Auf eine irrwitzige und völlig unvorhersehbare Weise habe ich mich in Köln unsterblich verliebt. Es war die Art von Verlieben, die einem Herzklopfen bereitet. Die Art von Verlieben, die das Blut in den Adern prickeln lässt. Die Art von Verlieben, die einen grundlos zum Lächeln bringt.

Es war im Mai 2006. Ich war damals glücklich verheiratet, aber das tat nichts zur Sache. Mein Ehemann ist ein sehr vernünftiger Mensch. Und er glaubt von jeher an die Liebe.

Köln ist nicht unbedingt eine Stadt, in der man damit rechnet, sich Hals über Kopf zu verlieben. Es ist eine schöne Stadt, aber es besitzt weder die Dramatik noch die Romantik einer Stadt wie Paris oder Havanna. Und doch habe ich mich in Köln verliebt. Ich habe mich in eine Kirche verliebt. Eine katholische Kirche. Eine Kirche namens Sankt Agnes.

Sankt Agnes ist die zweitgrößte Kirche Kölns. Nur der weltberühmte Kölner Dom ist größer. Sankt Agnes ist eine verhältnismäßig unspektakuläre Kirche. Die schöne, aber schlichte Anlage, das weiße Deckengewölbe und die rosafarbenen Steinsäulen erwecken einen Eindruck der Erhabenheit. Der Erhabenheit, nicht der Arroganz. Sankt Agnes ist von einer einnehmenden, sehr menschlichen Großartigkeit.

Das Innere der Kirche ist weitgehend schmucklos, mit einem Minimum von religiöser Symbolik und Prunk. Und es strahlt Wärme aus. Eine Wärme, die man spüren kann. Eine Wärme, die dem Geist erlaubt, zu schweben, sich zu erheben, zu fragen und sich herausfordern zu lassen. Ein Zustand, der dem Verliebtsein verblüffend ähnelt. Berauschendem Verliebtsein. Und ich war verliebt.

Dennoch war diese Liebesheirat nicht unproblematisch. Ich bin keine Katholikin. Ich bin Jüdin. Und es kommt noch schlimmer: Ich bin Atheistin. Eine jüdische Atheistin. Vielleicht bin ich keine hundertprozentige, keine kompromisslose Atheistin. Vielleicht bin ich nur zu neunzig Prozent Atheistin. Doch selbst wenn ich nur zu neunzig Prozent Atheistin bin, bleibt es ziemlich problematisch, sich in eine katholische Kirche zu verlieben.

Ich wurde dazu erzogen, nicht an Gott zu glauben. Nicht an Gott zu glauben war eine Art Familienmantra. Ich war das Kind zweier Menschen, die Jahre der Haft in den Ghettos, Arbeitslagern und Todeslagern der Nazis überlebt hatten. Meine Mutter war siebzehn Jahre alt, als sie im Ghetto von Łódź interniert wurde. Sie hatte vier Brüder, drei Schwestern, Mutter, Vater, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen, Neffen und Nichten. Als alles vorbei war, hatte sie keinen einzigen Verwandten mehr auf der Welt. Alle Mitglieder ihrer Familie waren ermordet worden. Die Eltern meines Vaters, seine Schwester und seine drei Brüder waren ebenfalls ermordet worden.

Nach Kriegsende dauerte es sechs Monate, bis meine Mutter und mein Vater einander wiederfanden. Sie wurden in ein Lager für Displaced Persons in Feldafing geschickt. Ich kam in Deutschland zur Welt, eines der ersten Kinder von Überlebenden des Holocaust.

"Es gibt keinen Gott", sagte meine Mutter in meiner Jugend immer wieder. Ich wuchs in Australien auf, einem Land des blauen Himmels und des Sonnenscheins. Es wirkte nicht wie ein Land, in dem es wichtig war, zu wissen, dass man in einer Welt ohne Gott lebte. "Es gibt keinen Gott", sagte meine Mutter bei den verblüffendsten Anlässen. Und stets aus heiterem Himmel. "Es gibt keinen Gott", sagte sie, wenn sie Geschirr spülte oder die Wäsche aufhängte oder sich für eine Bar Mizwa oder einen Geburtstag schick machte.

Meine Eltern entstammten beide einer religiösen Familie. Nach dem Krieg hatten sie für das Wort Religion nur mehr Spott und Hohn übrig. Mein Vater mit seinen siebenundneunzig Jahren gerät heute noch in Rage über die größtenteils jungen orthodoxen Juden in seiner Gegend in der Lower East Side, die ihn oft fragen, ob sie ihn zur Synagoge begleiten können.

Und er beharrt auf seinem Unglauben an Gott oder ein Jenseits. Eines Morgens wachte ich mit einem besorgniserregenden Gedanken auf: Mein Vater, der sich vor mehr als zehn Jahren, als er nach New York zog, einen Grabplatz in Queens gekauft hatte, könne den Wunsch haben, neben meiner Mutter in Melbourne beerdigt zu werden.