Gemächlich windet sich die schmale Asphaltstraße über die grünen Hügel von Oberrosenberg. Von der winzigen Kapelle mit dem frisch gemähten Rasen davor führt sie an Einfamilienhäusern und Bauernhöfen vorbei, in deren Vorgärten alte Frauen in die Sonne blinzeln. Rund 90 Menschen, zahlreiche Kukuruzfelder und mehrere Dutzend Häuser liegen in dem südsteirischen Dorf an der einspurigen Straße aufgefädelt. In einem von ihnen wurde Gabriele Unger jahrelang vergewaltigt. Die heute 53-jährige Frühpensionistin war noch ein Kind, als das Wiener Jugendamt sie 1965 in das idyllische Dorf zu einer Bauernfamilie in Pflege gab. Die drei Zentimeter lange Narbe am Kinn, die ihr der leibliche Vater in Wien geschlagen hatte, war damals noch frisch.

Die Gewalt setzte sich in Oberrosenberg fast nahtlos fort: Feldarbeit, Prügel und Entbehrungen erwarteten das Mädchen auf dem Bauernhof. Mit elf begann der älteste Sohn des Bauern, sie zu vergewaltigen. Als sie das anzeigte, wurde sie vom Hof gejagt. 15 Jahre war das Mädchen damals alt.

Jahrzehnte des Schweigens haben sich über Fürsorgefälle wie jenen von Gabriele Unger gelegt. Nachdem aber der Skandal rund um den massiven geistigen, körperlichen und sexuellen Missbrauch im Kinderheim am Schloss Wilhelminenberg von 1948 bis 1977 bekannt wurde, richtet sich der Blick jetzt auch auf jene Kinder, die von der Fürsorge in diesen Jahrzehnten bei Pflegefamilien auf dem Land untergebracht worden waren. Wenn die Verantwortlichen des Jugendamts und der Wiener Stadtverwaltung der Gewalt in diesem und anderen Kinderheimen tatenlos zugesehen haben, wo haben sie dann noch die Augen geschlossen?

Das Schicksal von Gabriele Unger ist jedenfalls kein Einzelfall. Im Bezirk Bad Radkersburg in der Südsteiermark und in Jennersdorf im südlichen Burgenland entstanden von den 1950er bis in die 1970er Jahre regelrechte Pflegekinderkolonien. Vornehmlich zu verarmten Bauern gab das Wiener Jugendamt jene Kinder in Pflege, die entweder keine Eltern hatten oder diesen aufgrund von Gewalt oder Verwahrlosung weggenommen werden mussten. Wie viele dieser Pflegekinder es wirklich gab, ist heute kaum mehr zu eruieren. Allein im Jahr 1969 sollen 1276 Wiener Kinder in den Bundesländern bei Pflegefamilien untergebracht gewesen sein.

So spärlich konkrete Zahlen sind, so sicher sind sich die Wissenschaftler über die Lebensbedingungen der Kinder – darüber, dass sie auf den Höfen größtenteils als Arbeitskräfte ausgebeutet und vielfach sexuell missbraucht wurden. Auch die Aussagen von Gabriele Unger wurden untersucht und deren Richtigkeit bestätigt. Im südsteirischen Oberrosenberg und in vielen anderen Orten, an denen die Pflegekinder aufgewachsen sind, will man von diesen Enthüllungen bis heute trotzdem nichts wissen.

Bleibt man an einem der Bauernhäuser entlang der Asphaltstraße in Oberrosenberg stehen, bietet sich meist ein freier Blick auf jene Felder, auf denen die Pflegekinder früher schuften mussten. Eine ältere Bäuerin, die im Schatten ihrer Veranda sitzt, kann sich noch gut an die Kinder aus Wien erinnern. Auch in ihrem Haus hätten sie bei dem einen oder anderen Handgriff mitgeholfen. "Aber das war sicher keine schwere Arbeit", behauptet sie. "Die Dirndln haben hier eine gute Zeit gehabt."

Monika Gallist war eines jener Kinder, die damals auf den Feldern in Oberrosenberg arbeiteten. Nachdem ihre Mutter an Leukämie gestorben war, hatte das Wiener Jugendamt die damals Dreijährige 1962 zu einem Bauernpaar in Obsorge gegeben. Dreizehn Jahre lang lebte Gallist mit ihrem älteren Bruder und zwei weiteren Pflegekindern auf dem Hof. "Ein Wohnraum, zwei Schlafzimmer, drei Rinder und vier Schweine", hielt der Fürsorgebericht fest. In Gallists Erinnerung kommt noch etwas hinzu: Der Gestank der Schweine und die Alkoholfahne des Bauern verfolgten sie bis ins Bett.

Aufstehen mussten die Kinder mit Sonnenaufgang. Stall ausmisten, Heu austragen, Feldarbeiten. Wie Gesinde setzte der Bauer die Kinder zur Arbeit ein. Nur dass er dafür vom Wiener Jugendamt monatlich Geld ausbezahlt bekam, anstatt welches auszugeben. Trödelten die Kinder nach der Schule auf dem Heimweg, setzte es Schläge. Je mehr der Bauer getrunken hatte, desto härter schlug er zu. Waren die Striemen noch am folgenden Tag sichtbar, mussten die Kinder zu Hause bleiben, anstatt zur Schule zu gehen. Nur das kleinste Pflegekind entging den Prügeln. Schon als Säugling war sie zu dem Bauernpaar in Pflege gegeben worden. Längst hat sie den Hof und die umliegenden Äcker geerbt.

Die Nähe zu Monika Gallist suchte der Bauer hingegen hauptsächlich dann, wenn seine Frau für Einkäufe in die Stadt gefahren war. Als Gallist zehn war, begann er, dem Kind zwischen die Beine zu greifen. Es folgten Jahre regelmäßiger Vergewaltigung. Im Alter von 13 Jahren versuchte Monika Gallist das erste Mal, sich das Leben zu nehmen.

Über Jahrzehnte hinweg bildete sich ein "Kartell des Schweigens"

Die Fürsorge will von der Ausbeutung der Kinder nichts mitbekommen haben. 1969 hieß es in einem der Berichte über Monika Gallist: "Die Pflegeeltern sind äußerst nette und vernünftige Menschen, die den Kindern die beste Förderung angedeihen lassen – sie selbst sind sehr strebsam und schauen, ihre kleine Landwirtschaft so erträglich als möglich zu gestalten. Sehr gute Familienatmosphäre." Wie solche Berichte zustande kamen, weiß Gallist noch: "Wenn’s geheißen hat, die Fürsorge kommt, haben wir am Vortag immer Hendln schlachten müssen. Dann hat der Bauer mit dem Beamten am Herrentisch gegessen und ihm noch Würste mitgegeben". Mit ihr, dem Pflegekind, das währenddessen am Gesindetisch sitzen musste, habe keiner der Beamten gesprochen.