Schriftsteller auf ReisenDas Gewicht der Worte

Berlin erzählt dem Besucher unablässig seine Geschichte. Elif Shafak hat sich monatelang zwischen Graffiti und Gedenksteinen bewegt – und am Ku’damm geheiratet. von Elif Shafak

Das Erste, was jedem Fremden in Berlin auffällt, ist die Macht der Erinnerung. Sie ist überall. Unter jedem Stein, hinter jeder Tür. Die Verklärung der Erinnerung in dieser Stadt mag Besucher aus aller Welt überraschen. Aber vielleicht niemanden mehr als uns Istanbuler. Denn so wie Berlin sich der Erinnerung verschrieben hat, hat Istanbul sich dem Gedächtnisverlust verschrieben. Unsere Beziehung zur Vergangenheit ist voller Brüche und Gedächtnislücken. Deshalb ist es ein aufregendes Erlebnis, sich als Istanbuler in Berlin zu bewegen.

Die Unterschiede sind groß. Bei aller Liebe zur Erinnerung ist Berlin nicht unbedingt geschichtsträchtig; Istanbul dagegen, so alt wie seine unterirdischen Zisternen, atmet Geschichte. Und doch gleichen sich die zwei Städte in einer Hinsicht: Beide entwickeln sich ständig weiter, sind unstet, wachsen, fast gegen ihren Willen, kontinuierlich über sich hinaus. Beide erinnern mich an Sätze, die offen bleiben, an deren Ende kein Punkt steht, sondern nur ein immer wieder neu gesetztes Komma.

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In Berlin habe ich geheiratet. Mein Mann und ich sind so verschieden wie Tag und Nacht. Er ist geduldig, vernünftig, ruhig und klug. Ich bin mehr oder weniger das Gegenteil. Dennoch eint uns die tiefe Abneigung gegen die Institution der Ehe und der große Respekt vor der Individualität. Welcher Ort könnte sich besser zur Heirat eignen als Berlin, dachten wir, eine geteilte Stadt, die wieder eins geworden war und trotzdem ihren unabhängigen Geist bewahrt hatte? Und so gingen wir zur türkischen Botschaft am Kurfürstendamm und besiegelten unsere Verbindung. Keine Feier. Kein Kleid. Zum Lunch danach gab es weißen Spargel.

Elif Shafak

ist die international wohl bekannteste Schriftstellerin der Türkei. Sie wurde 1971 als Tochter einer Diplomatin und eines Soziologieprofessors in Straßburg geboren, promovierte in Politologie und forscht derzeit an der Kingston-Universität in London. Als Literatin wurde sie mit dem Roman Spiegel der Stadt bekannt, für den sie im Jahr 2000 den Preis des türkischen Schriftstellerverbandes bekam. Shafak versucht literarisch, das osmanische Erbe und die moderne Republik zu versöhnen. Jüngst unterstützte sie die Gezi-Park-Proteste in Istanbul.

Damals, im Frühjahr 2005, war ich Fellow des Programms "West-östlicher Diwan" am Wissenschaftskolleg. Morgens wanderte ich oft in der Stadt umher, machte mir Notizen, schrieb die Graffitisprüche von den Mauern ab. In Berlin war die Politik Teil des Alltags, überall gab es politische Plakate, politische Graffiti, politische Diskussionen. Die Stadt war eine riesengroße Baustelle. Wohin ich auch ging, wurde ich von Baugerüsten begrüßt. Berlin erfand sich neu.

Doch was mich besonders faszinierte, war die Art und Weise, wie es Berlin gelang, sich nicht zwischen dem Erinnern und dem Neuerfinden entscheiden zu müssen. Es gab kein Entweder-oder, Berlin schien sagen zu wollen: "Warum nicht beides?" In der Türkei waren wir lange davon überzeugt, dass man auf die Vergangenheit verzichten müsse, wenn man modern, tatkräftig, dynamisch und fortschrittlich sein wollte. Berlin stellt diese Behauptung infrage. Denn Berlin ist sowohl in der Vergangenheit verankert als auch zukunftsorientiert. Diese Gleichzeitigkeit macht die Stadt einzigartig.

Denk ich an Deutschland

Kein Land bereisen wir Deutschen so emsig wie das eigene, keines kennen wir besser. Doch wie erleben ausländische Besucher unser Land? Was mögen sie, was finden sie befremdlich, was bringt sie zum Staunen? Wir haben Schriftsteller aus aller Welt nach ihren Entdeckungen gefragt.

Anthony McCarten verliebt in München

Joey Goebel unterwegs im ICE

Lily Brett bei St. Agnes in Köln

T.C. Boyle an der Außenalster

Elif Shafak durchstreift Berlin

A.L. Kennedy nackt auf Sylt

Arnon Grünberg kurt in Hinterzarten

Miljenko Jergović auf Frankfurts Flohmarkt

Péter Esterházy in Weimar und anderswo

Alan Pauls jagt nach Pumpernickel

Nie zuvor hatte ich an einem Ort gelebt, an dem sich Denkmäler und Mahnmale so organisch ins städtische Gewebe einzufügen schienen. Die Denkmäler waren reglos und still, während Berlin sich in unablässiger, lärmender Bewegung befand, und doch gab es eine Harmonie, eine unbeabsichtigte Symmetrie zwischen Stabilität und Bewegung, Schweigen und Sprache, der Wandelbarkeit des Stadtbilds und der Beständigkeit der Erinnerung. Viele Mahnmale berührten mich tief, weil sie Geschichten bewahrten, Geschichten von Menschenleben. Nicht nur die großen Gedenkorte wie das Jüdische Museum oder das Holocaust-Mahnmal, sondern vor allem kleinere. Wenn ich an einem Haus vorbeikam, konnte ich auf einer Gedenktafel lesen, wer dort gewohnt hatte und was ihm widerfahren war. Auf einem Bahnsteig sah ich ein Schild, das daran erinnerte, wie viele Juden von diesem Bahnhof aus zum nächsten Konzentrationslager geschafft worden waren. Ich kam mir vor wie ein wandelndes Ohr. Ich lauschte, während Berlin mir unablässig seine Geschichten erzählte in dem Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Bei späteren Besuchen lernte ich das Berlin der "Boheme" besser kennen, mit seinen kreativen Originalen und unkonventionellen Ideen. Zuerst kam es mir vor wie eine andere Stadt: wie ein Berlin mit junger Seele, pulsierend vor kosmopolitischer Energie, weit weg von der Hauptstadt, die so stark in Erinnerung und Melancholie wurzelte. Doch bald begriff ich, dass die unangepasste kreative Energie genau jenem Berliner Geist entsprang, in dem Erinnern und Neuerfinden eng verknüpft sind. Instinktiv verstand ich, warum so viele Schriftsteller, Dichter und Journalisten in diese Stadt ziehen. Auch ich hätte mich vielleicht dafür entschieden, wenn ich Deutsch sprechen und lesen, vor allem aber schreiben könnte. In einer Welt, in der sich alles verflüchtigt, in der Gedanken wenig gelten und Kreativität als nebensächlich betrachtet wird, bildet Berlin eine störrische Ausnahme. Dort haben Worte Gewicht. Das Erzählen hat Gewicht.

Denn Berlin hat Gewicht.

Aus dem Englischen von Melanie Walz

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Leserkommentare
  1. gibt es nicht. Es ist ein Zusammenschluss mehrere Dörfer.
    Viele sind nie außerhalb ihres "Dorfes" gewesen.
    Darum gibt es wohl auch diese Vielfalt, jeder Stadtteil ist anders.
    Sag nie jemand aus Spandau, dass diese/r berliner sei.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • PerpMob
    • 13. August 2013 15:50 Uhr

    und trifft auf so ziemlich jede Großstadt in Deutschland zu.Vielleicht nicht auf Wolfsburg.

  2. Interessant und schade, dass viele ausländische Besucher die Geschichte Berlins maßgeblich mit der Geschichte des 3. Reichs und dem Holocaust gleich setzen. Vielleicht, weil es so schön gruselig ist. Da lassen sich allenfalls noch ein paar tragische Geschichten aus der Mauer- und Stasizeit touristisch ähnlich gut vermarkten.

    Im Gegensatz zur Außenperspektive von Frau Shafak würde ich als geborener Berliner behaupten, dass Berlin mittlerweile die Hauptstadt der Verflüchtigung ist - nicht die störrische Ausnahme.

    Ein kleiner Exkurs dazu: Istanbul hatte im Jahr 2011 bei ca. 13,5 Mio. Einwohner etwa 8 Mio. touristische Gäste. In Berlin lag das Verhältnis im selben Jahr bei 3,5 Mio. zu 10 Mio. Um es anschaulich auszudrücken: In Istanbul stehen jedem Touristen immerhin 1,7 einheimische Bewohner gegenüber. Jeder Berliner muss sich hingegen seine Stadt mit jeweils 3 Touristen teilen.

    Der Punkt ist, dass der Tourismus leider nur wenig Bleibendes hinterlässt, oder in der Sprache der Autorin ausgedrückt: nur wenig neue Erzählungen schreibt. Da werden sich die sog. Kreativen zukunftig ganz schön umschauen, denn am Ende bleibt nicht viel Platz für unkonventionelle Ideen. Die Menschen, die in einer Stadt leben, machen sie zur Stadt. Dafür braucht es physikalischen und geistigen Raum, nicht Ausverkauf.

    Ich gönne Berlin ja den Aufschwung und die Dynamik. Aber ein Blick zurück ins Paris der 60er oder ins New York der 80er Jahre lässt mich auch ahnen wohin das alles führt.

    Eine Leserempfehlung
    • PerpMob
    • 13. August 2013 15:50 Uhr

    und trifft auf so ziemlich jede Großstadt in Deutschland zu.Vielleicht nicht auf Wolfsburg.

    Antwort auf "Berlin "
  3. Wieso geht es Immer nur um diese Stadt,Sie Kostet dem Steuerzahler Millionen
    Die Länder müssen Ständig Geld Überweisen,Diese Stadt baut einen Mist nach dem andern.
    Nur Verschenken wäre Gut
    Aber wer will so was..Ich nicht

    Eine Leserempfehlung
  4. "Das einundzwanzigste Jahrhundert unterscheidet sich im Grunde gar nicht so sehr vom dreizehnten. Beide werden als Ära beispielloser religiöser Konflikte, kultureller Missverständnisse sowie einer allgemeinen Verunsicherung und Angst vor dem anderen in die Geschichte eingehen. In solchen Zeiten bedarf es der Liebe mehr denn je.”

  5. Energie gelobt wird, obwohl gleichzeitig ein "abgehängtes" Proletariat jede Alltagskultur in dieser Stadt erschwert- man ist rauhbeinig,unfreundlich und nicht international. Der Begriff der freiwilligen Dienstleistung ist den Berlinern fremd. Im Grunde geht es immer nur um die Besucher und Zugezogenen. Warum schreibt keiner mal wie die Berliner wirklich waren und sind. Oder wussten Sie,dass der Bezirk,der die Nazis damlas fast zu hundert Prozent gewählt hat Steglitz war? Und wie es dort heute ist? Die Stadt besteht nicht nur aus Mitte und Kreuzberg.

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  • Schlagworte Berlin | Istanbul | Heirat | Kurfürstendamm
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