Bislang waren Multimedia-E-Books bloß ein Baby der Unterhaltungsindustrie. Diese E-Books reichern den Schriftsatz um audiovisuelle Dateien an. Wir lesen dann wie eh und je, etwa von den amourösen Verwicklungen einer jungen Frau in einem E-Book von Bastei Lübbe – können aber dank integrierter Videoclips auch einen Blick auf ihre makellosen Beine werfen. So war es ein Leichtes, das Aufkommen multimedialer E-Books als Verfallsgeschichte zu deuten: der konzentrierte Akt des Lesens – dahin.

Seit vergangener Woche hat dieser Kulturpessimismus einen schwereren Stand. Da präsentierte Tania Singer, Direktorin am Leipziger Max-Planck-Institut für Soziale Neurowissenschaft, das mit ihrem Mitarbeiter Matthias Bolz entwickelte Multimedia-E-Book Mitgefühl. Brückenschlag zwischen Meditation und Wissenschaft. Eingeladen hatten sie dafür in das Berliner Atelier des Kunststars Ólafur Elíasson. Mehrere Aufnahmen von dessen Arbeiten zieren das Buch.

Die Stimmung ließ sich in drei Worte fassen: "Hier geht was." Mitgefühl hat gerade Konjunktur. "Weil unsere Welt in eine Sackgasse geraten ist und wir merken, dass es so nicht weitergeht, dieser übertriebene Individualismus, diese absolute Nabelschau", so erklärt es Singer. Die Ausbildung des Mitgefühls könne uns ermöglichen, aus dem rat race der Konkurrenz auszusteigen, kooperative Lebensmodelle zu entwickeln.

Neu ist diese Idee nicht. Neu ist, dass sie aus den Geisteswissenschaften in die Naturwissenschaft gewandert ist. Statt das Gehirn als Einzelfall zu untersuchen, beginnt nun auch die Neurowissenschaft, sich für das zu interessieren, was zwischen zwei Gehirnen geschieht. So hat man jüngst ein Neuron entdeckt, das die Gefühle anderer spiegelt – und dass sich die Tätigkeit dieses Spiegelneurons durch Training fördern lässt.

Dieses Trainieren des Mitgefühls war es, was Singer 2011 zu erforschen unternahm, mit einem Workshop, der Neurowissenschaftler, Psychologen und Meditationsexperten zusammenbrachte. Schon damals im Atelier von Elíasson, der mit seiner Kunst ähnliche Fragen verfolgt wie Singer: Er sehe sich "als Teil einer verantwortlichen Gemeinschaft", das wolle er mit seinen Werken spiegeln.

So nahm auch die Präsentation des E-Books Züge eines Gemeinschaftserlebnisses an. Fast zu sehr. Eine Stimmung allgemeinen Wohlwollens, eine gemeinsame Meditation: Wer bekäme da nicht Lust, etwas Böses zu tun und den Bio-Basilikum-Limette-Drink dem Nachbarn über die Hose zu kippen?

Gleichwohl kann man sich über dieses E-Book ungetrübt freuen. Es bietet Texte, die den Stand der Forschung zusammenfassen, Erfahrungsberichte, manchmal in Form von Videos, und Meditationsanleitungen für alle, die mal die Augen schließen wollen. Es zielt auf unseren Intellekt wie auf unsere Sinne. Und es realisiert in seiner Vielstimmigkeit vielleicht zum ersten Mal auf anspruchsvolle Weise das Potenzial multimedialer E-Books. Ab dem 16. September soll das Buch als kostenloser Download verfügbar sein. Dann lässt sich die Erfahrung machen, dass das multimediale E-Book nicht dem Zappen, sondern dem Flanieren gleicht.