SyltHuch, FKK!

Auf Sylt gibt sich A. L. Kennedy einen Ruck und überwindet die schottische Bedecktkörperkultur. von A. L. Kennedy

Ich bin in Deutschland ganz gut herumgekommen. Aber ich war fast immer "geschäftlich" unterwegs, und dabei blieb wenig Zeit, die Orte, an denen ich mich aufhielt, wirklich zu genießen. Ein beeindruckendes Bauwerk kann man mit müdem Blick nicht begreifen, und mir sind bestimmt viele Sehenswürdigkeiten entgangen, weil ich einfach Hunger hatte und nur noch nach Kartoffelsuppe Ausschau hielt.

Meine beiden Besuche auf Sylt aber waren anders. Die kleine friesische Insel bietet unterschiedlichsten künstlerischen Naturen ein Zuhause. Ich durfte dort in der Abfüllhalle einer Mineralwasserquelle lesen – konnte aber außerdem entspannen, Urlaub machen, meilenweit den weißen Sandstrand entlangspazieren oder zwischen den silbernen Grashalmen der hohen Dünen sitzen und den Duft der wilden Sylter Rosen einatmen, der in den Sommermonaten über die ganze Insel weht. Die Rosen sind Eindringlinge aus Sibirien, aber von großer Schönheit. Wie auch die Meeresvögel, die kreisen und kreischen, sowie die zahlreichen, vom Wind gebeutelten Schmetterlinge.

Anzeige

Es ist ein bemerkenswertes Fleckchen Erde – eine riesige Sandbank, ständig in Bewegung, von der Natur abgetragen, vom Menschen wieder aufgeschüttet, eine Zuflucht für alle möglichen Tierarten und ein Fluchtort für alle möglichen Arten von Menschen. Die sehr Reichen können sich in spitzgiebligen Reetdachhäuschen einnisten und ihre schwarzen BMWs in krötenvernichtendem Tempo über die im Grunde einzige Straße der Insel jagen. Die weniger Reichen können zelten oder in Wohnwagen campen, umherspazieren oder über die Deiche radeln. Die Reichen können an gebührenpflichtigen Nacktbadestränden nackt sein, die nicht so Reichen umsonst an allen anderen Stränden.

A. L. Kennedy

wurde 1965 im schottischen Dundee geboren, studierte Theaterwissenschaften und legte 1993 ihr Romandebüt Einladung zum Tanz vor. Sie hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den Somerset Maugham Award. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Gleissendes Glück und Day. Kennedy macht Stand-up-Comedy und tritt als politische Rednerin auf, etwa aus Protest gegen die britische Beteiligung am Irakkrieg. Sie lehrt kreatives Schreiben an der Universität Warwick und lebt in Glasgow.

Die FKK-Nacktheit fand ich anfangs ein wenig beunruhigend. An britischen Stränden kommt so etwas kaum vor. Wir sind konditioniert, unsere Körper zugleich als erschreckend und als übermäßig sexualisiert zu empfinden. Außerdem haben wir zumeist grässliches Wetter. Schotten werden natürlich überhaupt nie zur Nacktheit ermutigt, nicht mal bei der Geburt, bei der Körperpflege oder beim Ertragen der finsteren Vorgänge, mit deren Hilfe neue Schotten erzeugt werden. Es war daher höchst faszinierend und geradezu bewegend, fröhliche Kontinentaleuropäer jeden Alters zu beobachten, die im Wasser paddelten oder trieben oder tollten oder auf Sylts langen Sandstränden lagen, und das alles ohne Kleidung und augenscheinlich ohne daraus resultierende schwere Nervenzusammenbrüche. Ich entdeckte, dass Menschen, die ihre Abende auf demselben Sofa verbringen, mit der Zeit eine identische Gesäßform entwickeln und dass es keine Demokratie des Fleisches gibt: Die Haut der Menschen an den gebührenpflichtigen Stränden wurde offensichtlich von ganzen Gruppen professioneller Kräfte gepflegt und sah aus wie feinstes italienisches Leder. Menschen wie ich hingegen wirkten eher wie unappetitliche Mikrowellengerichte – bleich und vitaminarm.

Denk ich an Deutschland

Kein Land bereisen wir Deutschen so emsig wie das eigene, keines kennen wir besser. Doch wie erleben ausländische Besucher unser Land? Was mögen sie, was finden sie befremdlich, was bringt sie zum Staunen? Wir haben Schriftsteller aus aller Welt nach ihren Entdeckungen gefragt.

Anthony McCarten verliebt in München

Joey Goebel unterwegs im ICE

Lily Brett bei St. Agnes in Köln

T.C. Boyle an der Außenalster

Elif Shafak durchstreift Berlin

A.L. Kennedy nackt auf Sylt

Arnon Grünberg kurt in Hinterzarten

Miljenko Jergović auf Frankfurts Flohmarkt

Péter Esterházy in Weimar und anderswo

Alan Pauls jagt nach Pumpernickel

Ich entdeckte außerdem die Freuden des Strandkorbs – womöglich das praktischste Außenmöbel der Welt, das selbst den bitterlichsten schottischen Urlaub angenehm windgeschützt machen könnte. Meinen allerersten Abend auf Sylt verbrachte ich mit meinem Übersetzer im Strandkorb nahe der Sylt-Quelle, wo die Lichter um uns herum Motten anlockten, die wiederum Kröten anzogen, welche die Motten fraßen. Alle waren zufrieden – abgesehen von einigen Motten. Deichlamm und Rote Grütze mit Vanillesauce essen; den ganzen Tag spazieren gehen, das Meer auf einer Seite, die blühenden Rosen auf der anderen; die Salzwasserbecken in Richtung Festland erkunden oder einfach nur an einem geschützten Plätzchen sitzen und schauen, was so vorbeiläuft; das unbändig schlechte wie das gesegnet schöne Wetter genießen und am Ende ein wenig Nacktbaden – ein perfekter Urlaub, den ich jederzeit wieder machen würde.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Behind the third Whiskey? So what.

    • hf50
    • 17. August 2013 11:46 Uhr

    Mit dieser Beunruhigung sind Sie nicht allein. Aber sie haben sich beruhigt und und tolerieren diese Unbekanntheit wohlwollend.
    Leider konnten viele Westdeutsche diese Toleranz nicht aufbringen, als sie nach 1990 die Strände der östlichen (DDR-)Ostsee in Besitz nahmen. Dort war bis dahin Freikörperkultur die selbstverständlichste Sache der Welt. Bis Westdeutsche bei Inbesitznahme feststellten und in den Medien publizierten, dass dort ja nur Sexualität gegen Unterdrückung ausgelebt wurde - und deshalb FKK nunmehr überflüssig ist. Als neue Landeigentümer konnten sie nunmehr an vielen Stellen durchsetzen, dass diese Schweinereien beendet wurden. Die Ordnung ist hergestellt. Wieso wurde Sylt davon verschont?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kein Grund zur Aufregung, FKK ist auch auf Sylt rückläufig, vielleicht nicht so stark wie allgemein. Und auch ohne Wessis gäbe es heute weniger Nackte an den ostdeutschen Küsten.

  2. Es ist eine der ausgeprägtesten Krankheiten der modernen Zeit nicht in der Lage zu sein zwischen Nacktheit und Sexualität unterscheiden zu können. Schade.

    2 Leserempfehlungen
  3. Kein Grund zur Aufregung, FKK ist auch auf Sylt rückläufig, vielleicht nicht so stark wie allgemein. Und auch ohne Wessis gäbe es heute weniger Nackte an den ostdeutschen Küsten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Sylt | FKK | Natur | Urlaub | Wetter
Service