Ich bin in Deutschland ganz gut herumgekommen. Aber ich war fast immer "geschäftlich" unterwegs, und dabei blieb wenig Zeit, die Orte, an denen ich mich aufhielt, wirklich zu genießen. Ein beeindruckendes Bauwerk kann man mit müdem Blick nicht begreifen, und mir sind bestimmt viele Sehenswürdigkeiten entgangen, weil ich einfach Hunger hatte und nur noch nach Kartoffelsuppe Ausschau hielt.

Meine beiden Besuche auf Sylt aber waren anders. Die kleine friesische Insel bietet unterschiedlichsten künstlerischen Naturen ein Zuhause. Ich durfte dort in der Abfüllhalle einer Mineralwasserquelle lesen – konnte aber außerdem entspannen, Urlaub machen, meilenweit den weißen Sandstrand entlangspazieren oder zwischen den silbernen Grashalmen der hohen Dünen sitzen und den Duft der wilden Sylter Rosen einatmen, der in den Sommermonaten über die ganze Insel weht. Die Rosen sind Eindringlinge aus Sibirien, aber von großer Schönheit. Wie auch die Meeresvögel, die kreisen und kreischen, sowie die zahlreichen, vom Wind gebeutelten Schmetterlinge.

Es ist ein bemerkenswertes Fleckchen Erde – eine riesige Sandbank, ständig in Bewegung, von der Natur abgetragen, vom Menschen wieder aufgeschüttet, eine Zuflucht für alle möglichen Tierarten und ein Fluchtort für alle möglichen Arten von Menschen. Die sehr Reichen können sich in spitzgiebligen Reetdachhäuschen einnisten und ihre schwarzen BMWs in krötenvernichtendem Tempo über die im Grunde einzige Straße der Insel jagen. Die weniger Reichen können zelten oder in Wohnwagen campen, umherspazieren oder über die Deiche radeln. Die Reichen können an gebührenpflichtigen Nacktbadestränden nackt sein, die nicht so Reichen umsonst an allen anderen Stränden.

Die FKK-Nacktheit fand ich anfangs ein wenig beunruhigend. An britischen Stränden kommt so etwas kaum vor. Wir sind konditioniert, unsere Körper zugleich als erschreckend und als übermäßig sexualisiert zu empfinden. Außerdem haben wir zumeist grässliches Wetter. Schotten werden natürlich überhaupt nie zur Nacktheit ermutigt, nicht mal bei der Geburt, bei der Körperpflege oder beim Ertragen der finsteren Vorgänge, mit deren Hilfe neue Schotten erzeugt werden. Es war daher höchst faszinierend und geradezu bewegend, fröhliche Kontinentaleuropäer jeden Alters zu beobachten, die im Wasser paddelten oder trieben oder tollten oder auf Sylts langen Sandstränden lagen, und das alles ohne Kleidung und augenscheinlich ohne daraus resultierende schwere Nervenzusammenbrüche. Ich entdeckte, dass Menschen, die ihre Abende auf demselben Sofa verbringen, mit der Zeit eine identische Gesäßform entwickeln und dass es keine Demokratie des Fleisches gibt: Die Haut der Menschen an den gebührenpflichtigen Stränden wurde offensichtlich von ganzen Gruppen professioneller Kräfte gepflegt und sah aus wie feinstes italienisches Leder. Menschen wie ich hingegen wirkten eher wie unappetitliche Mikrowellengerichte – bleich und vitaminarm.

Ich entdeckte außerdem die Freuden des Strandkorbs – womöglich das praktischste Außenmöbel der Welt, das selbst den bitterlichsten schottischen Urlaub angenehm windgeschützt machen könnte. Meinen allerersten Abend auf Sylt verbrachte ich mit meinem Übersetzer im Strandkorb nahe der Sylt-Quelle, wo die Lichter um uns herum Motten anlockten, die wiederum Kröten anzogen, welche die Motten fraßen. Alle waren zufrieden – abgesehen von einigen Motten. Deichlamm und Rote Grütze mit Vanillesauce essen; den ganzen Tag spazieren gehen, das Meer auf einer Seite, die blühenden Rosen auf der anderen; die Salzwasserbecken in Richtung Festland erkunden oder einfach nur an einem geschützten Plätzchen sitzen und schauen, was so vorbeiläuft; das unbändig schlechte wie das gesegnet schöne Wetter genießen und am Ende ein wenig Nacktbaden – ein perfekter Urlaub, den ich jederzeit wieder machen würde.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke