Jeff Bezos ist kein Romantiker. Er ist der Chef eines der größten Unternehmen der Welt. Wenn Jeff Bezos, Gründer von Amazon, sagt, er liebe Bücher, dann heißt das: Er findet, dass Bücher nach wie vor ein sehr guter Verkaufsartikel für sein Unternehmen sind – und es sich mit ihnen ebenso profitabel handeln lässt wie mit Kühlschränken oder Tütensuppen. Das Buch als Kernbestand der abendländischen Kultur? Bezos ist das egal. Für ihn zählen die Zahlen. Und die geben ihm recht. Schaut er auf das, was seine Firma in diesen Wochen macht, muss er gute Laune bekommen. Blendende sogar. Denn für sein Milliardenunternehmen aus Seattle könnte es bei seinem systematischen Feldzug durch den weltweiten Buchmarkt nicht besser laufen.

In der amerikanischen Heimat steht der letzte Schritt zur Alleinherrschaft unmittelbar bevor: Mit diebischer Freude verfolgten die Firmenstrategen die Niederlage des größten Konkurrenten Apple vor Gericht. Apple habe unrechtmäßig mit fünf großen Verlagen Preise abgesprochen, urteilte eine New Yorker Richterin Anfang Juli. Das Department of Justice hatte 2012 das Kartellverfahren eröffnet, viele Branchenkenner vermuten, dass Amazon hinter der Klage stand – schließlich war es Apple gelungen, gemeinsam mit den Verlagen eine Konkurrenz gegen die Dumpingpreistaktik von Amazon aufzubauen. Sie hatten sich auf eine Quasipreisbindung geeinigt: Die Verlage setzten den Preis der Bücher fest, Apple erhielt davon dreißig Prozent. Dieses Modell wird es nach dem Gerichtsentscheid nicht mehr geben. Amazon steht nun als strahlender Sieger da, der den Kunden die besten Angebote macht, und Apple muss sich, gedemütigt, wegen überhöhter Preise auf Strafzahlungen in Millionenhöhe einstellen. Die Amazon-Aktie stieg nach dem Gerichtsbeschluss auf ein Allzeithoch – obwohl der Konzern offiziell nichts mit dem Prozess zu tun hatte.

Zugleich treibt Amazon auf dem analogen Markt die zweite große amerikanische Buchhandelskette in die Enge: Nachdem Borders schon 2011 insolvent ging, schreibt Barnes & Noble tiefrote Zahlen. Das Unternehmen feuerte gerade seinen CEO und steigt aus dem Tablet-Geschäft aus. Gegen Apples iPad und Amazons zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfenes Kindle Fire hat es keine Chance.

Und als ob das nicht schon genug der Machtdemonstration wäre, beginnt Amazon nun, da es sich seiner Quasimonopolstellung sicher ist, die Preise für Bücher zu erhöhen. Erst bei kleinen Verlagen und Wissenschaftstiteln, wie die New York Times Anfang Juli berichtete. Aber die Richtung ist klar: Sobald das Feld der Konkurrenten ausgedünnt ist, wird nicht mehr der Kunde König sein, sondern der eigene Geldbeutel. Wie viel ein Buch in den USA kostet, bestimmt Amazon.

Der amerikanische Buchmarkt ächzt unter der Herrschaft des Netzriesen. Nachdem selbst der Staat Amazon mit seiner Klage gegen Apple und die Verleger unterstützt hat, gibt es kaum jemanden, der jenseits von Nischenbuchhandlungen noch an eine ernsthafte Konkurrenz glaubt. Das window of opportunities, das "Fenster der Möglichkeiten", wie es die Amerikaner nennen, ist geschlossen – und niemand ist da, der es in absehbarer Zeit wieder öffnen könnte.

Was für eine grauenhafte Entwicklung! So sehen es jedenfalls die Europäer, die um das jahrhundertealte Erbe der Buchkultur auf dem Alten Kontinent bangen. Noch bleibt die Hoffnung: So etwas darf und wird in Europa mit seiner ehrwürdigen und tief verwurzelten Liebe zum Buch nie geschehen!

Und es stimmt, die Entwicklung in Europa ist längst nicht so weit fortgeschritten wie in den USA. Doch das Fenster der Möglichkeiten, um Amazon die Stirn zu bieten, beginnt sich auch auf dieser Seite des Atlantiks zu schließen. Jeff Bezos’ Unternehmen dominiert den Onlineverkauf von Printbüchern mit 75 Prozent Marktanteil und ist die Nummer eins auf dem E-Book-Markt. In diesen Tagen startet das Unternehmen einen gnadenlosen Preiskampf bei den hauseigenen E-Books, mit Aktionsangeboten wie "20 E-Books für je 2 Euro", darunter Titel von Netz-Guru Jeff Jarvis und Bestsellerautorin Karin Slaughter. Und es ist dabei, sein eigenes Verlagsgeschäft aufzubauen. In Deutschland zum Beispiel mit Publikationen, die ausschließlich als E-Book auf dem eigenen Lesegerät verkauft werden, sogenannten Kindle Singles. Dünne Bücher, von eigenen Lektoren lektoriert, vom neuen Programmleiter Laurenz Bolliger zusammengestellt.

Damit kontrolliert Amazon den gesamten Buchkreislauf, von der Betreuung des Autors bis zur Auslieferung an den Kunden, ohne Abhängigkeit von Konkurrenten. Diesen Plan exekutiert das Unternehmen auch in Europa generalstabsmäßig. Die Teilnehmer des Buchmarktes, allen voran die Buchhändler, erleben jetzt, was sich seit einigen Jahren mit Blick auf Amerika prognostizieren ließ: Die kühle Präzision der Machtübernahme, gepaart mit dem geballten Finanzkapital des Giganten, kann für sie sehr bald tödlich enden. Branchenkenner wie der Mainzer Wirtschaftswissenschaftler Franz Rothlauf sagen, dass drei Viertel der europäischen Buchhandlungen in den nächsten fünf Jahren schließen werden.

In den europäischen Hauptstädten, vor allem aber in Brüssel, bei der Europäischen Kommission, tobt seither hinter den Kulissen eine erbitterte Auseinandersetzung. Man könnte auch sagen: die Entscheidungsschlacht.

Amazon ist der unsichtbare Akteur. Nie taucht er auf bei Veranstaltungen der Branche. Er agiert aus dem Hinterhalt und versucht die Asymmetrie des Marktes, die seinen Erfolg begünstigt, zu bewahren – die Steuervorteile und das eigene geschlossene E-Book-System, in das kein Buchhändler eindringen kann. Die Lobbygruppen der Buchhändler und Verleger kämpfen dagegen mit ihren üblichen alteuropäischen Waffen: Konferenzen, Arbeitspapieren, Überzeugungsarbeit. Alles für ein Ziel: endlich Chancengleichheit auf dem Markt zu bekommen.