, wir versuchen nicht, andere von unserer Religion zu überzeugen. Man wird als Parse geboren, und man stirbt als Parse.

ZEITmagazin: Wie ist das, einer Minderheit anzugehören?

Mehta: Als ich in den fünfziger Jahren in Wien studierte, nannte man mich "der Inder", das war aber nicht böse gemeint. In den sieben Jahren, die ich dort verbrachte, hatte ich wegen meiner Abstammung keinen Grund zur Klage. Die Menschen waren sogar sehr neugierig auf meine Kultur und meine Herkunft. Ich habe dort allerdings Antisemitismus erlebt, nicht persönlich natürlich. Ich erinnere mich an einen israelischen Freund, der mich besuchte, und mein Vermieter sagte: In meinem Haus darf kein Jude sein. So etwas Schlimmes hatte ich noch nie zuvor gehört. In der katholischen Schule in Mumbai, die ich als Kind besuchte, waren in einer Klasse sieben Religionen vertreten. Wir haben uns übereinander zwar lustig gemacht, aber es gab nie ein böses Wort oder gar Hass. Ich war von dieser Aussage derart empört, dass ich aus dem Haus auszog.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielte die Musik in Ihrem Elternhaus?

Mehta: Mein Vater war Konzertgeiger. Er übte zu Hause, allein und mit anderen, und er unterrichtete Schüler. Ich bin mit seiner Schallplattensammlung aufgewachsen. Schallplatten waren damals die einzige Möglichkeit, die Musik von Toscanini und Furtwängler zu hören. Leider war der Klang alles andere als gut. Wahren Klang habe ich zum ersten Mal bei den Wiener Symphonikern erlebt, als sie Brahms’ Erste Sinfonie spielten. Ich dachte, meine Ohren würden explodieren. Es war tatsächlich eine Offenbarung.

ZEITmagazin: Sie haben schon sehr früh dirigiert. Wie kam es dazu?

Mehta: Als ich 15 war, kam Yehudi Menuhin nach Mumbai, und ich durfte das Violinkonzert von Brahms dirigieren. Zumindest habe ich versucht, es zu dirigieren: Mein Vater hat das Orchester für Menuhin vorbereitet und die Violinstimme, also die Solostimme, gespielt. Ich kannte zwar oberflächlich die Partitur, hatte sie jedoch nicht so analytisch studiert, wie ich es später in Wien gelernt habe.

ZEITmagazin: Mit welchem Ergebnis?

Mehta: Mein Vater schrie mich danach an: "Du hast den dritten Horneinsatz nicht gegeben, du hast den Flöteneinsatz nicht gegeben!" Ich war mit 15 einfach noch nicht so weit.

ZEITmagazin: Ist Ihnen später jemals eine Aufführung missglückt?

Mehta: Oh ja, als ich in Prag zum ersten Mal Beethovens Neunte dirigierte. Ich hatte mich zwar sehr gut vorbereitet, aber ich habe sie einfach nicht dirigieren können, ich trat vor die Prager Philharmoniker und versagte. Jeder der Musiker hat das gespürt. Ich habe die Stadt danach fünf, sechs Jahre gemieden. Als mich die Prager eines Tages wieder einluden, kam ich mit zwei schwierigen Stücken, die ich wirklich gut beherrschte, Le Sacre du Printemps von Strawinsky und der Achten von Bruckner. Ich habe mich gleich zu Anfang entschuldigt und gesagt: "Ich war damals nicht vorbereitet, und jetzt will ich es noch einmal versuchen." Ich wurde vom Orchester förmlich umarmt.

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ZEITmagazin: Zur wahren Größe eines Maestros gehört es wohl, Fehler zuzugeben.

Mehta: Absolut, und Demut zu zeigen. Ich hätte damals die Neunte Sinfonie nicht akzeptieren dürfen.

ZEITmagazin: Wann erlangt man als Dirigent künstlerische Reife?

Mehta: In meinem Fall muss ich da nicht lange nachdenken: nachdem ich meine Frau Nancy kennengelernt hatte. Wir sind seit 1969 verheiratet. Sie hat mich aus meinem vorhergehenden Leben herausgeholt. Ohne auf Einzelheiten näher eingehen zu wollen – ich war ein wirklicher Bonvivant. Nancy hat meinem Leben eine Richtung gegeben. Sie hat trotz meiner Fehler immer eisern zu mir gehalten. Mit ihr hat sich mein Lebensstil grundlegend geändert, und mein Musizieren ist gereift.

ZEITmagazin: Wie hat sie das geschafft?

Mehta: Mit Lebensdisziplin. Erst nach meiner Hochzeit fand ich innere Ruhe. Zuvor war ich rastlos. Ich habe Beethovens Eroica damals mit Shpilkes in Tuches dirigiert, wie man im Jiddischen sagt: auf Nadeln sitzend. Mein Tempo bei der Eroica hat sich zwar nicht geändert, ebenso wenig wie meine Grundinterpretation, aber heute führe ich mit mehr Ruhe. Ich dirigiere mein Orchester eher im humanistischen Sinn und orientiere mich an den Werten und der Würde des Einzelnen. Ich glaube, ich bin ein besserer Mensch geworden, meine Musik wurde reifer. Meine Frau hat mir Substanz gegeben. Ich bin ihr dafür sehr dankbar.