Wenn die Sonne endlich untergeht, doch die Hitze noch lange nicht nachlässt, dann legt sich ein feuchter Frieden über die Beete und Wiesen. Dann öffnen sich die Düsen der Regensprenger, lassen einen feinen Nebel aufsteigen, und der Abendwind trägt ihn hinfort. Hier in Bluffdale im Staate Utah, dem zweittrockensten der USA, ist man stolz auf jede Blume, auf jeden frischen Halm. Es ist eine Frage der Selbstachtung, den Rasen grün zu halten. Und eine Frage des Respekts für die Vorfahren, die einst mitten in Staub und Geröll diesen Ort begründeten. Sie widerstanden der Trockenheit, sie besiegten die Wüste, und dabei soll es bleiben. Die Menschen hier können sehr zäh sein, stur in ihrem Frieden.

Bluffdale nennt sich selbst eine Stadt, auch wenn es nicht mal ein Dorf ist, allenfalls eine Gegend mit kaum 8000 Einwohnern. Die bauen sich Holzhäuser und halten Pferde, pflegen Gemüsebeete, und nicht selten lagern sie weit hinten in ihren Gärten ein paar ausgediente Landmaschinen, von gelben Halmen umwuchert. Ein Hotel hat Bluffdale nicht, kein Café, keinen Supermarkt, keinen Friseur, nichts, was man Mitte nennen könnte. Und nur selten sieht man einen Menschen, was wohl an der Hitze – gerade sind es 41 Grad im Schatten – und auch an den breiten Asphaltstraßen liegt, die alle hinauszustreben scheinen, fort in die Welt.

Die Welt aber, sie strebt hinein in die Wüste. Sie sammelt sich in Bluffdale. Sie findet, ausgerechnet hier, einen neuen Mittelpunkt. In ein paar Wochen schon wird hier das machtvollste Computer- und Datenzentrum der USA seine Arbeit beginnen, groß wie 50 Fußballfelder, betrieben von der National Security Agency, dem skandalumwitterten Nachrichtendienst NSA.

Der Bürgermeister muss lachen, aber ist er verwundert? Nein, verwundert ist er nicht. "Für uns", sagt er, "war Bluffdale schon immer das Zentrum der Welt." Derk Timothy ist ein stolzer, breiter Mensch, in früheren Zeiten wäre er hier sicherlich der Marshall gewesen. Er kümmert sich um so gut wie alles, um die Regeln für Feuerwerke oder auch um die Hundesteuer, und wenn ein paar Beamte aus Washington anreisen, weil sie auf seinem Stadtgebiet ihr wichtigstes Geheimprojekt errichten wollen, dann kümmert er sich selbstverständlich auch darum. Wir haben gemeinsam, sagt er entspannt, zu einer guten Lösung gefunden.

Wenn jetzt die NSA-Agenten mit der Arbeit beginnen, dann, so viel scheint gewiss, wird Bluffdale in die Geschichte eingehen: als die zentrale, die denkbar größte Enzyklopädie des 21. Jahrhunderts. Was genau dort, in vier gewaltigen Datenlagerhäusern, zusammengetragen und verwahrt wird, soll und darf niemand erfahren. Doch wenn es stimmt, was in den letzten Wochen enthüllt wurde, dann ist es ein Archiv der Menschheit. Und in dem findet sich, geht es nach den Geheimdienstlern, über jede und jeden ein Buch: mit alten und neuen Eintragungen zu den Konto- und Steuerdaten, zur Krankengeschichte, zu den Dingen, die er im Internet bestellt, zu den Bahntickets, den Strafzetteln fürs zu schnelle Fahren, zu den Fotos der Kinder und Freunde. Natürlich finden sich hier auch sämtliche E-Mails und Telefonate. Alles, was durch die Datenkabel dieser Welt strömt, strömt künftig nach Bluffdale, so vermuten es viele.

Bürgermeister Timothy lehnt sich weit zurück in seinem schwarzen Ledersessel. "Sehen Sie", sagt er und lacht schon wieder, "uns war vor allem die Wasserfrage wichtig. Denn die NSA braucht viel Wasser, um ihre gigantischen Computer zu kühlen." Manche Bürger fürchteten schon, der Geheimdienst könnte sich einen eigenen Brunnen bohren und die Quellen der Gemeinde anzapfen, die man doch braucht, auch um den Rasen grün zu halten. "Aber es sind gute Nachbarn", sagt Timothy. Sie beziehen ihr Wasser nun von der Stadt, eigens für sie baute man ein Reservoir.

Er könne sich nicht beschweren, meint der Bürgermeister, wirklich nicht. Gut möglich, dass nun noch weitere Serverfarmen nach Bluffdale ziehen, die dann, anders als die NSA, auch Steuern zahlen. Ein paar sind schon in der Gegend, Adobe etwa oder Oracle, gerade baut Microsoft ein Gebäude im Nachbarort. Dass diese Computerfirmen ihre Daten prompt weiterleiten könnten? Dass dort bei der NSA etwas gehortet wird, das nicht gehortet werden darf? Das könne er sich nicht vorstellen. "Ich war noch nicht dort, ich weiß nicht, was sie da machen", sagt Timothy. "Ich glaube aber, dass sie die Linie nicht überschreiten. Und wenn sie es tun und meine E-Mails lesen, dann werden sie sich ganz schön langweilen."

Wieder lacht Timothy. Er muss jetzt weiter, Ende Juli steigt das Cowboy-Festival, die Old Days West, da gibt es viel zu tun. "So ziemlich alle hier denken wie ich", sagt er im Gehen. "Sie sind nicht beunruhigt. Sie passen auf, aber sie sind nicht beunruhigt."