Es ist lange her, dass in Deutschland ein Dom abgerissen wurde. Vor 200 Jahren war das, in Hamburg. Er galt als baufällig und zu teuer in der Erhaltung. Einigen Hamburgern scheint das noch heute peinlich, und wenn die Auswärtigen fragen, heißt es: Das waren die Engländer und Amerikaner mit ihren Bomben – schrecklich, ganz schrecklich, der schöne Dom.

Der schöne Dom von Immerath bei Erkelenz im Rheinland ist nur ein kleiner Dom und auch nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem späten 19. Jahrhundert. Es ist ein Bau der Neuromanik, errichtet nach den Plänen des Kölner Architekten Erasmus Schüller. Weit grüßen die beiden Türme über die grünen und goldenen Felder ins Land. Die Erkelenzer Börde, Teil des südlichen Niederrheins zwischen Köln und Aachen, hat fruchtbare Böden. Doch leider, leider liegt unter dem Löß Braunkohle.

Monströse Bagger zerwühlen die Erde und machen aus der blühenden Landschaft eine Mondwüste. Garzweiler II heißt das Elend, ein riesiges Revier, das Dorf um Dorf vernichtet, wie der rheinische Tagebau im Laufe der Jahrzehnte schon zig Orte samt Baudenkmalen, ob Herrenhaus, ob Mühle, vernichtet hat. Unvergessen 1972 die Sprengung von Schloss Harff an der Erft, Heimat des Arnold von Harff, der von 1496 bis 1498 durch ganz Europa bis nach Jerusalem pilgerte; sein Tagebuch gehört zu den frühen Reiseklassikern der deutschen Literatur.

Nun also soll der Dom von Immerath gesprengt werden. Die heilige, katholische und apostolische Kirche hat ihn an RWE verkauft, im August wird es noch eine Messe zum Abschied geben. Der fast 1.000-jährige Ort hat sich geleert, er erwartet die Bagger, er erwartet den Tod.

Sankt Lambertus im Tuffsteinkleid erwartet ihn in Würde und bestem Zustand, prachtvoll mit dem großen Portal, dem mächtigen Chor. Im Zweiten Weltkrieg war der dreischiffige Innenraum beschädigt worden, liebevoll wurde er restauriert. Die Immerather schenkten ihm neue Fenster, Arbeiten bekannter Glaskünstler. Einige Kostbarkeiten, wie das gotische Kreuz, das aus der Vorgängerkirche stammt, will man noch bergen, auch die ehrwürdigen Glocken, der Rest wird entsorgt. In Neu-Immerath, das irgendwo am Rande der Wüste entsteht, soll es keine Kirche mehr geben, allenfalls eine Kapelle. Und in ein paar Jahren wird dann auch das ebenso stattliche Gotteshaus im benachbarten Keyenberg fallen; sein erster Priester ist schon 893 im Urbar des Eifelklosters Prüm erwähnt.

So nimmt der längst anachronistische Braunkohleabbau eine Kulturlandschaft mit sich in den Untergang. So werden noch um fünf vor zwölf ganze Ortschaften vernichtet, Häuser und Höfe, Schlösser und Kirchen. Das ist die Zerstörungskraft einer zähen Technokratie, die Ideologie der alten Energie, das ist die NRW-DDR, die immer weitermacht. Wer ruft endlich Halt?