Der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani, ein wunderbarer Autor (Der Jakubijân-Bau), hat in seinen Kolumnen das Mubarak-Regime bekämpft und die Revolution angefeuert; bis heute enden seine politischen Artikel jeweils mit der fanfarenhaften Parole: "Demokratie ist die Lösung." Doch als Anfang des Monats nach einer Welle von Protesten die ägyptische Armee den gewählten Präsidenten des Landes absetzte, stellte sich Aswani auf die Seite des Putsches. Was geschieht da? Die Frage führt ins Zentrum der Debatte über den politischen Islam, über die Demokratie – und darüber, wie sich der Westen in dieser historischen Situation verhalten soll.

Für Aswani war der Putsch kein Putsch, sondern die Rettung der Revolution vor der Intoleranz und dem Fanatismus der Muslimbrüder. Der Autor ist kein Speichellecker der jetzt herrschenden Generale; er ist sehr wachsam, wenn es um die Rückkehr der Kreaturen des alten Regimes geht. Aber ist Demokratie für ihn wirklich noch die Lösung? Schon im Dezember 2012, als in Ägypten ein islamistisch geprägter Verfassungsentwurf zur Volksabstimmung anstand, äußerte er Zweifel an der Urteilskraft der ungebildeten Massen. Wer nicht lesen und schreiben könne, twitterte Aswani, solle auch nicht mitentscheiden dürfen: "Die Demokratie der Salafisten und Muslimbrüder: Sie kaufen die Stimmen der Analphabeten mit Zucker und Öl und treiben sie im Namen des Islams in die Wahlkabinen." Dass die Entmachtung dieser Unmündigen einen klaren politischen Effekt hätte (und dass er genau den auch anstrebte), daran ließ der Schriftsteller keinen Zweifel: "Wenn wir die Analphabeten vom Wahlrecht ausschließen, nehmen wir den Muslimbrüdern ihre einzige Wählerklientel." Dabei bestritt Aswani, dass diese Haltung elitär und unfair sei: "Das Wahlrecht auf diejenigen zu beschränken, die lesen und schreiben können, ist absolut demokratisch und überhaupt keine Diskriminierung."

In Ägypten besteht ein gutes Viertel der Bevölkerung aus Analphabeten, bei den Frauen ist der Anteil noch um ein paar Prozentpunkte höher. Natürlich wäre es undemokratisch und diskriminierend, sie politisch mundtot zu machen. Gar nicht so wenige liberale, fortschrittliche, säkulare Ägypter könnten sich damit aber ganz gut anfreunden. Für sie sind die Muslimbrüder und alles, wofür sie stehen, einfach ein Produkt von Rückständigkeit und Ignoranz, und auf die Rückständigen und Ignoranten braucht man keine große Rücksicht zu nehmen.

Man muss der heiklen Tatsache ins Auge sehen: Die Abneigung gegen den politischen Islam ist unter anderem auch ein Klassenphänomen. Sie richtet sich von oben nach unten. Der im Westen hoch angesehene Mohamed ElBaradei, Friedensnobelpreisträger und nach dem Putsch zum Vizepräsidenten berufen, äußerte sich während der Regierungszeit von Mursi so: "Wir haben jetzt die gebildete Mittelschicht im einen Lager und die sogenannten Islamisten und die Mehrheit des analphabetischen Bevölkerungsteils auf der anderen Seite." Dass die Muslimbrüder Mehrheiten organisieren konnten, erklärte ElBaradei mit dieser Rechnung: "Man hat die Islamisten, wahrscheinlich etwa dreißig Prozent des Landes. Der Rest sind – wissen Sie, ein Drittel des Landes besteht aus Analphabeten." Gegen Mursi stehe "so ziemlich jeder, der in Ägypten gebildet ist, alle qualifizierten Geschäftsleute, alle Leute mit einem anspruchsvollen Beruf". Man spürte, wie schwer es ElBaradei fiel, die Unqualifizierten überhaupt nur auf seinen politischen Bildschirm zu bringen, geschweige denn, sie wirklich ernst zu nehmen. Da ging es ihm wie den urban-westlichen Istanbulern, die fassungslos den Aufstieg des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan, seiner Partei AKP und ihrer gläubigen Anhängerschaft aus der Provinz erleben mussten.

Auf einmal soll der zivilisatorische Vorsprung der Fortgeschrittenen nichts mehr zählen?

Dass große Teile der Eliten ihr eigenes Volk verachten, gibt es nicht nur in Ägypten. Es soll auch im Westen vorkommen, von Casablanca bis Kalkutta jedoch ist es geradezu normal. Die Oberschicht dieser Regionen lebt vielfach in einer eigenen, an den europäisch-amerikanischen Metropolen orientierten Welt – die Dame der marokkanischen Gesellschaft, die ihre wichtigeren Einkäufe in Paris erledigt, der pakistanische Großgrundbesitzer, der eine Wohnung in London hat. Der Abstand zur Bevölkerungsmehrheit ist unermesslich, eine Identifikation mit ihrem Schicksal unmöglich, gerade weil die Elite, und nur sie, Zugang zu den Errungenschaften des Fortschritts hat. Die Teilhabe an der Moderne, die wir im Westen als Zerstörerin traditioneller Privilegien kennen, in gewisser Weise als große Gleichmacherin, wird im Gegenteil zum Superprivileg, das die happy few vollends über die Masse der Normalmenschen erhebt. Das Muster stammt übrigens aus der europäischen Geschichte. Man braucht nur an die russische Aristokratie im 19. Jahrhundert zu denken, die ihr halbes Leben im Ausland verbrachte, sich auch zu Hause lieber auf Französisch als in der Muttersprache unterhielt und vollkommen beziehungs- und verantwortungslos über der sozialen und kulturellen Wüste des Zarenreichs schwebte.