Kriegsopfer in Aleppo © Muzaffar Salman/Reuters

Autobomben in Damaskus, Luftangriffe auf Homs, Fraktionskämpfe zwischen Islamisten und säkularen Rebellen in Idlib, Demonstrationen in Al-Rakka... Das sind Nachrichten der vergangenen Wochen aus Syrien. Wirklich überrascht ist man eigentlich nur über die letzte. Demonstrationen? In Syrien wird noch demonstriert?

Ja, in Syrien wird immer noch demonstriert. Gegen das Regime von Baschar al-Assad, gegen Menschenrechtsverletzungen der Rebellen und, wie vor Kurzem in Al-Rakka, gegen Dschihadisten der Al-Nusra-Front, die sich als Befreier gerierten, nur um der Bevölkerung ihr Religionsdiktat aufzudrücken. "Das ist unsere Revolution, wir lassen sie uns nicht stehlen", lautete eine der Parolen.

Transparente hoch zu halten und Graffiti zu sprühen sind ziemlich unspektakuläre Aktionen inmitten eines Bürgerkriegs, in dem ein Diktator ganze Stadtviertel in Schutt und Asche bomben lässt und in dem Aufständische, wie zuletzt ein Brigadeführer aus Homs, vor laufender Kamera die Leichen der Gegner verstümmeln.

Aber dieser Protest ist nicht das letzte Aufbäumen der hilflosen, sondern Ausdruck einer breit gefächerten gewaltfreien Opposition. Dieses Potenzial zu ignorieren war von Beginn an ein schwerer Irrtum westlicher Regierungen. Immerhin einer, den man korrigieren kann.

Die westliche Politik im Syrien-Krieg ist die Geschichte eine Serie von Fehleinschätzungen. Die gravierendste bestand in den voreiligen Nachrufen auf das Assad-Regime – verbreitet und vertreten von Politikern wie Journalisten, einschließlich der Autorin dieser Zeilen. Der zweite Fehler bestand darin, Assads Bundesgenossen zu unterschätzen: Für das schiitische Bündnis zwischen dem Iran und der libanesischen Hisbollah ist die Aufrechterhaltung des syrischen Regimes eben nicht bloß ein geostrategisches Machtspiel, sondern eine Frage des eigenen Überlebens in einer sunnitisch dominierten Region. Wer sich existenziell bedroht fühlt, handelt konsequenter und skrupelloser als ein zauderndes, Nahost-müdes westliches Bündnis.

Den jüngsten Rückzieher hat gerade der britische Premierminister David Cameron vollführt, der nun offenbar sein Vorhaben aufgibt, syrische Rebellen mit Waffen zu versorgen. Das verleitet gleich zur nächsten Fehleinschätzung: Dass Assad diesen Krieg am Ende doch noch gewinnen könnte – und dass mit den zunehmend islamistischen Aufständischen ohnehin kein Staat zu machen wäre.

Man könnte nun lange und ergebnislos darüber diskutieren, ob westliche Staaten zu Beginn des Konflikts militärisch hätten eingreifen sollen oder müssen. Es ist nicht geschehen, und die Einflussmöglichkeiten auf den Kernkonflikt sind mittlerweile extrem begrenzt. Assad wird – und da sind sich Beobachter in der Region ausnahmsweise einmal einig – Syrien nicht mehr unter seine Kontrolle bringen. Aber er wird bis auf Weiteres ein Machtfaktor mit einem beträchtlichen Rumpfstaat bleiben. Ohne ihn (und den Iran) wird es keine Verhandlungen geben – so sie denn in absehbarer Zeit stattfinden werden. Seine Kriegsgegner werden dank anhaltender Unterstützung aus Katar und Saudi-Arabien größere Gebiete halten können. (Übrigens auch mithilfe deutscher Rüstungsgüter. Niemand soll glauben, dass die nach Saudi-Arabien exportierten Rekordmengen an Waffen made in Germany alle dort bleiben.)

Dass Saudis, Kataris und Iraner in Syrien einen Stellvertreterkrieg ausfechten können, ist für die Bevölkerung verheerend und für die internationale Gemeinschaft ein beschämendes Zeugnis. Aber deswegen muss sie diesen Akteuren nicht auch die Vorherrschaft in den befreiten Gebieten überlassen. Die westliche Hilfe für all die Bürgerkomitees und improvisierten Stadtverwaltungen, die nach dem Abzug des Assad-Regimes Schulen und Krankenhäuser unter schwierigsten Bedingungen weiterführen, ist minimal. Die katarische läuft im Vergleich dazu wie geschmiert. Wie sehr sich radikale Islamisten in befreiten Gebieten ausbreiten können, ist weniger eine Frage der Gewaltbereitschaft als der Ressourcen, die sie der Bevölkerung bieten können. Die europäische Lethargie ist nicht nur menschlich erbärmlich, sondern auch ein strategisches Desaster.

Gleiches gilt für den Umgang mit syrischen Flüchtlingen in den Nachbarländern. Die Zahlen sind enorm, die logistische Herausforderung für die Helfer ist es ebenfalls. Aber das entschuldigt nicht die katastrophale Unterversorgung. Wer wirklich versuchen will, den Syrien-Krieg einzudämmen, der kann weit mehr tun, als über das Pro und Contra von Waffenlieferungen zu streiten.