Das schönste Restaurant Italiens liegt in der Altstadt von Bologna, in einer ruhigen Straße. Draußen sitzt man unter großen Schirmen, drinnen unter verziertem Gebälk. Im Ristorante Victoria kommt das Brot ofenwarm auf den Tisch, die Pasta ist hausgemacht, der Service makellos.

So steht es in einem Kommentar auf TripAdvisor. TripAdvisor ist die weltweit größte Online-Verbraucherplattform zu Hotels und Restaurants, 200 Millionen Menschen besuchen sie jeden Monat. Das Ristorante Victoria haben 126 von ihnen bewertet. Manche finden es gut, manche finden es schlecht. Und manche haben offenbar gemogelt. Denn oben auf der Seite prangt ein rot unterlegter Warnhinweis: "Einige Kommentare zu diesem Restaurant sind nicht vertrauenswürdig."

Opinion-Spam nennt man solche Schummeleinträge – Meinungsmüll. Je beliebter die Onlineportale, umso größer der Müllberg. Etwa ein Drittel der Bewertungen auf Portalen wie TripAdvisor sind unglaubwürdig, zeigt eine Studie der Fachhochschule Worms. Der Verband der Internet-Reiseportale hält die Zahl zwar für übertrieben. Doch gefälschte Kommentare sind ein Problem.

"Onlineportale sind für die Gastronomie von existenzieller Bedeutung", sagt Markus Luthe vom Hotelverband Deutschland. Manche Hotelbesitzer fürchteten sich so sehr vor negativen Kommentaren, dass sie sich von Kunden erpressen ließen. Andere Hoteliers dagegen nutzen die Portale, um bewusst zu schummeln. Sie beauftragen Marketingagenturen, Gutes über das eigene Haus zu schreiben – und Schlechtes über die Konkurrenz. "Die Portale tun nicht genug, um solche Betrüger herauszufiltern", sagt Luthe. "Die müssten technisch kräftig aufrüsten."

Wie aber soll man unterscheiden, ob der Nutzer eines Verbraucherportals die hausgemachte Pasta lobt, weil er sie köstlich fand – oder weil er dafür bezahlt wird? An der Cornell University in New York entwickeln Informatiker derzeit einen Lügendetektor, der genau das erkennen soll. Das Verfahren dazu heißt Sentimentanalyse. Computerlinguisten versuchen damit den subjektiven Gehalt eines Textes maschinell zu erfassen. Mithilfe von Textanalysesoftware legen die Informatiker das linguistische Skelett gefälschter Kommentare frei und versuchen, wiederkehrende Muster zu erkennen: Welche Wörter werden wann benutzt? Wie lang ist der Text? Sie zählen Personalpronomen und Adjektive, Negationswörter, Kraftausdrücke und Hunderte weitere Merkmale. Und sie ziehen Linguisten und Psychologen zurate.

Aus der Lügenforschung weiß man zum Beispiel, dass ehrliche Aussagen oft konkreter und weniger euphorisch sind als vorgetäuschte. Wer bei TripAdvisor schreibt: "Der Pensionsbesitzer Herr Schumann hat uns freundlich empfangen", der wäre demnach weniger verdächtig als jemand, der sich begeistert: "Diese Pension hat das freundlichste Personal der Welt!" Zusätzlich untersuchen die New Yorker Forscher das Umfeld, aus dem die Kommentare stammen: Hat der Verfasser eine glaubwürdige E-Mail-Adresse? Bewertet er häufiger viele Hotels innerhalb kurzer Zeit?

2011 haben sie zum ersten Mal eine große Zahl von Onlinekommentaren analysiert: 1.600 Bewertungen der 20 beliebtesten Hotels in Chicago. 800 davon waren echt – sie stammten von Personen, die tatsächlich dort übernachtet hatten. Die anderen 800 hatte eine Online-Marketing-Agentur gefälscht. Rund 90 Prozent des Meinungsmülls hätten sie mit ihrem Lügendetektor herausfiltern können, schreiben die Forscher.