Sommer ist, wenn in der Schweiz die Regierung auf ihr "Bundesrats-Reisli" geht und sich unsereins an Kulturevents, wie dem Festival da Jazz im Dracula-Club in St. Moritz vergnügt, wo sich Jazz-Größen wie Dee Dee Bridgewater und Chick Corea die Klinke in die Hand drücken.

Nicht dass ich uns allen die Erholung von den stetig wiederkehrenden Verpflichtungen des Alltags nicht gönnen möchte. Aber die Fülle der Probleme, die unser Land gerade beschäftigen, lassen mich nicht gerade in hochsommerlicher Euphorie schwelgen. Und die direkte Demokratie, in der Partizipation gefordert ist, hält nicht einfach inne, nur weil der Sommer endlich doch noch gekommen ist.

Wer, wie ich, an liberale Prinzipien und an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen glaubt, verbringt dieses Jahr keine ruhigen Ferien. Die Schweiz ist von allen Seiten unter Druck geraten. Der andauernde Steuerstreit mit der EU, die permanenten Attacken gegen den Finanzplatz Schweiz und die gescheiterte Lex USA führen uns vor Augen, dass wir international nur wenig Verbündete haben. Und als wäre unser Wohlstand für immer sicher, lanciert die Linke eine Initiative nach der anderen. 1:12, Erbschaftsteuer und Mindestlohn sind nur einige der populistischen Postulate, die auf ein erstaunlich positives Echo stoßen. Die Wirtschaftslobby ist abgetaucht – und die einst einflussreiche Economiesuisse leckt nach dem Debakel mit der Abzockerinitiative ihre Wunden. Sie wird – bedauerlicherweise – in absehbarer Zeit nur bedingt handlungsfähig sein.

Zeit für eine strategische Reflexion, wie sie der Unternehmer Jobst Wagner in seinem liberalen Manifest Strategiedialog 21 fordert, bleibt wenig. Dabei gibt es fundamentale Themen wie die Zukunft unseres Regierungssystems, die Stärkung des Wirtschafts- und Bildungsstandortes Schweiz, die Stellung unseres Landes in einem globalisierten Wettbewerb und den Umgang mit einer zunehmenden Flut von Umverteilungsinitiativen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Die einst mächtigen liberalen Stimmen, die früher einen wichtigen Beitrag zur politischen Debatte in der Schweiz geleistet haben, werden immer rarer, und ich glaube nicht, dass das nur an der Sommerpause liegt!

Dabei ist klar: Wir brauchen dringend engagierte Bürgerinnen und Bürger, die nicht nur ihre Meinung mit dem Stimmzettel kundtun, sondern für kontroverse Positionen einstehen, auch wenn uns einmal der Wind ins Gesicht bläst. Unsere Milizpolitiker, das darf einmal gesagt sein, tun dies jeden Tag. Hier müssen auch die Medien einen gesellschaftlich bedeutenden Beitrag leisten, indem sie diese Persönlichkeiten, die sich mutig, zivilcouragiert und über ihre eigentliche berufliche Tätigkeit hinaus für die Gesellschaft einsetzen, unterstützen und somit andere ermutigen, es ihnen gleichzutun.

Auch wenn es mühsam ist und der direktdemokratische Prozess langsam, stehen unternehmerische Köpfe in der Pflicht, sich für Ämter und politische Mandate zur Verfügung zu stellen und nicht das Feld widerstandslos einem populistischen Mainstream zu überlassen, der langsam die Säulen unseres Wohlstandes untergräbt.

Vielleicht ist ja die Sommerpause eine ideale Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir die enormen Herausforderungen meistern können, vor denen wir aktuell, aber auch in absehbarer Zukunft stehen. Und wir sollten uns, frisch erholt, daranmachen, die Kräfte, die für Eigenverantwortung einstehen, neu zu mobilisieren, und unseren Beitrag an die Debatte zu leisten. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten.