ErdwärmeAufrüttelnde Energiealternative

Die Erde liefert zuverlässig Wärme – und ab und zu ein kleines Beben von 

Der Bergmann kennt die Zuverlässigkeit der Erdwärme. Er trifft sie immer an, wenn er sich auf der Suche nach Schätzen in die Tiefe gräbt. Ihre Omnipräsenz macht die Erdwärme zu einer sicheren Energiequelle. Ein nachwachsender Rohstoff ist die unterirdische Hitze zwar nicht – aber es ist so viel von ihr da, dass die Ernte ewig dauern kann.

Am vergangenen Samstagmorgen jedoch wurde der Glaube an die Nutzung dieser Energieform gewaltig erschüttert. Schon wieder. Vom Bodensee bis in den schweizerischen Kanton Appenzell war ein Erdbeben der Stärke 3,6 zu spüren, dessen Epizentrum bei St. Gallen lag. Der Herd, das Hypozentrum, lag in vier Kilometer Tiefe – wo eine Geothermiebohrung das Beben ausgelöst hatte. Auch Menschen in Süddeutschland wurden aus dem Schlaf gerüttelt.

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Tags zuvor war Gas ins Bohrloch gedrungen. Als Gegenmaßnahme pressten die Ingenieure 650 Kubikmeter Wasser und Bohrspülung in die Tiefe. Dieser Gegendruck löste vermutlich die Erschütterungen aus – für die Geologen unerwartet. So war das Projekt bislang auch relativ unumstritten gewesen. Mit großer Mehrheit hatten die Stimmbürger umgerechnet 130 Millionen Euro bewilligt, um die Hälfte der St. Galler Haushalte mit Erdwärme zu versorgen. Umstrittener war das Projekt Deep Heat Mining in Basel gewesen. Als seinetwegen 2009 die Erde bebte, bedeutete das dort für die Geothermie das Aus.

Pannen beim Erbohren subterraner Wärmeressourcen gibt es auch in Deutschland: Im badischen Staufen quoll der Untergrund und ließ Häuser bersten, weil einsickerndes Grundwasser Kalziumsulfat in voluminöseren Gips verwandelte (ZEIT Nr. 36/09). Ebenfalls wenig Glück hatte Landau in der Pfalz. Dort bebte 2009 die Erde zwar nur schwach, doch der Betrieb des Geothermiekraftwerks wurde dennoch heruntergefahren – es steht vor der Insolvenz.

Eine kürzlich in Science erschienene US-Studie bestätigte, dass Beben sich häufen, wo Geothermie erschlossen oder Fracking betrieben wird – jene noch umstrittenere Methode, bei der mit Druck Risse im Gestein erzeugt werden, um Öl und Gas zu fördern.

In St. Gallen wurden die Arbeiten nach dem Beben vorsorglich gestoppt. Allerdings warnten Fachleute umgehend davor, kurzerhand auf Geothermie zu verzichten. Denn deren unerreichte Stärke ist ihre Unabhängigkeit. Wer aus Sicherheitserwägungen auf Atomstrom und aus Sorge ums Klima auf Kohle verzichten will, braucht Alternativen. Wind und Sonne liefern jedoch wetterabhängig.

Bei der Geothermie lässt sich das Risiko auch mit Vorerkundungen nie ganz eliminieren. Der Bergmann kennt nämlich noch eine Gewissheit: Vor der Hacke ist es duster. Ein Restrisiko ist immer da. Umso wichtiger, dass man es – wie in St. Gallen nach einer basisdemokratischen Entscheidung – gemeinsam trägt.

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    • Schlagworte Erdwärme | Fracking | Erdbeben
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