Merklich ruhiger ist es um ihn geworden. Alles weiß man doch mittlerweile von ihm – und sympathisch war er ja nie. Die stilisierte Großschriftstellerei, die zelebrierte Daseinsform unter der Fuchtel der Disziplin, diese angelesene Bildungshuberei – nervt es nicht kolossal? Gewiss, Action gibt’s reichlich in seinen Büchern – aber muss die denn so langsam und anstrengend daherkommen, so weitschweifig und ziseliert? Geht’s nicht knapper und einfacher, ohne gespreizten kleinen Finger? Hart und direkt, ohne Plumeau?

Verächter Thomas Manns gab es stets viele, wenn auch nicht so zahlreich wie Verehrer. Um die Jahrtausendwende aber schien er wirklich populär zu werden: Tagebücher und dicke Biografien waren erschienen, hinzu kam der TV-Dreiteiler Die Manns von Heinrich Breloer. Jeder glaubte jetzt, ihn zu kennen, den verkappten Schwulen, der schräges Zeug ins Tagebuch notierte und eine exzentrische Familie mit Selbstmordneigungen hatte. Doch die Welle verebbte; nach Übersättigung kam bald der Überdruss. Natürlich ist er unser Klassiker, aber meist im Pflichtprogramm, ohne Begeisterung. "Tonio Kröger gelesen. Nicht so toll gefunden", teilte kürzlich die 1984 geborene Autorin Antonia Baum mit. Vielleicht ist ihr Urteil über die Erzählung des 27-jährigen Jungautors symptomatisch. Vielleicht kommt den gegenwartsumtosten Deutschen gerade Thomas Mann abhanden, ohne dass sie es schon gemerkt hätten.

Also ist es genau der richtige Zeitpunkt, Thomas Mann selbst zum Kunstwerk zu machen. Der Schriftsteller Hans Pleschinski hat ihn jetzt zur Figur seines Romans Königsallee erkoren – aber das ist nicht die einzige Volte dieses virtuosen Buches, dem eine Favoritenrolle beim Rennen um den Deutschen Buchpreis im Herbst gebührt. Pleschinski nämlich schreibt seinen Roman auf der Folie eines Romans seiner Romangestalt. Er transformiert den Plot von Thomas Manns Lotte in Weimar in das Nachkriegsdeutschland des Jahres 1954. Manns Buch von 1939 kreiste um Goethe und dessen komisch verwickelte Wiederbegegnung in Weimar 1816 mit der einst geliebten Charlotte Kestner, geborene Buff, Vorbild für die Lotte in Die Leiden des jungen Werther. Pleschinski nun lässt den Kaufmann Klaus Heuser ahnungslos nach 18 Jahren in Asien in seine Heimatstadt Düsseldorf reisen – wo zufällig zur gleichen Zeit im gleichen Hotel Thomas Mann erwartet wird. Wird es zur Wiederbegegnung zwischen dem 79-jährigen Literaturnobelpreisträger und dem mittlerweile 44-jährigen "Geliebten von einst" kommen, wie ihn Mann am 29. August 1954 im Tagebuch nennt? Um diese Frage herum inszeniert Pleschinski wie einst Thomas Mann bei Goethe einen burlesken Reigen – der aber ebenfalls mehr ist als die äußerst amüsante Ausschlachtung eines Großen.

Pleschinskis Gerüst besteht aus biografischem Material und realen Personen; er verarbeitet diverse Fakten über den Schriftsteller und dessen Umfeld. Und er integriert Stoff aus dem Nachlass des 1994 verstorbenen Klaus Heuser. Im August 1927 hatte Mann sich in Kampen auf Sylt in den 17-jährigen verguckt: "An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt", schreibt er aufgewühlt ins Hotel-Gästebuch. Klaus wird für zwei Wochen nach München eingeladen; später besucht Mann die Familie Heuser in Düsseldorf. "Nach menschlichem Ermessen war das meine letzte Leidenschaft, – und es war die glücklichste", notierte er 1933 im Tagebuch. Viel passiert ist nicht zwischen den beiden, wie stets bei Mann – aber er erinnerte sich noch 1942 an sich als "glücklichen Liebhaber": "Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte, – es war da, auch ich hatte es, ich werde es mir sagen können, wenn ich sterbe." Dem süßen Klaus gelten Passagen des Essays über Kleists Amphitryon von 1927, aber er steht auch Pate für den Joseph seiner späteren Josephs-Tetralogie.

Eine eigenwillige Liebesgeschichte also, die 1954 aber kein Wiedersehen brachte, als Thomas Mann tatsächlich nach Düsseldorf reiste und aus Felix Krull vorlas. Nur die Eltern von Klaus sind dabei, wie er im Tagebuch festhält, und berichten, wie es ihrem Sohn, der bald aus Asien zurückkomme, ergangen ist. Manns Tochter Erika kommentierte das unverheiratete Dasein von Klaus: "Da er den Z[auberer] nicht haben konnte, hat ers lieber ganz gelassen."

"Düsseldorf leuchtet": Pleschinski malt nun aus, wie es gewesen sein könnte, wenn K. H. an den Rhein gekommen wäre. Das Hotel "Breidenbacher Hof" an der Königsallee rüstet sich für den hohen Gast. Ein Wimmelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft ersteht vor uns, schöne Liftboys heißen Krull-haft Armand, kriegsversehrte Männer und adrette Frauen wuseln herum, das Wirtschaftswunder brummt, ständig begleitet von der braunen Vergangenheit und moralischer Unübersichtlichkeit. Feldmarschall Albert Kesselring muss irgendwie ausquartiert werden, da man Thomas Mann die Übernachtung unter einem Dach mit Hitlers Kriegsverbrecher nicht zumuten kann. Klaus Heuser und dessen indonesischer Gefährte Anwar nehmen Quartier, aus Anstandsgründen bekommen sie zwei Dachzimmer zugewiesen. Als der Nobelpreisträger samt Frau Katia und Tochter Erika eintrifft, gibt es peinigende Ansprachen, die Ernst Jünger loben. Doch die eigentliche Gefahr entdeckt Erika im Gästebuch: Klaus Heuser ist im Haus. Eine Begegnung muss zwecks Nervenschonung verhindert werden.

Der präzise Arrangeur Pleschinski präsentiert nun einen gehobenen Komödienstadl mit lebhaften Auftritten, skurrilen Marotten und in einem Fünfziger-Jahre-Kolorit mit Borgward Hansa 1800. Auf kunstvolle Weise aber erscheint das alles sehr modern. Nichts ist ja einfältiger als die Rede von der angeblich so vermufften und restaurativen Adenauer-Ära. Pleschinski zeigt hingegen das plurale Nebeneinander damals von rasendem Aufbruch und Beharrung. Der passive Klaus und der klug staunende Anwar immer mittendrin: Die anstrengend egozentrische Erika überfällt die beiden ebenso wie kurz darauf der alte Mann-Freund Ernst Bertram. Dieser hatte ihn einst bei den Betrachtungen eines Unpolitischen beraten und war Pate von dessen jüngster Tochter Elisabeth; nun sucht der nach 1933 schuldig gewordene Literaturprofessor und Bücherverbrenner Gnade beim großen Emigranten. Schließlich der arme Sohn Golo: Pleschinski überzeichnet sein bitterböses Porträt des weißweinsaufenden Ungeliebten, der verzweifelt – wie Goethes August – die Anerkennung des Vaters will.