Forensische LinguistikWer war's?

Bekennerschreiben oder anonymer Drohbrief: Ein Fall für forensische Linguisten. Sie suchen in den Texten der Täter deren persönlichen Sprachabdruck. von Wolfgang Krischke

Hallo, hiermit werden Sie darüber informiert, dass wir in einer ihrer Filialen ein Sprengsatz deponiert haben. Wir vordern eine 1.000.000 € in Bar.

Tausende von Erpresser- und Drohbriefen, Verleumdungen und Bekennerschreiben werden jährlich versandt, manche holprig, andere geschliffen formuliert, aber alle anonym. Das Spektrum übelwollender Autoren reicht von bösartigen Nachbarn über kriminelle Profis bis zu terroristischen Gruppen. Und die Schriftform hilft, Spuren zu vermeiden: Damit der Oberbulle unsere Stimmen nicht auf Band nehmen kann gehen alle anweißungen Schriftlich an Sie.

Bei schweren Verbrechen landen anonyme Texte im Kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts in Wiesbaden. Dort untersucht Sabine Schall gemeinsam mit ihren Kollegen jährlich Hunderte von Schreiben auf Hinweise, die zu den Autoren führen könnten. Ihr Fachgebiet ist die forensische Linguistik: So wie Techniker Geschosse analysieren, nehmen forensische Linguisten das "Tatwerkzeug" Sprache unter die Lupe, um daraus Hinweise auf den Autor zu gewinnen. Dabei geht es nicht um Zettel mit aufgeklebten Zeitungsbuchstaben – die gibt es außer im Krimi nur ganz selten. Die Linguisten konzentrieren sich auf Wortschatz, Satzbau, grammatische Formen, Orthografie oder Interpunktion. Für die Analyse von Handschriften, Papiersorten, Druckermerkmalen oder Datenspuren aus dem Internet sind andere Abteilungen des Kriminaltechnischen Instituts zuständig.

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Zwar ebnet die Schriftsprache viele dialektale Besonderheiten ein. Trotzdem liefern die Dokumente oft genug Hinweise auf die Region, auf das Alter oder auf den Bildungsgrad des Autors. Schreibt jemand die Trotteln statt die Trottel, deutet das auf Bayern hin, die Plastetüte klingt nach Ostdeutschland, wer mit dan verekt ihr droht, verfügt mutmaßlich über keine intensive Schulbildung. Ich warte für lässt Englisch als Muttersprache vermuten, unsre kontor hingegen Russisch, weil es dort das Femininum kontora – Büro – gibt.

DIE ZEIT 31/2013

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Besonders hilfreich sind solche Indizien, wenn die Polizei Aufzeichnungen von Verdächtigen beschlagnahmt hat, die mit dem Tatschreiben verglichen werden können. Oft hilft auch ein Blick in die "Kiste", das Kriminaltechnische Informationssystem Texte, wie die Datenbank des BKA heißt. Die dort gespeicherten Texte lassen sich nicht nur nach Ort und Inhalt, sondern auch nach Auffälligkeiten in Grammatik oder Wortwahl abrufen.

Fast die Hälfte dieser Textsammlung besteht aus Erpresserbriefen. Sie zeigen, wie sehr sich auch kriminelle Korrespondenten am "korrekten" Briefverkehr orientieren. Was die Opfer zu lesen bekommen, erinnert häufig an einen hochseriösen Geschäftsbrief, einschließlich Höflichkeitsfloskeln: Wir würden uns freuen, wenn Sie unser Anliegen mit der nötigen Sorgfalt behandeln würden. Selbst absurd wirkende Formalitäten – Diese E-Mail ist auch ohne Unterschrift rechtsgültig – fehlen nicht.

Die meisten Täter fassen sich kurz. Die Mehrzahl der Texte hat weniger als 200 Wörter – was die Arbeit der Linguisten nicht leichter macht, denn wenn ein auffälliges Merkmal nur einmal vorkommt, ist schwer zu beurteilen, ob es sich um Zufall oder um ein stilistisches Indiz handelt. Eine Ausnahme bilden die oft ausufernden Bekennerschreiben extremistischer Gruppen. Sie sind allerdings gespickt mit ideologischen Versatzstücken und bringen eher den politischen Gruppenjargon als den individuellen Stil eines Einzelnen zum Ausdruck.

Die Experten des BKA fertigen ihre Gutachten für Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte an. "Wir sind unabhängig", betont Sabine Schall – ihre Befunde können einen Verdächtigen ebenso gut be- wie entlasten. Den Linguisten sind die Fallstricke, die ihre Arbeit bereithält, durchaus bewusst: Nicht selten legen Autoren falsche Fährten, um ihre Identität zu verschleiern. Beliebt sind absichtliche Fehler, um einen Migrationshintergrund oder ein bildungsfernes Milieu vorzutäuschen. Meistens lassen sich solche Tarnmanöver aber durchschauen. "Mangelnde Sprachkompetenz überzeugend vorzuspiegeln erfordert beträchtliche sprachliche Fähigkeiten", meint Sabine Schall.

Wer einen Kiezjargon perfekt imitieren will, muss nicht nur den passenden Wortschatz, sondern auch die grammatischen Besonderheiten beherrschen. "Ausländerdeutsches" Pseudo-Gestammel – du zahlen, dann nix passieren! – reicht nicht. Viele Autoren scheitern auch daran, dass sie das "Fehlerniveau" nicht durchhalten: Wer mit Wir sind todeskommando of bagdad startet, aber später schreibt Bei nichteinhaltung unserer forderungen ist für eine sofortige gegenattacke alles vorbereitet, offenbart, dass er auch Bürokratendeutsch beherrscht.

Leserkommentare
  1. Man vermutet es zuerst nicht, aber da steckt viel wissenschaftliche Auseinandersetzung und Praxisbezug dahinter. Jetzt weiß ich endlich, was Computerlinguisten machen.
    Ich hätte noch einen Vorschlag, wo sich solche Experten verdient machen könnten: im Film. Jedesmal, wenn ein Charakter einen Ausländer darstellen soll, und deswegen mit schwerstmöglichem Akzent, aber in Grammatik, Syntax und Wortschatz exzellent daherredet, hätte der Drehbuchschreiber jemanden vom Fach gebraucht.
    Sehr erhellender Artikel in jedem Fall.
    Dieser Kommentar ist auch ohne Unterschrift rechtsgültig.

    7 Leserempfehlungen
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    dass Ausländer sich nicht in deutscher Grammatik, Syntax und Wortschatz exzellent bzw. fehlerlos ausdrücken können? Ein Akzent bleibt hingegen in den allermeisten Fällen bei Zweitsprachlern bestehen.

  2. Beruhigend, dass niemand derzeit an einem "sprachlichen Fingerabdruck" interessiert ist - Ähnlichkeitsaussagen aufgrund solcher Profile können doch nun wirklich leicht überbewertet werden, wenn man nicht versteht, wie sie entstehen.
    Z.B. die Aussage zu Simone N. - natuerlich sind die zwei "völlig anderen" Texte von N. ähnlich, wenn sie mit einem Korpus an Texten mit dem Thema "Schreiben/Literatur" verglichen werden - sie sind eben einfach beide nur ganz anders als das Vergleichsmaterial. Aussagekräftig wäre die Untersuchung doch nur, wenn der Abstand der Texte von Frau N. deutlich (!) kleiner gewesen wäre als der Abstand von Textpaaren anderer Schreiber - so wie ich den Artikel lese, war er aber nur "nicht größer". Das allein finde ich nicht überzeugend, um mit "großer Wahrscheinlichkeit" den Verdacht zu bestätigen.

    Ansonsten weiß ich jetzt, dass ich mir anonyme eMail-Adressen sparen kann. Offenbar ist es technisch einfach genug, mein Facebook-Profil, meine Foreneinträge und meine alten Beiträge zur Schülerzeitung zusammenzuführen. Ach ja, und natürlich meinen Schreibstil auch zu simulieren...

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    • vyras
    • 27. Juli 2013 22:13 Uhr

    " ... entwickeln die Computerwissenschaftler in Tucson Writeprint-Programme, die die Kommunikation von Terrorgruppen in Internetforen analysieren und die Identitäten der beteiligten Diskussionsteilnehmer, die sich hinter wechselnden Pseudonymen verbergen, sichtbar machen sollen."

    Wie trifft man denn da die Unterscheidung, was eine "Terrorgruppe" und was nur ein gesellschaftskritisches Forum mit vielleicht extremen Meinungen ist, wer zum harten Kern gehört, und wer nur zufällig da ist? Sind das Foren, bei denen man sich als Terrorist identifizieren muss, bevor man posten darf? Oder nehmen die gar nur Menschen, die schon Verbrechen begangen haben?

    Verzeihen Sie den Sarkasmus: Es ist blauäugig anzunehmen, dass nur "Terrorgruppen" zukünftig in den Genuß dieser Sonderbehandlung kommen werden. Das wird jede Gruppe und jeden Menschen betreffen, die/der aus irgend einem Grund das Interesse von denen auf sich zieht, die im Dunkeln ausspähen. Denn es gibt offenbar keine wirksame Kontrolle, und sie können es.

    Also: Immer schön unauffällig bleiben, fleißig arbeiten und einkaufen, nichts Kritisches zu Staat und Regierung sagen, und schnell bei Facebook anmelden.

    5 Leserempfehlungen
  3. wenn jemand nicht ganz blöde ist, dann passt er sich seine auch sprachlich/stilistisch an die jeweile Anforderung an.

    Ob ich einen Bericht abfasse, eine Bewerbung schreibe, mit einer Behörde zoffe oder mich in einem Forum auslasse - jedesmal ändert sich doch der Stil. (Wenn ich hier so schriebe wie in Welt-Online bekäme ich ja gar keinen Beitrag durch ;-)

    Und all die schönen forensisch relevanten Grammatik- und Wortfehler ... da wird sich in Zeiten abnehmenden Schulbildungsniveaus bald auch nichts mehr herauslesen lassen - die Nachfolgegenerationen schreiben heute twitterig und wissen kaum noch, wie ein Satz zusammengesetzt ist.

    Wenn man so einen Drohbrief schreiben will, geht man am besten in ein beliebiges Forum (bevorzugt IT-relevant) - da gruselts einem dermassen über das, was da zu lesen steht - solchen "Stil" kann man beliebig übernehmen.

    3 Leserempfehlungen
  4. Bei manchen Foristen, habe ich auch manchmal das Gefühl der Kommentator schreibt noch mit einem anderen nickname weiter
    oder der Autor des Artikels bekommt einen dicken Hals vom Gemeckere einiger Foristen und macht diese anonym zur Sau.^^

    Stimmungsmache belebt den Artikel.

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    • Tubus
    • 28. Juli 2013 0:31 Uhr

    "Bei manchen Foristen, habe ich auch manchmal das Gefühl der Kommentator schreibt noch mit einem anderen nickname weiter"

    Interessanter Ansatz! Die Alternative wäre die Annahme von Archetypen, vorhersagbar und auswechselbar. Man liest einen Satz und weiß wie die Geschichte endet.

  5. Was mich besonders fasziniert, sind Menschen, die in ihrem Vokabular unbeeindruckbar sind. Viele Leute übernehmen prägnante Formulierungen von ihren Freunden und Kollegen, oder sie verwenden in emotionalen Situationen Formeln, die sie in einer äquivalenten Situation gehört haben. Weil Schriftsprache sich durch ihre emotionale Distanz von der Dialogsprache unterscheidet, ist sie von temporären dialogsprachlichen Veränderungen nur schwach durchwirkt. Sie ist also auf einer längeren Zeitskala stabil. Was mich als nächstes interessieren würde, wäre, wie sie sich bei Max Mustermann in der Langzeitbetrachtung verändert. Würde der 20-jährige Max eine anonyme Verleumdung wesentlich anders formulieren als der 60-jährige Max? Nur von Autoren, deren Lebensunterhalt die Schriftstellerei ist, kennen wir im Augenblick die sprachliche Einteilung in Früh-, Haupt- und Spätwerk. In einem Zeitalter, in dem größere Bevölkerungsteile ihr ganzes Berufsleben lang Texte produzieren - wie würde sich bei ihnen in ihren 20ern und in ihren 60ern eine anonyme Verleumdung lesen? Die NSA kennt sicher schon die Antwort; wir müssen wohl auf die nächsten universitären Projekte warten. Aber ich schätze, für den Eigenbedarf sollten wir unsere alten Schulhefte am Dachboden schön aufbewahren. Die Texte gehören wirklich uns und kein Computer weiß von ihnen ;-)

    5 Leserempfehlungen
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    Sie schreiben: "Schriftsprache .... unterscheidet sich durch ihre emotionale Distanz von der Dialogsprache ... ist also auf einer längeren Zeitskala stabil."

    Da bin ich skeptisch, denn mehr als jede persönliche Änderung zwischen 20 und 60 ändert sich in der Zwischenzeit das gesamtsprachliche Umfeld, an das man sich anpassen muss.

    Ich vermute, die 'emotionale' Dialogsprache ist viel dauerhafter. Ob sich jemand mit 25 oder 65 mit dem Hammer auf den Finger klopft oder mit dem Nachbarn streitet - die verbalen Äusserungen dazu dürften sich kaum unterscheiden.

    Aber heute wie vor 30 Jahren schreiben!? Meine Göttin - was hat sich da alles gegendert - will sagen: geändert. Über die letzten Jahre hat sich doch ein 'Stil' etabliert, der einen kaum mehr einen normalen Satz schreiben lässt.

    In der Firma bin ich gezwungen, 'Studierende', 'Forschende', 'Mitarbeitende' oder MitarbeiterInnen in meine Texte hineinzuwürgen - gewiss nicht freiwillig.
    Derlei Beispiele sind inzwischen leider ziemlich häufig.

    Der am schwierigsten zu ergründende Drohbrief dürfte der völlig politisch-korrekt durchgestylte sein - so kann! gar keiner wirklich denken.

    • Tubus
    • 28. Juli 2013 0:31 Uhr

    "Bei manchen Foristen, habe ich auch manchmal das Gefühl der Kommentator schreibt noch mit einem anderen nickname weiter"

    Interessanter Ansatz! Die Alternative wäre die Annahme von Archetypen, vorhersagbar und auswechselbar. Man liest einen Satz und weiß wie die Geschichte endet.

    Eine Leserempfehlung
  6. Sie schreiben: "Schriftsprache .... unterscheidet sich durch ihre emotionale Distanz von der Dialogsprache ... ist also auf einer längeren Zeitskala stabil."

    Da bin ich skeptisch, denn mehr als jede persönliche Änderung zwischen 20 und 60 ändert sich in der Zwischenzeit das gesamtsprachliche Umfeld, an das man sich anpassen muss.

    Ich vermute, die 'emotionale' Dialogsprache ist viel dauerhafter. Ob sich jemand mit 25 oder 65 mit dem Hammer auf den Finger klopft oder mit dem Nachbarn streitet - die verbalen Äusserungen dazu dürften sich kaum unterscheiden.

    Aber heute wie vor 30 Jahren schreiben!? Meine Göttin - was hat sich da alles gegendert - will sagen: geändert. Über die letzten Jahre hat sich doch ein 'Stil' etabliert, der einen kaum mehr einen normalen Satz schreiben lässt.

    In der Firma bin ich gezwungen, 'Studierende', 'Forschende', 'Mitarbeitende' oder MitarbeiterInnen in meine Texte hineinzuwürgen - gewiss nicht freiwillig.
    Derlei Beispiele sind inzwischen leider ziemlich häufig.

    Der am schwierigsten zu ergründende Drohbrief dürfte der völlig politisch-korrekt durchgestylte sein - so kann! gar keiner wirklich denken.

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