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Tausende von Erpresser- und Drohbriefen, Verleumdungen und Bekennerschreiben werden jährlich versandt, manche holprig, andere geschliffen formuliert, aber alle anonym. Das Spektrum übelwollender Autoren reicht von bösartigen Nachbarn über kriminelle Profis bis zu terroristischen Gruppen. Und die Schriftform hilft, Spuren zu vermeiden: Damit der Oberbulle unsere Stimmen nicht auf Band nehmen kann gehen alle anweißungen Schriftlich an Sie.

Bei schweren Verbrechen landen anonyme Texte im Kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts in Wiesbaden. Dort untersucht Sabine Schall gemeinsam mit ihren Kollegen jährlich Hunderte von Schreiben auf Hinweise, die zu den Autoren führen könnten. Ihr Fachgebiet ist die forensische Linguistik: So wie Techniker Geschosse analysieren, nehmen forensische Linguisten das "Tatwerkzeug" Sprache unter die Lupe, um daraus Hinweise auf den Autor zu gewinnen. Dabei geht es nicht um Zettel mit aufgeklebten Zeitungsbuchstaben – die gibt es außer im Krimi nur ganz selten. Die Linguisten konzentrieren sich auf Wortschatz, Satzbau, grammatische Formen, Orthografie oder Interpunktion. Für die Analyse von Handschriften, Papiersorten, Druckermerkmalen oder Datenspuren aus dem Internet sind andere Abteilungen des Kriminaltechnischen Instituts zuständig.

Zwar ebnet die Schriftsprache viele dialektale Besonderheiten ein. Trotzdem liefern die Dokumente oft genug Hinweise auf die Region, auf das Alter oder auf den Bildungsgrad des Autors. Schreibt jemand die Trotteln statt die Trottel, deutet das auf Bayern hin, die Plastetüte klingt nach Ostdeutschland, wer mit dan verekt ihr droht, verfügt mutmaßlich über keine intensive Schulbildung. Ich warte für lässt Englisch als Muttersprache vermuten, unsre kontor hingegen Russisch, weil es dort das Femininum kontora – Büro – gibt.

Besonders hilfreich sind solche Indizien, wenn die Polizei Aufzeichnungen von Verdächtigen beschlagnahmt hat, die mit dem Tatschreiben verglichen werden können. Oft hilft auch ein Blick in die "Kiste", das Kriminaltechnische Informationssystem Texte, wie die Datenbank des BKA heißt. Die dort gespeicherten Texte lassen sich nicht nur nach Ort und Inhalt, sondern auch nach Auffälligkeiten in Grammatik oder Wortwahl abrufen.

Fast die Hälfte dieser Textsammlung besteht aus Erpresserbriefen. Sie zeigen, wie sehr sich auch kriminelle Korrespondenten am "korrekten" Briefverkehr orientieren. Was die Opfer zu lesen bekommen, erinnert häufig an einen hochseriösen Geschäftsbrief, einschließlich Höflichkeitsfloskeln: Wir würden uns freuen, wenn Sie unser Anliegen mit der nötigen Sorgfalt behandeln würden. Selbst absurd wirkende Formalitäten – Diese E-Mail ist auch ohne Unterschrift rechtsgültig – fehlen nicht.

Die meisten Täter fassen sich kurz. Die Mehrzahl der Texte hat weniger als 200 Wörter – was die Arbeit der Linguisten nicht leichter macht, denn wenn ein auffälliges Merkmal nur einmal vorkommt, ist schwer zu beurteilen, ob es sich um Zufall oder um ein stilistisches Indiz handelt. Eine Ausnahme bilden die oft ausufernden Bekennerschreiben extremistischer Gruppen. Sie sind allerdings gespickt mit ideologischen Versatzstücken und bringen eher den politischen Gruppenjargon als den individuellen Stil eines Einzelnen zum Ausdruck.

Die Experten des BKA fertigen ihre Gutachten für Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte an. "Wir sind unabhängig", betont Sabine Schall – ihre Befunde können einen Verdächtigen ebenso gut be- wie entlasten. Den Linguisten sind die Fallstricke, die ihre Arbeit bereithält, durchaus bewusst: Nicht selten legen Autoren falsche Fährten, um ihre Identität zu verschleiern. Beliebt sind absichtliche Fehler, um einen Migrationshintergrund oder ein bildungsfernes Milieu vorzutäuschen. Meistens lassen sich solche Tarnmanöver aber durchschauen. "Mangelnde Sprachkompetenz überzeugend vorzuspiegeln erfordert beträchtliche sprachliche Fähigkeiten", meint Sabine Schall.

Wer einen Kiezjargon perfekt imitieren will, muss nicht nur den passenden Wortschatz, sondern auch die grammatischen Besonderheiten beherrschen. "Ausländerdeutsches" Pseudo-Gestammel – du zahlen, dann nix passieren! – reicht nicht. Viele Autoren scheitern auch daran, dass sie das "Fehlerniveau" nicht durchhalten: Wer mit Wir sind todeskommando of bagdad startet, aber später schreibt Bei nichteinhaltung unserer forderungen ist für eine sofortige gegenattacke alles vorbereitet, offenbart, dass er auch Bürokratendeutsch beherrscht.