Kindesmissbrauch : Die Allzuguten

Den Grünen steht beim Umgang mit den Pädophilie-Vorwürfen ihre Selbstgerechtigkeit im Weg.

Was hat Pädophilie mit Eisbären zu tun? Leider viel, jedenfalls wenn es auch noch um die Grünen geht.

Es gibt Menschen, die wählen ihr Leben lang grün. Eben wegen des bedrohten Eisbären. Oder um all der Menschen willen, die an einem Ende der Welt leben, an dem sie von den Folgen der Klimaerwärmung weit mehr betroffen sein werden als jene, die viel mehr dazu beigetragen haben – also etwa wir.

Keine Partei bearbeitet so intensiv wie die Grünen diesen Grundwiderspruch: Wir leben hier recht friedlich, sanft und kultiviert vor uns hin, erzeugen dabei jedoch nebenher verheerende Folgen andernorts.

Es ist die Lebensaufgabe der Grünen, wider diesen Stachel zu löcken. Mittlerweile jedoch sind die einst radikalen Grünen so sehr im Mainstream angekommen – und der Mainstream so sehr bei den Grünen –, dass man fürchten muss, es verhalte sich geradewegs umgekehrt: Die Deutschen haben sich die Grünen zugelegt, sowie ein Abonnement der Landlust und ein Hybridauto, nur um sich selbst vormachen zu können, dass der Konflikt zwischen der Zivilität des Lebens und der Brutalität seiner Nebenfolgen in allen westlichen Ländern tobt – außer bei uns.

Es könnte also sein, dass die Grünen heute weniger der ökologischen Revolution dienen als der ökologischen Selbstberuhigung.

Leider neigt die Ökologie von Natur aus auch zum Illiberalen

Ein Grund dafür könnte sein, dass sie zu tief in der Mitte aufgegangen sind, um die Mitte noch ändern zu können. Der andere mögliche Grund wäre, dass die Grünen selbst mittlerweile von einem notorisch guten Gewissen geplagt sind, rundum verwöhnt von den eigenen Erfolgen. Ihr Sensus für die Abgründe des Menschen, besonders des deutschen und des grünen Menschen, scheint verloren.

Das war einmal anders. Lange wurden die Grünen nicht nur von außen kritisch beäugt, sie trauten auch einander nicht über den Weg. Die Flügel standen schroff gegeneinander, und irgendwie war man sich bewusst, ein später Austragungsort für die links- und rechtsradikalen Extreme des 20. Jahrhunderts zu sein und, nicht zuletzt, auch ein Experimentierfeld für gefährliche Spiele mit gesellschaftlichen Tabus.

Von dem Bewusstsein ist wenig geblieben: Die Extreme sind ausgetrieben, die Experimente beendet, die Flügel sind Folklore, sie belauern sich nicht mehr ideologisch, bloß noch machtpolitisch.

An diesem Punkt ihrer historischen Entwicklung erweist es sich als problematisch, dass die Grünen zwar eine bürgerliche Partei sind, aber keine konservative (außer in jenem banalen Sinne, dass sie für die Bewahrung der Schöpfung eintreten). Der wahre Konservative nämlich ist zutiefst überzeugt vom Talent des Menschen zum Schlechten, auch vom eigenen. Nicht so die Grünen. Ohne den Hauch eines Selbstzweifels treiben sie ihre ja tatsächlich gute ökologische Sache voran. Dabei liegt in der Logik dieser ökologischen Sache auch eine sanfte Erziehungsdiktatur, einfach weil das bloße Überzeugen zu lange dauern könnte für die galoppierende ökologische Katastrophe, einfach weil der Einzelne möglicherweise doch ein allzu unzuverlässiger ökologischer Geselle ist, dem der grün regierte Staat menschheitsethisch auf die Sprünge helfen muss.

Die Ökologie trägt darum – bei aller Liebe zum Eisbären – stets eine Verführung zur Unfreiheit in sich. Das muss jeder wissen. Am genauesten wissen müssten es die Grünen. Tun sie das noch? Haben sie ein Gespür für das Gefährliche in ihnen?

Ein aktueller Beleg dafür, dass die Partei dieses Gespür verloren hat, ist ihre Reaktion auf die pädophile Seite ihrer Vergangenheit.

Mittlerweile kommt ja einiges zusammen: Dany Cohn-Bendits widerliche Sätze über Pädophilie aus dem Großen Basar; pädophile Forderungen in einem Programmentwurf der achtziger Jahre; und nun ein grüner Landesvorständler aus NRW, der in einem auch von den Grünen frequentierten Tagungshaus offenbar Kinder sexuell missbraucht hat und seine Pädophilen-Ideologie in seiner Partei damals ohne Schaden verbreiten konnte.

Und wie reagieren die Grünen heute? Sie zeigen sich sturzbetroffen, sagen, dass es ja nur Worte gewesen seien und keine Taten, nur Einzelne, aber nicht die Partei. Schließlich geben sie ein Gutachten in Auftrag, das aber leider, leider erst Ende 2014 fertig wird. Nun wird der grüne Skandal viel kleiner bleiben als der katholische. Aber mehr als fast nichts werden die Grünen schon tun müssen.

Als die Missbrauchsfälle in katholischen Schulen bekannt wurden, zeigte sich Claudia Roth "erschrocken" über die "Unfähigkeit der katholischen Kirche, mit dem Missbrauchsskandal angemessen umzugehen". Renate Künast stellte fest: "Der (von der Bundesregierung einberufene) Runde Tisch ist definitiv nicht die Lösung. Das ist eine Verkleisterung."

Nicht einmal bis zu dieser "Verkleisterung" haben es die Grünen bei ihrem eigenen Pädophilie-Skandal bisher gebracht. Es gibt keinen Runden Tisch, an den die Opfer geholt würden und an dem die heutigen Grünen für die damaligen einstehen würden, wie es Pater Mertes seinerzeit im Berliner Canisius-Kolleg getan hat. Es gibt auch keinen Aufruf des Vorstands an mögliche Opfer, sich anonym zu melden. Es gibt eigentlich gar nichts außer Worten.

Man sieht: Die Grünen können mit dem Bösen nichts anfangen, zumindest nicht mit dem Bösen in den Grünen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

82 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

WARUM SOLLTEN grüne MIT DRECKSPATZEN DISKUTIEREN ?!?

ups! - Ich bin kein GRÜNER - wie kommt mein Vorredner darauf, solches zu behaupten. Ganz schön leichtfertige Unterstellung - wie viele hier.

Aber ich bin mir sicher, daß sich GRÜNE nicht mit Leuten diskutieren sollten, die falsche Anschuldigungen erheben und Anderstdenkene mit üblem DRECK und Lügen bewerfen.

Das pfeifen doch die SPATZEN von den Dächern, daß Cohn-Bendit in Kritik geraden ist bei GRÜNE - aber die Frage ist nicht was dieser irgendwann geschwurbelt und provoziert hat, sondern die Frage ist doch, was man diesem an konkreten Tagen vorwerfen kann!

Wenn Sie diskutieren wollen, dann stellen Sie doch bitte erst mal aufgrund ihres angeblichen Wissens und Belege die entsprechenden Strafanzeigen - sonst machen Sie sich übrigens der Mittäterschaft schuldig.

Diskutieren ja - aber über Fakten (statt Unterstellungen) und mit demokratisch-Gesinnten (statt Hetzern).

Irgendwas muß bei Leuten wie "Berski" grundlegend nicht stimmen - wieso sind solche Leute so empfänglich für all den Mist den irgendwelche Spinner ins Internet streuen? ... und warum geht daraufhin deren Phantasie so ab, daß sie das Gehörte dann auch noch weiter Aufschäumen?

Da fehlt die Handbremse am geistigen Gefährt.

Untersuchung Walter

Erst geben die Grünen den Saubermann und beauftragen den Parteienforscher Franz Walter mit einer "internen" Untersuchung, die leider erst 2014 fertig sein soll. Statt vor der eigenen Türe zu kehren hat dieser aber wohl den Auftrag als Zwischenergebnis problematische Äußerungen von irgendwelchen Nonames anderer Parteien - der FDP - ausfindig zu machen. Das ist lächerlich und wirft kein gutes Licht auf die Grünen, zumal die Jungdemokraten (Claudia Roth war ihr Mitglied) seit 30 Jahren nichts mehr mit der FDP zu tun haben, vielmehr eine Gruppierung darstellen, die heute den Grünen und der Linkspartei nahestehen. Man stelle sich vor, die katholische Kirche hätte auf diese Weise "Aufklärung" betrieben.