Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Zum ersten Mal, seit ich zwei Jahre alt war, bin ich im Krankenhaus gewesen. Ich lag in der Chest Pain Unit. Wenn die Nato die Chest Pain Unit nach Afghanistan schickt und jedem eine kräftige Dosis Chest Pain verpasst, ist dort garantiert Ruhe im Karton. Jeden Morgen um fünf Uhr betraten drei Frauen das Zimmer. Eine machte wortlos das Licht an. Die zweite zapfte Blut ab. Die dritte beugte sich über mich und fragte: "Hatten Sie gestern Stuhlgang?" So etwas hatte mich noch keine Frau gefragt.

Sie müssen es tun. Die Regeln schreiben es vor. Sie müssen auch täglich Fieber messen, obwohl meine Krankheit keine Fieberkrankheit ist. Ein Krankenhaus funktioniert wie eine Behörde. Andererseits ist es ein bisschen wie Dreharbeiten fürs Fernsehen. Wenn man fürs Fernsehen arbeitet, verbringt man ebenfalls den größten Teil der Zeit mit Warten.

Ich habe, was den Stuhlgang betrifft, gelogen. Ich dachte, womöglich machen sie mir sonst einen Einlauf. Ich habe mir geschworen, dass ich das Krankenhaus ohne einen einzigen Einlauf wieder verlasse, und wenn ich dafür betrügen oder stehlen muss, dann tue ich es. Die Schwestern redeten über mich, als ob ich gar nicht da wäre. "Wie heißt er denn?" Das kann man mich jederzeit fragen. Ich bin der Harald. Auch wenn sie mit mir redeten, benutzten sie die dritte Person. "Wie geht es ihm? Wieso hat er seine Unterhose noch an?" Ärzte traten ans Bett und betrachteten meine Akte, ohne mich anzusehen. Ein Patient ist etwas Ähnliches wie ein kaputtes Auto. Ein kaputtes Auto weiß auch nicht, wie es heißt. Die Leute waren nett, sie haben den Motor wieder hingekriegt, es war ein gutes Krankenhaus. Auf gar keinen Fall soll dies so klingen, als würde ich mich beschweren.

Mindestens 60 Prozent der Patienten im Krankenhaus ging es schlechter als mir. Ich wurde verlegt und kam in ein Zweibettzimmer, in dem ein 70-jähriger Mann lag. Ein Single. Dem ging es mies. Der Mann erzählte, dass er kürzlich mal einen Abszess hatte, nach seiner Beschreibung so groß wie eine Dreizimmerwohnung. Sie haben den Abszess entfernt. Als er dann nach Hause zurückdurfte, wollte die Kasse den Transport nicht bezahlen, weil die Entfernung eines Abszesses ja wirklich keine große Sache ist. Der Mann hatte aber zeitgleich noch fünf andere Krankheiten. Dass jemand wegen einer anderen Sache nicht laufen kann als der, die ihn ins Krankenhaus gebracht hat, sei der Kasse nicht begreiflich zu machen. Das kommt in den Regeln nicht vor. Eine Frau erschien und erklärte ihm, dass er diesmal nicht nach Hause zurückkann, er brauche betreutes Wohnen. Dann redeten sie über seine Finanzen und über die Wohnungsauflösung, ich kriegte alles mit. Währenddessen wurde in ganz Deutschland über Datenschutz diskutiert. Mir ist schon klar, dass man im Krankenhaus nicht auch noch eine Privacy Unit einrichten kann.

Krankenhaus ist eine Grunderfahrung wie Schule, Beruf oder Kinderkriegen. Am meisten macht sicher nicht nur mir der Verlust von Intimität zu schaffen. Du bist so abhängig, wie du es zum letzten Mal als Kind gewesen bist. Der Kreis schließt sich. Du brauchst wieder für alles eine Erlaubnis und pinkelst in eine Ente. Die gesellschaftlichen Debatten sind für dich irrelevant. Ich wähle nicht Merkel, ich wähle nicht Steinbrück, ich wähle den regelmäßigen Stuhlgang.

Am ersten Tag gab es Schweineschnitzel. Am zweiten Tag gab es Bratwurst. Am dritten Tag gab es Kassler. Vor der Entlassung erklärte mir ein Arzt, dass ich mein Leben ändern muss. Ich soll jetzt Mittelmeerküche essen.

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