Komm, süßer Tod! Aber manchmal kommt er einfach nicht. Wie in diesem Krankenzimmer einer Klinik irgendwo in Norddeutschland. Vor dem Fenster rauscht ein schwerer Sommerregen hernieder, rauscht auf das Flachdach, auf die Kastanie vorm Fenster, in der eine Amsel flötet. Sommer. Sommer am Lebensabend.

Komm, süßer Tod. Die 86-jährige Patientin hört den Amselgesang nicht, sie, die frühere Biologielehrerin, die einmal jeden Zaunkönig vom Buchfink unterscheiden konnte, hört nicht, spricht nicht, dämmert zwischen Bewusstlosigkeit und Schlaf. Ein schwerer Schlaganfall, halbseitige Lähmung, Sprachzentrum betroffen, steht in der Patientenakte. Zwei Söhne, eine Tochter haben sich am Bett versammelt, flüsternd. Weiß man, wie viel die Mutter versteht, ohne zu reagieren? Wer wird die Nacht bei ihr bleiben? Wie lange wird "es" dauern?

Visite. Der Chefarzt kommt mit einem Tross von Pflegepersonal und Assistenten. "Ihr Zustand ist momentan stabil, aber..." Die Venen seien "hin", er schlage vor, eine PEG, also eine Magensonde, zu legen, um die künstliche Ernährung einzuleiten. "Dann können Sie sie nach Hause holen."

Künstliche Ernährung? Die Geschwister sehen einander erschrocken an. Vor wenigen Tagen erst hatten sie mit der Mutter über eine Patientenverfügung gesprochen. Sie hatte das Formular gelesen, einsichtig. "Ja, das sollte ich wohl machen." Nur erst noch mit dem Hausarzt sprechen. Aber der Schlaganfall war schneller.

Ein Fall für die Palliativmedizin. Für jene Spezialdisziplin also, die sich um Patienten in der letzten Phase ihres Lebens kümmert. Wenn sie "austherapiert" sind, wenn die klassische Medizin aufgibt, wenn Heilung und Genesung keine Option mehr bieten. Wie behandelt man Patienten am Ende ihres Lebens am besten? Welche körperlichen Bedürfnisse haben sie, wie lässt sich ihre Stimmungslage unterstützen, und – auch das wird häufig übersehen, obwohl den Kranken selbst besonders viel daran liegt: Welche Hilfe brauchen die Angehörigen, um sich nicht von der Situation überfordert zu fühlen? Das alles gehört ins Umfeld eines nach menschlichem Ermessen erleichterten Lebensendes.

Technisch gesehen, ist der "Sterbevorgang" durch unser Gesundheitswesen perfekt durchorganisiert. Übersehen werden dabei jedoch die urmenschlichen Bedürfnisse in einer ultimativen Situation: keine Angst haben müssen, von Schmerzen und von Atemnot befreit werden, Nähe erleben, Zuwendung bekommen, letzte Fragen klären können.

Die Palliativmedizin kennt die Antworten auf diese Fragen. Nach aufreibenden Kämpfen ist sie seit 2010 endlich auch Teil der Medizinerausbildung, und immer mehr Experten erkennen, wie wichtig es ist, die Erkenntnisse dieser Spezialdisziplin in der Praxis umzusetzen. Doch während in Nachbarländern wie Großbritannien Palliative care längst verbreitet und anerkannt ist, hinkt Deutschland hinterher. Das ist offenbar jetzt auch im Bundesgesundheitsministerium erkannt worden. Auf dessen Initiative traf sich jetzt im Juli erstmals das Forum Palliativversorgung. "Wir wollen zur weiteren Verbesserung der Palliativ- und Hospizversorgung beitragen", erklärte Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.