Man kommt sich ein wenig vor wie ein Entdecker, der einen vom Urwald umschlungenen Tempel betritt. Oder wie ein Forschungsreisender, der auf die Spuren, Reste, Zeugnisse einer untergegangenen Hochkultur stößt. Wir sind hier aber nicht in der exotischen Ferne der Azteken, Maya oder Inka, sondern mitten in Frankreich, im Département Yonne, 175 Kilometer südöstlich von Paris. Hier, in einem burgundischen Dörfchen, auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs, befindet sich das Musée des Arts Populaires de Laduz, umgeben von einem parkähnlichen Garten. Es ist Frankreichs größtes Privatmuseum und doch eine nahezu unbekannte Schatzkammer. Etwa 100.000 Objekte der art populaire, der sogenannten Volkskunst, hat das Ehepaar Jacqueline und Raymond Humbert über die Jahrzehnte hinweg gesammelt, katalogisiert und ausgestellt. Es geht um die Geburt der künstlerischen Schöpfung aus dem Geist des Alltags. Um den Moment, in dem der reinen Funktion eines Werkzeugs oder Utensils plötzlich Schönheit abgewonnen wird. Um die Schnittstelle zwischen Arbeit, Leben und Kunst.

Dass Understatement der Geist des Ortes ist, wird schon klar, wenn man am Eingang des Museums Jacqueline Humbert begegnet, einer feingeistigen zierlichen Frau um die siebzig. Während sie über die von Schritten polierten Steinfliesen ihres Museums huscht, sorgt sie erst einmal für eine Begriffsklärung: "Art populaire ist eine aus dem ländlichen Alltag entstandene Kreation. Eine rurale Kunst, oftmals aus dem Handwerk und dem praktischen Nutzen geschaffen." Wie fließend der Übergang vom Nutzen zur Schöpfung, vom Alltag zur Kunst ist, sieht man schon im ersten, mit den Werkzeugen und Utensilien der Schmiede angefüllten Raum. Und am ersten Gegenstand, den Jacqueline Humbert in die Hand nimmt: "Es ist das vorerst letzte Objekt, das ich erworben habe, ein Hufschaber." Aus dem Griff des Werkzeugs wächst ein fein geschmiedeter, antik anmutender Pferdekopf. Es ist ein Objekt, geschaffen für eine grobe Arbeit, aber von irgendwie verstörender Eleganz.

"Ein Werkzeug wird Skulptur", sagt Jacqueline Humbert, "ohne dass sich der Schmied, der es gemacht hat, auch nur einen Augenblick lang als Künstler sehen würde." In diesem Saal der Schmiede sind in einem großen Halbkreis vielfältig geformte Zangen und Hämmer ausgestellt, kleine und große Blasebälge, Serien von Hufeisen, die sich zu ornamentalen Gebilden formen. Über allem thronen Zunftzeichen und Handwerksschilder: kühne Kreationen, die von der Geschicklichkeit der Meister zeugen. Im nächsten Gebäude steht die Werkstatt eines Tischlers für Karussellpferde so, als warteten die Hobel, Bohrer und Skizzen, die halb fertigen Figuren der im Galopp erstarrten Schweine und Pferdchen nur auf die Rückkehr des mal eben zum Mittagessen verschwundenen Meisters.

Wer die 20 Säle des Museums durchläuft oder besser: durchwandert, dringt mit jedem Schritt tiefer ein in einen faszinierenden Gedächtnisspeicher, in eine Phänomenologie und Ethnologie des ruralen Alltags. Man begegnet Handwerken, die völlig verschwunden sind, kennt von den meisten Werkzeugen nicht einmal die Namen. Erst in der Ballung erkennt man den individuellen Schwung der handgefertigten Beile und Hämmer. Erst in der Choreografie sieht man, wie unterschiedlich die geschmiedeten Klingen des Kürschners verlaufen. Eine Armada aus Zinn gelöteter Kirchturmspitzen wirkt wie eine Versammlung exzentrischer Persönlichkeiten. Genähte Stofftiere dialogisieren mit Bataillonen selbst gebastelter Zinnsoldaten. Und in einem weiteren Saal wird ein ganzes ländliches Leben des 19. Jahrhunderts über Gegenstände erzählt: von der Wiege über die flamboyant bemalte Aussteuerkiste bis zum geschnitzten Gehstock.

Eines der anrührendsten Objekte ist eine aus lackierten Kronkorken zusammengeklebte Mickymaus. Man kann sich vorstellen, wie ein Bauer das Figürchen vielleicht an einem langen Winterabend am Kamin für seinen Sohn oder Enkel verfertigt hat. In Laduz gibt es viele solche Objekte, in denen das Bekannte oder Alltägliche durch schiere Vorstellungskraft und mit einfachsten Mitteln verfremdet wird. Seifenstücke, die zu filigranen, wie winzige Kathedralen aussehenden Gebilden geschnitzt wurden. Holzschuhe, auf die Füße gemalt sind, detailgenau bis zum Gelenk des kleinen Zehs. Was bewegt einen Menschen dazu, sich die Zeit zu nehmen, einem Nutzobjekt Schönheit und Eigensinn zu verleihen? Es hat fast etwas Beruhigendes, einen Ort zu besuchen, an dem Tausende von Gegenständen mit heiterer Ruhe diese Frage stellen, ohne sie beantworten zu müssen.