Pilze suchen ist ein sehr spezielles Hobby und ein noch spezielleres dann, wenn die Pilze, die man sucht, gar nicht essbar sind. Und auch nicht giftig, sondern aus Holz, Beton oder Stahl. Und so groß, dass man sich bei ihnen unterstellen kann. "Ich glaube, nur zehn Prozent der Bevölkerung haben die Pilze, die ich suche, überhaupt schon einmal wahrgenommen", sagt der Pilzforscher Klaus Herda. Man sieht diesem Mann nicht an, dass ihn seine Leidenschaft für mysteriöse Objekte der Gartenbaukultur bereits in den Sammelwahn getrieben hat. Der grauhaarige Chemiker aus Köln macht einen durchweg seriösen Eindruck. Mit seiner randlosen Brille könnte er von Beruf auch Buchhalter sein.

An einem heißen und windstillen Sommermorgen läuft Herda mit seiner Digitalkamera und einem ganzen Packen Kartenmaterial durch den Englischen Garten in München. Kaum jemand ist zu dieser Zeit im Nordzipfel des Parks, in der Hirschau, unterwegs. Vereinzelt keuchen Joggerinnen über die Kieswege, in einem Bach planschen Kinder. Und Klaus Herda sucht Wetterpilze. Ein Wort, das übrigens nicht im Duden steht. Der Pilzforscher definiert es so: "Der Wetterpilz, auch Wetterschutzpilz oder Rastpilz genannt, ist ein nach außen offener, allein und frei stehender immobiler Unterstand mit einer einzelnen, zentral gelegenen tragenden Säule oder einer Säulengruppe, auf der eine Decke in Rundbauform ruht. Äußerlich erinnert er an den Fruchtkörper erwachsener Ständerpilze." Der Beschreibung und Erforschung dieses Objekts hat Klaus Herda seine Freizeit gewidmet.

Während den meisten Spaziergängern diese namenlosen Kleinbauwerke kaum auffallen dürften, schwärmt Herda von ihrer filigranen Konstruktion. Die Symmetrie der Wetterpilze sei "einfach bestechend", ebenso ihre "irreduzible ästhetische Essenz". Außerdem sind die Wetterpilze eine noch immer weitgehend unerforschte Spezies inmitten unserer Großstädte – und das in einer Zeit, da schon alles beschrieben und gesammelt zu sein scheint.

Die Pilze sind nicht ganz einfach zu finden. Oft moosbewachsen, passen sie sich ihrer Umgebung hervorragend an. Auch gibt es kein Verzeichnis, das ihr Vorkommen dokumentiert. Deshalb leistet Klaus Herda, bevor er im Park auf die Pilzjagd geht, Vorarbeit am Bildschirm. Auf Satellitenbildern (etwa von Google Earth) studiert er die Parks aus der Vogelperspektive. Erblickt er etwas, das, zwischen lauter Bäumen versteckt, wie ein rundes Dach aussieht, hat er einen Wetterpilzkandidaten gefunden. Und den geht er später im Gelände suchen – was kein leichtes Unterfangen ist, denn zwischen lauter Bäumen verliert man schnell die Orientierung.

Klaus Herda späht hinter Büsche, umrundet Linden und Eichen und hat die Pfade des Englischen Gartens darüber längst verlassen. "Viele Stadtverwaltungen wissen gar nicht, dass so etwas in ihren Parks rumsteht. Ich bin der Erste, der diese Pilze sucht und kartiert." Zwar ist er dabei allein, doch er will es nicht bleiben. Herda wünscht sich Mitsucher, die die pilzförmigen Unterstände in ganz Deutschland finden und beschreiben. Allerdings lässt sich die Frage, ob es nicht sinnvollere Arten gibt, seine Freizeit zu verbringen, kaum von der Hand weisen. Sie stellt sich vor allem dann, wenn man schon mehrere Stunden unterwegs ist, ohne auch nur einen einzigen Pilz gesichtet zu haben.

Doch da, eine Lichtung! Durch sattes, sommergrünes Laub erspähen wir eine Rasenfläche. Hier treffen sich drei Kieswege. Und plötzlich haben wir ihn vor uns, den Pilz der Begierde. Genau auf dem Schnittpunkt der Kreuzung erhebt er sich majestätisch und mit hölzernem Dach zum Unterstellen. "Das ist er!", ruft Klaus Herda fröhlich. Der Pilz trägt noch die Spuren derer, die sich hier, womöglich in romantischer Absicht, einmal niedergelassen haben: "F+S 22.3.87" ist in den Stamm geritzt.

Wie alt er wohl sein mag? Der Englische Garten wurde vor rund 200 Jahren angelegt. Ist es möglich, dass auch der Pilz aus dieser Zeit stammt? "Eher unwahrscheinlich", sagt Klaus Herda. Den Wetterpilz hätten erst die Preußen in die deutsche Gartenkunst eingebracht, und zwar gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In einem Buch über den Englischen Garten hat Herda den Hinweis auf ein "tahitisches Schirmdach" gefunden, so nannte man die Wetterpilze wohl zu Zeiten des Kaisers. In ihrer Faszination für alles Kolonial-Exotische imitierten preußische Gartenarchitekten tahitische Palmhütten in heimischen Parkanlagen. So, sagt Herda, kam der Wetterpilz zur Welt. Und plötzlich, durch die Brille des Historikers, erscheint die Suche nach Wetterpilzen gar nicht mehr belanglos: Diese Unterstände bezeugen die alte deutsche Sehnsucht nach einem Platz an der Sonne.