Thomas Roloff schließt noch immer ab, wenn er aus dem Haus geht, zweimal gegen den Uhrzeigersinn, so, als wolle er die Zeit zurückdrehen. Er müsste sein rotes Haus mit den weißen Fensterläden nicht versperren, das Erdgeschoss ist nackt, die Wände sind ohne Tapete, im ersten Stock sind die Fenster geöffnet. Zwei Wochen lang stand Roloffs Haus im Wasser, von oben sah es aus wie eine Insel, bizarr und spektakulär, das Foto schaffte es bis in die New York Times. Jetzt ist das Wasser weg, vor dem Kamin im Wohnzimmer brummt ein Lüfter, der die Nässe aus den Mauern ziehen soll, es ist schwül. Thomas Roloff sagt: "Ich hoffe, dass es eine Lösung geben wird."

Roloff ist 47, ein Mann mit kantiger Brille, um den Hals trägt er ein silbernes Kreuz. Seit elf Jahren wohnt er in Schönhausen, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, fünf Kilometer von Fischbeck entfernt, wo in der Nacht zum 10. Juni der Deich brach. Das Wasser blieb nicht in Fischbeck, es floss weiter nach Schönhausen, wo es anstieg wie in einer Badewanne.

Von den Straßen, aus den Gärten und Erdgeschossen ist das Wasser inzwischen abgeflossen, hinterlassen hat es einen grauen Schleier, der leicht ist wie Staub und doch so schwer wiegt. Wo er liegt, scheint es, als habe jemand die Farbe aus der Welt genommen. Mit dem Wasser wich auch die Aufmerksamkeit, ein grauer Schleier macht kein gutes Fernsehbild, zu unspektakulär, und das Schlimmste, meinen die, die woanders wohnen, sei jetzt ja vorbei. Ist es aber nicht. "Man kommt erst langsam wieder zu sich", sagt Roloff.

Das Hochwasser in Ost- und Süddeutschland hat einen neuen Superlativ geschaffen, es war noch schlimmer als das letzte schlimmste, 2002. Damals wurde in Schönhausen ein Pegelstand von 7,68 Meter gemessen, dieses Mal waren es 8,36 Meter. Selbst beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt hatte man mit so einem Anstieg nicht gerechnet.

Es ist Samstag, der Himmel wolkenlos, die Elbe führt Niedrigwasser. Wie an jedem Wochenende fährt Thomas Roloff auf seinem Rad durchs Dorf, er packt mit an und hört den Menschen zu. Roloff hat Theologie studiert, heute ist er Gemeinderatsvorsitzender und Laienprediger in der Schönhausener Kirche. Die liegt, wie alle Kirchen in der Altmark, hoch genug, das Wasser hat sie nicht erreicht. Die Bäume davor sind grün, der Rasen auch. Drinnen, neben dem Altar, hängt die Jahreslosung, der Leitvers fürs Jahr 2013, Hebräer 13,14: "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

Das Wasser hat Existenzen weggespült, im Dorf wird erst allmählich das Ausmaß der Katastrophe sichtbar: schimmelige Wände, aufgequollene Fußböden, kaputte Möbel. Im Landkreis sammelte die Müllabfuhr seit der Flut fast 5.000 Tonnen Müll ein, jährlich sind es normalerweise 12.000 Tonnen. Die Gesamtkosten für die Entsorgung schätzt der Landrat auf 700.000 Euro, das Geld streckt erst einmal der Landkreis vor. Noch immer stehen die Keller vieler Häuser voll Wasser, es kann nicht abfließen, weil der Grundwasserspiegel zu hoch ist.

Der Gesamtschaden in Sachsen-Anhalt liegt bei rund 2,7 Milliarden Euro, eine erste Schätzung, denn das Wasser ist, wie in Schönhausen, noch nicht vollständig zurückgegangen. Bund und Länder haben einen Hilfsfonds in Höhe von 8 Milliarden Euro verabschiedet, wann das Geld ausgezahlt wird, an wen und wer wie viel bekommt, ist noch unklar. Beim Bundesfinanzministerium heißt es, dass die Diskussion mit den Ländern nicht abgeschlossen sei. Es wird betont, dass die Soforthilfe von 400 Euro pro Flutopfer bereits ausgezahlt wurde. Auch die Schönhausener konnten so eine "Soforthilfe- und Flutopferbescheinigung" beantragen, bislang haben aber noch nicht alle das Geld erhalten.

Wenn der Kampf gegen das Wasser vorbei ist, beginnt der Kampf mit den Zahlen. Die meisten in Schönhausen haben eine Elementarversicherung, manche nur fürs Haus, manche nur fürs Inventar, viele – wie Roloff – für beides. Der Schaden, den das Hochwasser angerichtet hat, muss ihnen ersetzt werden. Aber wie viel ist ein Haus wert, wie viel der Fußboden, was kostete die Couchgarnitur?