Es ist das letzte Treffen, und Anke Engelke hängt nackt an der Wand. Es ist ein Gemälde, ein Requisit aus dem Dietl-Film Vom Suchen und Finden der Liebe, in dem Engelke die Ehefrau von Uwe Ochsenknecht spielt und eine Affäre mit Harald Schmidt hat. Engelke setzt sich so, dass sie das Bild nicht anschauen muss, es ist in ihrem Rücken, so wie all die Preise, die sie in ihrem Leben gewonnen hat und die hier, im Büro ihrer Managerin, stehen wie in einem Museum. Ein Engelke-Museum, voll mit Zeugs, mit dem sie nichts zu tun haben will.

Drei Monate vorher. Nachts um zwei sitzt Anke Engelke auf dem Sofa ihres Hotelzimmers und denkt darüber nach, ob sie an allem schuld ist. Irgendwas ist vor ein paar Stunden furchtbar schiefgelaufen, und dafür muss es einen Grund geben und einen Schuldigen, und Anke Engelke muss der Sache jetzt nachgehen. Sie wählt Telefonnummern, sie muss mit jemandem reden, am besten mit einem Verantwortlichen, mit einem, der ihr mal erklären kann, warum die Band Cascada gerade den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewonnen hat. Aber Engelke erreicht niemanden, wahrscheinlich sind noch alle auf der Party in der Halle gegenüber, auf dem Messegelände in Hannover, dort, wo Anke Engelke Unser Song für Malmö moderiert hat, live, die ARD übertrug. Engelke fragt: "Habe ich denn irgendwas falsch gemacht?"

Sie hat nichts falsch gemacht, sie hat die Show großartig moderiert, darin werden sich am nächsten Tag alle einig sein. Sie saß nicht in der Jury, sie konnte den Ausgang der Wahl nicht beeinflussen, aber sie kann dafür sorgen, dass sie in Zukunft mit dieser ganzen Eurovisions-Geschichte nichts mehr zu tun haben wird. Anke Engelke kann manchmal sehr hart sein. Hart und streng und konsequent. Vor allem, wenn ihr die Dinge wichtig sind. Und ihr ist es nun einmal wichtig, wer für Deutschland beim Eurovision Song Contest antritt, so einfach ist das.

Zwei Monate zuvor, Mitte Dezember 2012. Anke Engelke schaut aus einer großen bunten Fensterwand und unterhält sich dabei mit einem Kind, stellt Fragen, blödelt ein bisschen herum, manchmal sagt sie nur "Mhm...". Sie zeichnet in den WDR-Studios in Köln gerade Elefantierisch auf, sie muss die Einspieler mit den Kindern drehen, in den kurzen Unterbrechungen singt sie Lieder von Rihanna und versucht das Team bei Laune zu halten. Es ist kalt in der Halle, es ist der letzte Drehtag für die neue Staffel, alle sind ein bisschen erschöpft. Am Telefon sagte Engelkes Managerin Ute Shaw, dass man sich dort kennenlernen könne – Anke werde dann entscheiden, ob sie Lust hat, sich ein halbes Jahr von mir begleiten zu lassen, damit man versteht, wer diese Anke Engelke eigentlich ist. Denn einerseits gibt Anke Engelke natürlich Interviews und geht in Talkshows; man weiß, mit wem sie verheiratet ist und wie viele Kinder sie hat (verheiratet mit dem Musiker Claus Fischer, drei Kinder); Anke Engelke ist nicht Stefan Raab – sie verweigert sich den Medien nicht. Andererseits: Was weiß man tatsächlich von ihr? Das Alter? Anke Engelke wird in diesem Jahr 48.

Das erste Treffen also, ein kleiner Raum neben dem Fernsehstudio. Engelke isst mitgebrachte Brote und hat sich in einiger Entfernung von mir hingesetzt. Es scheint, als brauche sie diesen Abstand, als wolle sie keine Nähe zulassen. Die ersten Fragen beantwortet sie knapp, reserviert: Ihr größtes Talent? "Ich bin absolut angstfrei." Keine Lust auf Wetten, dass..? gehabt? "Nee. Wurde aber auch nicht gefragt." Warum denn das nicht? "Weil ich Quotengift bin. Und keine Moderatorin. Ich bin Schauspielerin, die manchmal eine Moderatorin spielt." Ach. "Ja. Wenn ich für eine Moderation Lob bekomme, dann muss ich lachen. Das ist keine Kunst. Man muss Texte auswendig lernen, den Ablauf proben. Ich kann das nicht ernst nehmen." Etwas nicht ernst nehmen – im Verlauf unserer Treffen wird das noch eine Rolle spielen. Sie beißt von ihrem Brot ab, schaut aus dem Fenster und kaut. Dann sagt sie noch, etwas leiser: "Fernsehen ist eigentlich dumm. Ich will nicht, dass man das wichtig nimmt. Ich will auch nicht, dass man mich wichtig nimmt."

Engelke kann Menschen verstehen, die sie "Ulknudel" nennen

Das Problem ist allerdings, dass Anke Engelke für Momente verantwortlich ist, in denen das Fernsehen nicht dumm ist, sondern schlau und schlagfertig und lustig und unterhaltsam und verrückt und grandios. Ihre Moderation beim Eurovision Song Contest vor zwei Jahren mit Judith Rakers und Stefan Raab war eine Sensation; ihre Sketchreihe Ladykracher gehört zum Besten, was das Comedy-Genre zu bieten hat; sie synchronisiert außerdem die Zeichentrickfigur Marge Simpson; für die ARD dreht sie gerade eine Reportage zum Thema "Glück"; sie moderiert die Gala der Berlinale; vom 27. Juli an ist sie im WDR die Gastgeberin der Kulturshow Anke hat Zeit; sie gilt als lustigste Frau im deutschen Fernsehen – und das jetzt schon seit über 15 Jahren. Die Frage lautet auch, wie man das schafft.

Das zweite Treffen mit Anke Engelke findet Anfang Februar statt, an einem sogenannten Promo-Tag, an dem Engelke von morgens bis abends mit Journalisten über die 3-D-Fassung des Animationsfilms Findet Nemo spricht, in dem sie einem Fisch ihre Stimme leiht. Die Filmfirma achtet darauf, dass so viele Journalisten wie möglich mit Engelke reden können, was zur Folge haben wird, dass sich einige Fragen wiederholen ("Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dir und dem Fisch?") und dass manche Journalisten von Engelke Privates wissen wollen ("Wie erziehst du eigentlich deine Kinder?"). Es kommen Kinderreporter, die die besten Fragen stellen und Anke Engelke duzen, es kommen Redakteurinnen von Frauenzeitschriften, die über Mode sprechen wollen und Anke Engelke duzen, und es kommen ältere Kollegen, die eigentlich keine Fragen haben und Anke Engelke duzen. Und sie hält es aus, professionell, höflich, in der kurzen Mittagspause sagt sie: "Das ist halt Teil meines Jobs."

Der Job von Anke Engelke sieht in dieser Februarwoche so aus: Nach dem Interviewmarathon muss sie am nächsten Morgen zum Frühstücksfernsehen, danach macht sie im Berliner Sea Life noch einmal Werbung für Findet Nemo und dreht nebenbei für den Kinderkanal, am Abend moderiert sie die Eröffnungsgala der Berlinale, am nächsten Tag ist das Fotoshooting mit Brigitte Lacombe für diese Geschichte. Danach: Flug nach Köln, Auftritt mit der Band "Fred Kellner und die famosen Soulsisters", in der sie seit 24 Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester singt; in der kommenden Woche die Moderation von Unser Song für Malmö; außerdem: Talkshowauftritte, Synchronisationsjobs, Dreharbeiten. Und dann werden in einem Kölner Kino die neuen Sketche der kommenden Ladykracher-Staffel gezeigt, die Lacher des Publikums, die man dann später im Fernsehen hört, sind also echt. Ladykracher ist immer noch der Mittelpunkt im Engelke-Universum.

Anke Engelke kann verstehen, dass es Menschen gibt, die genug von ihr haben, denen sie auf die Nerven geht – Menschen, die "Ulknudel" sagen, wenn sie Anke Engelke meinen. Dazu gehören auch Menschen, die sie bewundert – aber die mit ihr nichts anfangen können. Einmal hatte sie eine Begegnung mit dem Maler Georg Baselitz, sie hat nach einem gemeinsamen Besuch seiner Ausstellung Jugendliche durch die Kunsthalle Bonn geführt, Engelke wollte einmal Museumspädagogin werden, das hat sie mehrere Semester studiert. Sie kennt das Werk von Baselitz, sie hat zu seinen Bildern eine Meinung; "Baselitz kennt meine Kunst nicht und hatte dennoch eine Meinung zu mir: Er fand mich einfach richtig doof".

Ihre Kunst. Worin besteht die genau? Was ist eigentlich ihr Beruf? Moderatorin? Schauspielerin? In den USA nennt man Menschen wie Anke Engelke Entertainer, und im Prinzip trifft das genau, was sie macht: Sie unterhält Menschen – und dafür bedient sie sich verschiedener Ausdrucksmittel. Und eines Stilmittels, nämlich der Selbstironie. Machen die wenigsten, denn Selbstironie bedeutet, die Dinge an sich ranzulassen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Für den Selbstironiker gilt, was auch für den Zyniker gilt – der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce hat es so formuliert: "Der Zyniker sieht die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten." Diese Wahrheit steckt in jedem Ladykracher-Sketch, weil Engelke die Frauen, die sie spielt, genau beobachtet, sie sind ihr nicht fremd. Wenn sie zum Beispiel in einem Sketch eine Ehefrau und Mutter spielt, die von ihrer kleinen Tochter zum Geburtstag etwas Selbstgebasteltes geschenkt bekommt, und die Mutter das Geschenk kritisiert und buchstäblich in der Luft zerreißt ("Was soll das sein? Eine Ente? Das ist ein verkrüppeltes Stück Holz!"), dann ist diese Figur so nah dran an Engelke, dass der Gag nur über diese Wahrhaftigkeit funktioniert.

Vor über hundert Jahren versuchte der französische Philosoph Henri Bergson in seiner Schrift Das Lachen die Komik zu definieren. "Es gibt", schreibt er, "keine Komik außerhalb dessen, was wahrhaft menschlich ist." So weit stimmt das, über ein Auto kann man nicht lachen. Bergson behauptet allerdings weiter: "Das Lachen hat keinen größeren Feind als die Emotion. Die Komik bedarf also einer vorübergehenden Anästhesie des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an den reinen Intellekt." Und das stimmt natürlich nicht. Auf die Frage, warum Menschen lachen, antwortete der französische Schauspieler Christian Clavier einmal: "Sie haben Angst vor dem Tod." Selbstironie bewegt das Herz, wie sonst vielleicht nur die Liebe. Selbstironie wendet sich niemals an den Intellekt, immer an das Gefühl – an das eigene und an das des Gegenübers. Denn man muss die Menschen lieben, um sich über sie lustig machen zu können – um über sie zu lachen, um mit ihnen zu lachen. Man muss dem Leben bei der Arbeit zuschauen. Man muss es ernst nehmen. Das ist es, was Engelke macht.

Und dann macht sie noch etwas anderes, etwas, wofür sie womöglich gar nichts kann: Präsenz herstellen. Vor einer Kamera, vor Publikum kann sie etwas einschalten, ein Leuchten, irgendwas Unbestimmbares, jedenfalls kann sie plötzlich "da sein", während andere einfach nur anwesend sind.

Und natürlich gelingt ihr auch das Gegenteil. Ein Februarfreitag in Berlin. Anke Engelke hat am Abend zuvor die Gala der Berlinale moderiert, leicht, souverän, der Sender 3sat übertrug. Am Morgen das Fotoshooting, Engelke hat wenig geschlafen, als es nach drei Stunden vorbei ist, sitzt sie in einem Taxi zum Flughafen und wirkt klein, erschöpft, nicht ganz da. Sie telefoniert mit ihren Eltern, sie versucht sie zu überreden, zu dem Auftritt zu kommen. Im Gespräch ist sie unkonzentriert, im Wartebereich des Flughafens nickt sie kurz ein, andere Passagiere starren sie an, sie nimmt davon keine Notiz. In Köln verschwindet sie in ein Taxi, später steht sie in einem Las-Vegas-Kostüm auf der Bühne der "Kantine" und singt eines ihrer Lieblingslieder von Michael Jackson, PYT, und das Publikum klatscht und wundert sich ein bisschen über die lustige Frau aus dem Fernsehen, die da oben voller Inbrunst davon singt, dass sie jemanden lieben will, der diese Liebe braucht, Streicheleinheiten, "and I’ll take you there...". Und das Publikum ahnt in diesem Moment vielleicht, wie viel Ernst es braucht, um die Dinge nicht ernst zu nehmen.

Unser Song für Malmö - an diesem Abend ist sie der Star

Fünf Tage später. TUI Arena, Messegelände Hannover. Noch zwei Stunden bis zum Beginn der Liveübertragung von Unser Song für Malmö. Es ist die Generalprobe, der gesamte Ablauf wird einmal komplett durchgegangen, Engelke wirkt fahrig, sie findet Markierungen nicht, verpasst ihre Einsätze, sie scheint verloren auf der riesigen Bühne. Dann verschwindet sie in ihrer Garderobe, eine Maskenbildnerin ist bei ihr, kümmert sich um Engelkes Gesicht, um ihre Haare. Einmal kommt der Autor der Show ins Zimmer, er hat an den Moderationstexten gefeilt, sie verbessert, schreibt noch einen Gag hinein. Er reicht Engelke die Karten und verschwindet. Sie schaut die Karten durch, während die Maskenbildnerin an ihren Haaren rumfummelt. Engelke liest und nickt, dann sagt sie, dass dieser Autor einer der besten sei und dass sie das ja überhaupt nicht könne. "Ich bin nicht kreativ. Null." Noch eine halbe Stunde, dann, um Viertel nach acht, als die Übertragung beginnt, ist Anke Engelke plötzlich da. Sie hat das Publikum im Saal von Anfang an im Griff, die Gags zünden, die Menge folgt ihr, und wenn sie während eines Gesangsauftritts durch die Halle rast wegen eines Positionswechsels, dann jubeln die Zuschauer ihr zu, denn die Wahrheit ist: An diesem Abend ist sie der Star, die Leute sind gekommen, weil sie moderiert, und zu Hause haben die Leute den Fernseher angemacht, um sie zu sehen. Und alles stimmt. Sie vergisst nichts, alle Unsicherheiten der Probe sind verschwunden, sie beherrscht die Halle. Und als es vorbei ist, geht Engelke in ihre Garderobe und sagt über das Publikum: "Die waren warm. Die haben zugehört. Wenn es funktioniert, dann kickt so ein Auftritt, aber damit es funktioniert, darf es niemals so aussehen, als würde ich mich anstrengen." Sie wechselt ihr Outfit, auf der Bühne trug sie ein rotes Abendkleid, großer Auftritt, hier in der Garderobe erkennt man erst wieder, wie klein, fast zart Engelke ist. Dass sie 47 Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an, das Mädchenhafte ist ihr geblieben, Falten – klar, sind da, aber sie fallen nicht auf. Und dann besucht sie, dem Ablauf des Abends folgend, die Pressekonferenz, bei der eigentlich Natalie Horler, die Sängerin von Cascada, die Siegerin, ihren großen Auftritt haben sollte. Aber kaum ist Engelke da, interessieren sich die Journalisten nur noch für sie, der Eurovision-Journalist Jan Feddersen will unbedingt ein Foto, ein englisches TV-Team macht ein Interview. Es scheint, als habe Deutschland gerade entschieden, Anke Engelke nach Malmö zu schicken – und nicht Cascada. Und Engelke erträgt es, eine halbe Stunde lang, dann flüchtet sie in ihr Hotelzimmer, setzt sich auf das Sofa und denkt darüber nach, ob das alles ihre Schuld sei, wählt Nummern, grübelt. Dabei isst sie eine sehr schlechte Pizza. Später telefoniert sie mit ihrem Mann, mit ihrer Tochter. Und dann redet sie über Stockinger. Eigentlich sagt sie nur einen Satz, er fällt fast bei jedem unserer Treffen: "Ich habe Stockinger alles zu verdanken, und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke."

Sie geht nicht auf Partys. Sie will nicht, dass es dann heißt, Anke Engelke war auch da

Hans Peter Stockinger war ihr Chef, als sie beim Radio gearbeitet hat. Eine Legende. Einziger Programmchef des Senders SWF3, von 1975 bis 1998. 23 Jahre lang war er für den besten deutschen Popmusiksender verantwortlich, der zeitweise Rekordeinschaltquoten einfuhr. Und Stockinger war auch ein unerbittlicher Journalistenausbilder, hart, gerecht, sie nannten ihn im Sender "Stock", und es hielt sich hartnäckig das Gerücht, er sei am ganzen Körper tätowiert. Nicht wenige, die später im Fernsehen Karriere gemacht haben, sind durch die Stockinger-Schule gegangen: Claus Kleber, Frank Plasberg, Elke Heidenreich, Christine Westermann. Sie alle äußern sich noch heute voller Dankbarkeit über den Mann, der mit seinen 75 Jahren längst im Ruhestand ist. Ich erreiche ihn telefonisch, er spricht gerne über die Vergangenheit, als er mit seinem Team das Radio revolutioniert hat, als er als Erster eine Sprache gefunden hat, um auch auf Deutsch angemessen über Popmusik zu reden. Stockinger sagt: "Und Engelke war später ein Star im Umgang mit Popmusik und Sprache. Sie war so unmittelbar. Dauerte aber. Am Anfang war sie ja noch sehr schüchtern."

Er erinnert sich daran, dass Engelke in den Konferenzen immer den Platz an der Tür hatte, um schnell den Raum verlassen zu können. Und als er ihr Talent erkannt hatte und sie fragte, ob sie nicht nur die Morgensendungen moderieren wolle, sondern auch das Flaggschiff des Senders, den Pop Shop, habe sie gesagt, dass sie das nicht könne. Er hat sie dann doch überredet und erzählt folgende Geschichte: "Ich erinnere mich an einen Abend, ich war in Karlsruhe im Kino und bin auf der Schnellstraße nach Hause nach Baden-Baden. Habe natürlich Radio gehört, und an diesem Abend hat Engelke den Pop Shop moderiert. Ich musste mein Auto in einer Haltebucht parken, weil ich so begeistert war. Ich habe dann lauter gemacht und nur noch zugehört und gedacht: Das ist es. Besser geht’s nicht." Und Stockinger sagt, dass Engelke dazu neige, ihr Können kleinzureden. Das sei schon immer so gewesen. Mit Lob habe sie nie umgehen können.

Engelke kann kein Lob annehmen, aber sie kann es verteilen. Sie ist seit vier Jahren Gastprofessorin an der Kunsthochschule für Medien in Köln, als Lehrerin ist sie konstruktiv, sie lobt, kritisiert, ermuntert, am Ende des Seminars verabschiedet sie sich von jedem Einzelnen, dann gehen wir gemeinsam zu Fuß von der Hochschule in ein Café, dabei wird sie einmal um ein Autogramm und einmal um ein Foto gebeten, zwei Teenager tuscheln, ansonsten lässt Köln sie in Ruhe, vielleicht liebt Anke Engelke diese Stadt auch deshalb. Sie fährt meistens mit der Straßenbahn, und will mir jetzt Geschäfte zeigen, die sie toll findet, einen Feinkostladen, ein Papierwarengeschäft, schließlich das kleine Café, in dem es hausgemachte Törtchen zu kaufen gibt.

Wir setzen uns in den Innenhof, Engelke bestellt Wasser. Gab es Fehlentscheidungen in ihrem Leben? "Dass ich das Studium nicht abgeschlossen habe. Hätte ich gerne. Ich habe die Zwischenprüfung gemacht und dann gemerkt, dass ich zum Lernen gar keine Zeit mehr hatte. Ich hätte auch gerne eine Gesangsausbildung gemacht und ein Instrument gelernt. Weil ich mich nicht rechtfertigen möchte, wenn ich über Musik rede und irgendwer meint, ich hätte davon keine Ahnung." Wenn Engelke gefragt wird, dann schaut sie einem direkt in die Augen – wenn sie antwortet, schaut sie irgendwo anders hin. Sie sagt, sie finde es komisch, dass sie sich zu so vielen Sachen immer und immer wieder äußern müsse. Sie sagt: "Man ist dann ja ganz schnell bei der Pflicht eines Prominenten. Jetzt auch. Wie viel soll ich Ihnen erzählen? Wie viel will ich Ihnen erzählen? Mein Problem ist, dass ich professionell höflich bin. Ich versuche, nie schroff zu werden. Privat ist das anders. Wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, und jemand macht von uns ein Handyfoto, dann gehe ich zu demjenigen hin und kann sehr bestimmt sein. Der wird sich dann natürlich wundern und denken, aber das ist doch so eine lustige, lässige... Doch das bin ich eben nicht, wenn ich freihabe." Sie macht eine Pause, dann: "Ich bin privat auf eine Art gnadenloser als im Job."

Sie nennt Beispiele, damit man sie versteht, sie möchte aber nicht, dass man die aufschreibt. Sie erzählt auch die Geschichte einer wirklich schlimmen Erfahrung mit den Boulevardmedien mit der Bitte, auch diese Geschichte nicht aufzuschreiben. Es ist, als wolle sie nicht, dass das Ernste die öffentliche Wahrnehmung ihrer Person berührt – sie will das mit sich ausmachen. Und sie muss sich schützen, deshalb geht sie nie auf Partys, auch nicht auf Partys von Freunden. Sie will nicht, dass hinterher irgendeiner erzählt, dass Anke Engelke auch da war, und dass das dann vielleicht wichtiger war als die Party. Übertreibt sie nicht ein wenig? Ist sie nicht etwas zu... "Dogmatisch? Ja, bin ich leider. Dadurch bin ich auch manchmal nicht so entspannt gegenüber anderen Meinungen und Haltungen – weil ich zu konsequent meine Haltungen durchziehe. Ich besitze ein Paar wunderschöne Turnschuhe, ich mag die wirklich sehr, aber ich kann sie nicht mehr anziehen, weil ich die mal auf einem Foto an einem Neonazi gesehen habe." Sie sagt, so etwas gehe ihr sehr nah, zu nah. "Ich habe gerade eine Anfrage auf dem Tisch, die wollen, dass ich eine Sache unterstütze, die mir tatsächlich sehr am Herzen liegt. Aber es gibt da jemanden, der diese Organisation auch unterstützt, und den finde ich nicht glaubwürdig. Deshalb kann ich da nicht mitmachen." Es ist manchmal ziemlich kompliziert, Anke Engelke zu sein.

Ihre Ernsthaftigkeit, die vielleicht alles erst möglich macht

Seit zehn Jahren unterstützt sie die Hilfsorganisation action medeor, die Medikamente dorthin liefert, wo sie am nötigsten gebraucht werden. Wenige Menschen haben von action medeor gehört, noch weniger wissen wahrscheinlich, dass Anke Engelke das Gesicht dieser Organisation ist. Wenn sie mit einer kleinen Gruppe nach Togo reist, um sich die Arbeit vor Ort anzuschauen, dann reist kein Bild- Reporter mit wie vor Kurzem mit Jan Josef Liefers nach Syrien. Engelke denkt eher einmal zu oft darüber nach, ob eine Reise wirklich sinnvoll ist. Aber bei action medeor sagen sie, dass es ihnen auf Glaubwürdigkeit ankomme – nicht auf Effekte. Und wenn man einen Tag in der Zentrale der Organisation verbringt, im beschaulichen Tönisvorst bei Krefeld, dann ahnt man, dass die Zusammenarbeit funktioniert, dass Engelke und action medeor zusammenpassen. Die Hilfsorganisation verzichtet auf große Gesten, die Spenden werden nicht für Werbung benutzt, sondern für Medikamente und medizinisches Gerät, das in Entwicklungsländer transportiert wird. Und neben der Glaubwürdigkeit bekommt action medeor von Engelke noch eine Portion Glamour. Bernd Pastors, der Vorstandssprecher, sagt: "Anke ist ein Segen für den Verein, ein großes Glück." Er sagt, sie sei bei allem, was sie tue, authentisch.

Authentisch. Nach Ansicht des großen Harald Schmidt, den Engelke verehrt, ist es ja eigentlich das gemeinste Schimpfwort unserer Tage. Aber ist Anke Engelke überhaupt authentisch? Das letzte Treffen, im Büro ihrer Managerin, dem Raum mit dem Bild und den Preisen, dem Engelke-Museum. Authentisch also. Ist sie das? "Man wird ja schnell zum Gütesiegel, wenn man sich nur da beteiligt, wo es mindestens bedeutend, schlau, gerecht oder wenigstens lustig zugeht. Also gucke ich genau hin und versuche, nur Sachen zu machen, bei denen ich kein Bauchweh bekomme. Dann kann ich das anschließend eins a verteidigen. Wenn ich selber unglücklich bin, stehe ich doch da wie ein Idiot, wenn ich mich erklären muss und rumlüge."

Engelke will nicht lügen, deshalb will sie die Dinge verstehen, besser spät als nie. So wie die Sache mit der Emanzipation. Ihre eigene kam spät, sehr spät, etwa zu der Zeit, als sie mit der Wochenshow sehr erfolgreich wurde, Ende der Neunziger, da war sie schon über 30. "Ich habe diesen Erfolg ja nie hinterfragt, das kam erst, als andere zu mir meinten: Warum sind denn da nur Männer um dich herum? Du hast ja deine Karriere komplett Männern zu verdanken, oder?" Sie hat sich dann mit Alice Schwarzer angefreundet und wegen dieser Freundschaft, so sieht sie das heute, einen Fehler begangen: Sie hat sich für ein Titelbild der Zeitschrift Emma mit ihrer Tochter fotografieren lassen, im Frühjahr 1999. "Ich war naiv – und ich bin immer noch naiv, es gibt so viele Dinge, über die habe ich noch gar nicht nachgedacht. Das ist auch Selbstschutz – dass man manche Dinge nicht hinterfragt, vor allem, wenn man selbst in den Fokus rückt. Mich interessiert mehr, was ich von mir will, und nicht, was ich bin."

Sie sagt, sie habe sehr spät eine Haltung zu den Dingen entwickelt, so wie vieles in ihrem Leben spät passiert sei. "Ich hatte keine wilde Teenagerzeit. Musste ich dann nachholen." Sie meint ihre Männergeschichten mit wilden Kerlen wie dem Brachialmoderator Niels Ruf oder dem Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. "Getobt" habe sie mit denen, so nennt Anke Engelke das heute. Sie sagt aber auch, damals sei sie "verloren" gewesen, ohne dieses Verlorensein zu erklären. Manchmal sagt sie "dieses Männer-Ding" und bleibt auch da unkonkret. Aber vielleicht will sie sich einfach nicht mehr über die Männer in ihrem Leben definieren lassen, zu schmerzhaft musste sie erfahren, welche Macht Männer über sie haben können. In den achtziger Jahren, als sie schon das Jugendprogramm beim ZDF moderierte, sagte Markus Schächter, der damalige Unterhaltungschef und spätere Intendant, sie könne ja jetzt studieren, aber er meinte: Sie sei zu dick fürs Fernsehen – und sie solle mal eine Pause machen. Zu dick fürs Fernsehen – Engelke ging dann eben zum Radio, und als sie sich nicht mehr dick fühlte, begann sie in der Wochenshow bei Sat.1.

Natürlich war Engelke niemals dick, und heute sagt sie, sie habe diese Sache mit Schächter geklärt, das sei vorbei, vergessen. Und dann sagt sie: "Was ich bis 35 gemacht habe, das zählt irgendwie nicht. Was danach kommt, dazu muss ich stehen." Als sie 35 war, drehte sie die hochgelobte Sitcom Anke, die allerdings nach zwei Staffeln eingestellt wurde. Danach startete Ladykracher – bis heute ihr erfolgreichstes Format. Sie drehte mit Olli Dittrich das fantastische Blind Date – und bekam den Sendeplatz von Harald Schmidts Late-Night-Show.

Aber Anke Late Night lief nur fünf Monate. Die Quoten waren schlecht, die Kritiken vernichtend. Ältere Kollegen äußerten sich verächtlich. Wenn Engelke heute darüber spricht, schlägt ihre Stimmung um, sie spricht leiser, sie nennt das, was damals passiert ist, "mein Desaster". Woran ist sie gescheitert? "Ich konnte das einfach nicht", sagt sie. "Late Night heißt, dass der Moderator rausgeht, vor dem Publikum steht und erst mal eine Viertelstunde Witze erzählt. Diese Viertelstunde habe ich nicht hingekriegt." Diese Erfahrung hat weder sie noch ihre Karriere zerstört. Sie hat aus dieser Geschichte gelernt, weil sie verstehen will, warum etwas nicht funktioniert – so wie sie immer auch wissen will, warum etwas funktioniert. "Ich schaue oft von außen auf mich selbst, aber manchmal fällt es mir schwer, etwas zu erkennen. Dann zweifle ich an mir, zögere..." Da ist sie wieder, diese Ernsthaftigkeit, die sie nicht behindert, sondern die vielleicht alles erst möglich macht.

Wenn Anke Engelke nach Hause kommt, dann sieht sie in ihrer Straße einen Magnolienbaum, und manchmal fragt sie sich, wie oft sie es noch erleben wird, dass er blüht. "Seit ich 13 bin, habe ich dieses Gefühl für Endlichkeit, dafür, dass die Dinge nicht für ewig sind." Sie sagt, ihr Terminplan für 2014 sei fertig. Sie sagt, sie sei glücklich. Sie meint das ganz im Ernst.