SeatrekkingWasser, marsch!

Schnorcheln, wo die Wanderwege enden: Seatrekker erkunden Küsten mit aufblasbaren Rucksäcken, die man über die Berge tragen und im Wasser hinter sich herziehen kann. Ein Selbstversuch in Italien am Kap von Portofino. von Julius Schophoff

Bernhard Wache kann schweigen wie ein Fisch, doch fragt man ihn nach dem Sport, den er erfunden hat, beginnt er zu erzählen: von Freiheit und Ursprünglichkeit, von der Kraft unberührter Orte, von entlegenen Stränden und Nächten unter freiem Himmel. Davon, wie man unter Wasser, in acht oder neun Metern Tiefe, zu schweben beginnt und vergisst, dass man irgendwann wieder atmen muss. Von dem Augenblick, in dem man zu einem Teil des Meeres wird.

An einem Morgen im Juni steuert Bernhard, 41, dunkle Lockenmähne, seinen Diesel-Kombi aus der verregneten Münchner Innenstadt in Richtung Brennerpass. Unser Ziel ist die ligurische Küste, am westlichen Stiefelsaum Italiens. In den Meeresschutzgebieten am Kap von Portofino darf kein Schiff fahren – eine Gegend wie geschaffen zum Seatrekking.

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Schnorcheln, das kenne ich zwar schon, aber diesmal werden wir vier Tage lang unterwegs sein, drei davon im Wasser, mitsamt all unserem Gepäck. Dabei ist auch Bernhards Kumpel Fabian Kleiner, 33, ein kurzer Kerl mit breitem Kreuz, der das Meer bisher vor allem aus der Perspektive des Kiteboarders kennt. Die Erzählungen seines Freunde haben ihn neugierig gemacht. Noch ahnt er nichts von den wilden Kreaturen, die ihm in den kommenden Tagen und Nächten Momente heller Panik und tiefen Glücks bescheren werden.

Seatrekking, Meereswandern – die Idee ist so einfach, dass man sich fragt, warum vor Bernhard noch niemand darauf gekommen ist: Man wandert an der Küste entlang, bis die Landwege enden, und schwimmt dann im Meer weiter, mit Neoprenanzug, Taucherbrille und Schnorchel. Bildet das Wasser für den gemeinen Wanderer die natürliche Grenze, fängt hier für Seatrekker der Spaß erst richtig an: Sie tauschen Schuhe gegen Flossen und schnorcheln nahe der Riffkanten, tauchen ab in unberührte Unterwasserwelten und gelangen so zu Buchten, Stränden und Höhlen, die vor ihnen selten eine Menschenseele betreten hat.

Auf der Halbinsel Portofino angekommen, wirft die Sonne ihr letztes Licht auf die schmalen Fassaden bunter Fischerdörfer. Signorinas fliegen auf Motorrollern durch die Gassen, am Hafen flicken greise Fischer in Unterhemden ihre Netze. Vieles hier sieht noch aus wie in den fünfziger Jahren, als die Gegend eine beliebte Filmkulisse war und die Prominenz Portofino zu einem ihrer Lieblingsurlaubsziele erkor. Massentourismus gibt es bis heute nicht, dafür mondäne Grandhotels, Wohnschlösser und Luxusjachten. Wer in dieser Gegend seine Ferien verbringen will, braucht Geld, viel Geld. Oder einen Rucksack, der schwimmen kann.

Seit Bernhard in den neunziger Jahren anfing, von mehrtägigen Freitauchtouren abseits der Zivilisation zu träumen, beschäftigte ihn die Frage: Wie bekomme ich mein Gepäck trocken durchs Meer – und gleichzeitig komfortabel über Bergkämme? Weil es kein Produkt gab, das seinen Ansprüchen auch nur halbwegs gerecht wurde, nahm er die Sache selbst in die Hand. Tagsüber arbeitete er weiterhin als Ausstellungsarchitekt, nachts zog er sich in seinen Keller zurück, um zu basteln.

Die Kieselsteine in der Weste machen das Sinken leichter

"Ein Werkzeug ist nicht nur Mittel zum Zweck", sagt Bernhard, "ein Werkzeug kann einem die Welt erschließen." So ähnlich hat er das mal bei Antoine de Saint-Exupéry gelesen. Mit der Nähmaschine seiner Oma flickte er die Hauptkammer des Rucksacks zusammen; mit Heißluftfön und thermischem Kleber verschloss er die Nahtstellen. Die Spannvorrichtung für die Rucksackhaut schweißte er aus einem Wagenheber und zwei Metallschalen zusammen. So ging das über Jahre, Prototyp für Prototyp. Herausgekommen ist dann am Ende das "Sea Pack Charles D.", benannt nach Charles Darwin. Durch ein Ventil bläst man den Rucksack nach dem Packen auf, setzt eine Fahne oben drauf und zieht ihn wie eine Taucherboje an einer flexiblen Leine hinter sich her. Im Januar hat Bernhard damit den "Brand New Award" der ISPO gewonnen, der weltgrößten Fachmesse für Sportartikel.

Leserkommentare
    • wickus
    • 26. Juli 2013 8:10 Uhr

    Und bringt mich auf neue Wanderideen hier auf Mauritius. :)

    Gruss aus dem Ozean
    Wickus

    • JK68
    • 26. Juli 2013 8:15 Uhr

    Danke fuer den tollen Artikel. Als Taucher kann ich vieles nachvollziehen, aber das Ganze als Wandertour aufzuziehen ist genial. Zurück zur Natur ziemlich pur. Habe Lust bekommen es auch einmal zu versuchen.
    JK

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Super Idee, dann sind ja endlich wieder ein paar schönen Flecken Natur, weil bislang schwer erreichbar, kaputtbar.
    Zum Wohle unserer Funabteilung selbstverständlich, die ja dringend neueTrends sucht. Trekking,Touring,Mountainbiken,Freeclimbing, Kitesurfing,Rafting,Canyoning,Tauchen..........alles alter Hut.
    Nein, wir verlegen jetzt unsere Wandertage ins Meer und treten die letzten Stückchen Meeresflora und Fauna auch noch platt.

    Aber Bitte: Beim Verlassen, Plastikflaschen und andere schwer abbaubare Gegenstände in den dafür auf dem Meeresgrund vorgesehenen Mülltonnen entsorgen.

    Vielen Danke

  1. Super Idee, dann sind ja endlich wieder ein paar schönen Flecken Natur, weil bislang schwer erreichbar, kaputtbar.
    Zum Wohle unserer Funabteilung selbstverständlich, die ja dringend neueTrends sucht. Trekking,Touring,Mountainbiken,Freeclimbing, Kitesurfing,Rafting,Canyoning,Tauchen..........alles alter Hut.
    Nein, wir verlegen jetzt unsere Wandertage ins Meer und treten die letzten Stückchen Meeresflora und Fauna auch noch platt.

    Aber Bitte: Beim Verlassen, Plastikflaschen und andere schwer abbaubare Gegenstände in den dafür auf dem Meeresgrund vorgesehenen Mülltonnen entsorgen.

    Vielen Danke

    Antwort auf "Toller Artikel"

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