Franziskus in BrasilienDer politische Papst

Auch seine Vorgänger wollten eine gerechtere Welt. Er aber will eine gerechtere Kirche von 

Papst Franziskus mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff

Papst Franziskus mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff  |  © Beth Santos-Rio/Reuters

Erst kommt der Mensch und dann die Politik. Und weil eine Staatspräsidentin auch nur ein Mensch ist, darf man sie ruhig mal eine Stunde warten lassen, wenn Tausende andere Menschen begrüßt werden wollen. So hat der Papst es gemacht: Bei seiner Ankunft in Rio de Janeiro ignorierte er den Zeitplan und schüttelte zuerst die Hände der Brasilianer. Franziskus beugte sich aus dem offenen Wagen, den er dem panzerverglasten Papamobil vorgezogen hatte, plauderte, lächelte, winkte. Erst dann fuhr er zum Präsidentenpalast.

Ist das Volksnähe oder bloß Populismus? Ist das Oberhaupt des Vatikanstaates doch Demokrat oder bloß Menschenfänger? Wer Letzteres argwöhnt, wird sich über die Menschenfreundlichkeit dieses Papstes noch wundern. Denn er ermahnt die Politiker, dass sie der Würde des einzelnen Menschen verpflichtet sind. Noch im Flugzeug von Rom nach Rio hatte Franziskus die weltweite Jugendarbeitslosigkeit angeprangert. Was für viele Alte schon Realität sei, drohe auch mehr und mehr Jungen, nämlich als Nutzlose an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

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Kapitalismuskritik aus dem Vatikan ist nicht neu. Und katholische Sozialenzykliken, die den Wert des Menschen gegen den Markt verteidigen, gab es schon vor Franziskus. Doch er trägt die alte Botschaft mit neuer Vehemenz vor: Mensch sein heißt mehr als nützlich sein.

Hingehen. Zuhören. Einmischen. So funktioniert das Prinzip Franziskus

Es ist eine politische Botschaft. Sie passt zum Ideal einer armen Kirche, für die sich Franziskus starkmacht. Franziskaner sein hieß im Mittelalter, als der Orden gegründet wurde, nach dem Vorbild Jesu in selbst gewählter Armut zu leben. Franziskaner sein hieß aber auch, die erzwungene Armut zu bekämpfen. Deshalb hatte der neue Papst gleich nach seiner Wahl, beim ersten Sonntagsgebet auf dem Petersplatz, über Barmherzigkeit gesprochen. Am Sonntag vor der Abreise nach Rio stimmt er wieder sein Credo eines tätigen Christentums an: "Das Gebet, das nicht zur konkreten Aktion zugunsten des armen, kranken und hilfsbedürftigen Bruders führt, bleibt steril und unvollständig." Also beten allein hilft nicht. Kirche ist nur Kirche, wenn sie sich einmischt.

Setzt Franziskus damit den Weg von Benedikt fort? Lebt der Argentinier vor, was der Deutsche dachte? Nein, das provokative, weltoffene Gebaren des Neuen markiert eine theologische Wende. Hatte sein deutscher Amtsvorgänger noch die Entweltlichung gepredigt, und zwar so, dass die meisten Katholiken dachten, sie sollten sich gefälligst in die Kirche zurückziehen, kehrt nun der Papst persönlich in die Welt zurück. Wo Benedikt es beim letzten Weltjugendtag 2011 in Madrid noch peinlich vermied, sich zur Wirtschaftsmisere zu äußern, da nutzt Franziskus den Weltjugendtag 2013 in Rio für eine Botschaft an alle: "Ich habe weder Gold noch Silber, aber ich bringe das Wertvollste, das mir gegeben wurde: Jesus Christus." Das heißt: Wir haben einen Glauben, der von dieser Welt ist. Wir wollen die Welt verändern. Wir machen wieder Politik.

In den vier Monaten seiner Amtszeit hat Franziskus keine Gelegenheit ausgelassen, sich mit den Notleidenden zu solidarisieren, sich vor den Laien zu verneigen und die klerikale Macht zu kritisieren. Er versuchte seinen eigenen Laden zu bekehren, frei nach dem Vorbild des Franz von Assisi: "Selig, wer sich vor Untergebenen so demütig benimmt, wie wenn er vor seinem Obern und Herrn stünde." Aber geht das: Demut an der Spitze der Kirche? Revolution von ganz oben? Antiautoritäre Autokratie?

Der Papst ist noch immer Papst. Er herrscht über eine streng hierarchisch gegliederte Institution. Nicht der Mann selbst, aber sein Amt ist unfehlbar. Er verkündet die eine Wahrheit, und was er in der Glaubenslehre sagt, ist irrtumsimmun. Er ist Oberhaupt der weltgrößten Religionsgemeinschaft. Und trotzdem lässt er sich auf seinem Heimatkontinent nicht einfach feiern, sondern lenkt die Aufmerksamkeit der Medien gezielt auf die Schwachen. Es ist wie vor zwei Wochen auf der Insel Lampedusa, als er das Schicksal der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge beklagte. Jetzt hat er seine Reise nach Brasilien politisch aufgeladen, indem er sich zusätzliche Stationen aussuchte: Besuch im Armenspital, Gang durch eine Favela, Treffen mit jungen Strafgefangenen.

Leserkommentare
    • edgar
    • 27. Juli 2013 18:17 Uhr

    "Dann kann sich der alte Vatikan zu einer moralischen Autorität mit neuer Weltgeltung verändern."

    Nicht fehlt dieser Welt so sehr, wie eine integere moralische Autorität.
    Als Gegenpol zu vielen der Dinge, die im Artikel benannt wurden.

    3 Leserempfehlungen
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    war, ist und bleibt eine integere moralische Autorität. Das ist ihr Kern.

  1. Sowohl Papst Benedikt als auch Papst Franziskus haben wiederholt betont, dass es wichtig sei, eine arme Kirche für die Armen zu schaffen. Benedikt wurde noch deutlicher und hob sogar die positiven Effekte von Säkularisierungen hervor. Das heißt für mich auch, dass die Kirchen in Deutschland ihre gigantischen Vermögen auflösen und zugunsten der Armen einsetzen müssen - oder hat das Wort des heiligen Vaters etwa kein Gewicht?
    Möglichkeiten gäbe es viele: Mehr Unterstützung für Alleinerziehende, eine Mindestrente für Kleinrentner, finanzielle Hilfe für Studenten.
    Ich hoffe sehr, dass Papst Franziskus zum Thema Vermögensauflösung zugunsten der Armen ein Dogma erlässt und insbesondere den deutschen Bischöfen deutlich macht, dass es nicht sein kann, staatliche Rechte zu haben, aber keinerlei (sozial)staatliche Pflichten.

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    • tb
    • 27. Juli 2013 19:37 Uhr

    Ich könnte mir vorstellen, dass der Papst bei der Frage wessen Armut dringend gelindert werden muss nicht unbedingt an die von Ihnen enumerierte Klientel deutscher Rentner,Studenten und Alleinerziehende denkt.

    Ohne die relativen Einkommensunterschiede in Deutschland zu verkennen,richtet er unser Augenmerk auf die wirklichen Armuts-und Elendsgegenden Afrikas, Südamerikas und Asiens.

    Ob nach dem Verkauf des Kölner Doms (ja an wen eigentlich) die Regelsätze für Studenten in Deutschland steigen, wage ich daher zu bezweifeln.

  2. Was hat eigentlich das Christentum mit der Politik zu tun? Der Gründer der Christenheit äußerte sich dazu wie folgt:: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt"... - Johannes 18 Vers 36; Johannes 17 Vers 16. Eine christliche Religion, welche sich nicht nach diesem und anderen biblischen Grundsätzen wird niemals eine moralische Autorität werden!

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    • edgar
    • 27. Juli 2013 20:05 Uhr

    Ihre Interpretation ist lediglich eine persönliche Interpretation, die mir nicht mit Jesus Einwirken auf das Positive in der Welt verträglich erscheint.

    Es ist m.E. Luthers großer Fehler, dass er die Interpretation der Bibel jedem überließ - ob gebildet ungebildet oder wie auch immer.
    Das Ergebnis sind solche Fehlschlüsse wie der Ihrige.

    • tb
    • 27. Juli 2013 19:37 Uhr

    Ich könnte mir vorstellen, dass der Papst bei der Frage wessen Armut dringend gelindert werden muss nicht unbedingt an die von Ihnen enumerierte Klientel deutscher Rentner,Studenten und Alleinerziehende denkt.

    Ohne die relativen Einkommensunterschiede in Deutschland zu verkennen,richtet er unser Augenmerk auf die wirklichen Armuts-und Elendsgegenden Afrikas, Südamerikas und Asiens.

    Ob nach dem Verkauf des Kölner Doms (ja an wen eigentlich) die Regelsätze für Studenten in Deutschland steigen, wage ich daher zu bezweifeln.

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    Natürlich, die Kirche besitzt ja nur den Kölner Dom und sonstige Gotteshäuser. Die ganzen bösen Gerüchte über ca. 80 Mrd. € in Wertpapierfonds bei der DEVIF sowie Ländereien, die per Erbpacht als Bauland ausgewiesen wurden glauben wir natürlich nicht.
    Daher mein Vorschlag: Die Kirche darf ihre Gotteshäuser und den Kölner Dom bei einer Säkularisierung behalten. Alles andere - und das ist ja angeblich nicht viel - fließt direkt in den deutschen Sozialhaushalt. Wenn der Finanzminister ständig in die Sozialkassen greifen darf, dann muss er auch in die Kassen der Kirchen greifen können. Schließlich geht es ja nur darum, die von Papst Benedikt in seiner Freiburger Rede ausdrücklich gutgeheißene Säkularisation zugunsten der Armen in Deutschland umzusetzen.

    sie ist keine Ersatzinstitution zur finanziellen Abmilderung staatlicher Fehlleistungen in der Gesellschafts- und Sozialpolitik. Auch sind Ihre Vorstellungen sehr utopisch. Das "gigantische" Vermögen der rk-Kirche in Deutschland würde allenfalls wenige Jahre die von Ihnen angesprochene Klientel ein wenig besser stellen. Und dann?

  3. das haett ihm anfangs keiner zugetraut...
    der hat das Potential den Vatikan und die katholische Kirche zu veraendern.

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    • edgar
    • 27. Juli 2013 20:05 Uhr

    Ihre Interpretation ist lediglich eine persönliche Interpretation, die mir nicht mit Jesus Einwirken auf das Positive in der Welt verträglich erscheint.

    Es ist m.E. Luthers großer Fehler, dass er die Interpretation der Bibel jedem überließ - ob gebildet ungebildet oder wie auch immer.
    Das Ergebnis sind solche Fehlschlüsse wie der Ihrige.

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    Die Bibel interpretiert sich selbst! Natürlich hat Jesus Menschen positiv beeinflusst. Wo sehen Sie denn die Fakten, das meine Auslegung falsch ist und Jesu Reich doch von dieser Welt ist?

  4. Die Bibel interpretiert sich selbst! Natürlich hat Jesus Menschen positiv beeinflusst. Wo sehen Sie denn die Fakten, das meine Auslegung falsch ist und Jesu Reich doch von dieser Welt ist?

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    • edgar
    • 27. Juli 2013 21:36 Uhr

    Feststellung.

    Jesus' Wirken waren durchaus materieller hiesiger Natur: diverse Heilungen, Speisungen und Fischfänge ...
    Obsolete Dinge, wenn man das Diesseitige derart in den Hintergrund stellen wollte, wie Sie das tun.
    Oder eine wesentliche Aussage der Bergpredigt (neben vielen anderen die sich m.E. ausschließlich auf das Diesseits beziehen können):
    „Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab" (ich stellle mir das Jenseits nicht so vor, dass man borgen oder materielle Dinge vergeben kann).
    Dies korreliert schon ziemlich mit dem ZEIT-Artikel, bzw. dem Vorgehen eines Franziskaner-Ordens.

    Da ich allerdings das Gefühl habe, dass Sie einer anderen, wie auch immer gearteten, christlichen Glaubenslehre anhängen und nun sophistische Argumente erwarte, stelle ich fest, dass ich hier lediglich mein vorherige Aussage wegen Ihrer Nachfrage konkretisieren wollte, mich auf Ihre weitere "Exegese" keinesfalls einlassen werde.

  5. Natürlich, die Kirche besitzt ja nur den Kölner Dom und sonstige Gotteshäuser. Die ganzen bösen Gerüchte über ca. 80 Mrd. € in Wertpapierfonds bei der DEVIF sowie Ländereien, die per Erbpacht als Bauland ausgewiesen wurden glauben wir natürlich nicht.
    Daher mein Vorschlag: Die Kirche darf ihre Gotteshäuser und den Kölner Dom bei einer Säkularisierung behalten. Alles andere - und das ist ja angeblich nicht viel - fließt direkt in den deutschen Sozialhaushalt. Wenn der Finanzminister ständig in die Sozialkassen greifen darf, dann muss er auch in die Kassen der Kirchen greifen können. Schließlich geht es ja nur darum, die von Papst Benedikt in seiner Freiburger Rede ausdrücklich gutgeheißene Säkularisation zugunsten der Armen in Deutschland umzusetzen.

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