Russlands Protestbewegung lebt. Es waren keine großen Menschenmassen, die sich kürzlich dem Demonstrationsverbot widersetzten und in Moskau ihrer Empörung über die Haftstrafe und das fadenscheinige Korruptionsverfahren gegen den Oppositionellen Alexej Nawalny Luft machten. Aber inzwischen reichen schon ein paar Tausend Leute vor dem Kreml, um die Moskauer Führung nervös zu machen.

Noch vor gut zwei Jahren reichte es, höhere Gehälter und Renten über das Land zu verstreuen, um für innere Ruhe zu sorgen. Die Regierung konnte im Einverständnis mit der großen Mehrheit der Russen regieren. Doch inzwischen teilt sich die Gesellschaft zusehends in soziale und politische Gruppen, die Mitsprache fordern. Präsident Wladimir Putin braucht neue Mittel, um seine konservative Basis, die Industriearbeiter, Kleinstädter und Landbewohner, hinter sich zu scharen. Er hat sie in der Außenpolitik gefunden: Russlands Isolation vom Westen ist zuallererst dem innenpolitischen Machterhalt geschuldet.

Noch 2001 sprach Putin vor dem deutschen Bundestag über Russlands europäische Integration. Heute verkünden die Prediger des politischen Mainstream in Moskau, die Wirtschaftskrise in der EU sei keine vorübergehende Schwäche, sondern der Offenbarungseid des westliche Modells und seiner Werte. Düpieren und ablehnen heißt nun die Devise. Im Mai 2012 verzichtete Putin, gerade frisch zum Präsidenten gewählt, darauf, zum G-8-Gipfel in die USA zu fliegen. Die Botschaft war klar: Russland sieht die Zukunft vor allem in Asien.

Die dortigen Herrscher sind Brüder im autoritären Geiste. Mit ihnen lassen sich Bündnisse schmieden, ohne über lästige Menschenrechte befragt zu werden. Kasachstan öffnet seine Wirtschaft der Zollunion, China bekommt russisches Öl und Gas und unterstützt Moskau im Kampf gegen Amerikas weltweite Dominanz. Asien verspricht Wachstum, potenzielle Investoren für den unterentwickelten fernen Osten Russlands und die Sicherung der Südgrenze. Vor allem aber verspricht es Unterstützung bei Wladimir Putins innenpolitischer Mobilisierung gegen den Westen.

Der äußere Feind hat Russlands Identität über die Jahrhunderte geprägt. Der Mongolensturm, Napoleons Soldaten und die deutsche Wehrmacht – Russlands historischer Ruhm wird vor allem mit der Abwehr fremder Truppen verbunden. Heute birgt die Neuauflage des alten Schemas allerdings ein Problem: Niemand bedroht Russland ernstlich. Also muss die Gefahr vorgetäuscht werden. Dafür eignen sich derzeit besonders gut die USA: Barack Obamas groß angekündigte Politik des "Reset", des Neustarts der russisch-amerikanischen Beziehungen, hatten viele in Moskau als verspätete Entschuldigung für die George-W.-Bush-Jahre und als Eingeständnis der Gleichrangigkeit beider Großmächte missverstanden. Doch Russland ist für Obama nur ein Land unter vielen. Nun fühlt sich Moskau wieder einmal betrogen.

Also gerinnt der Widerstand gegen Washington zur russischen Lieblingspose. Vieles, was an das historische Duell beider Supermächte erinnert, wird am Leben erhalten: vom geopolitischen Ringen um Osteuropa über die Raketenzählerei bis zum Austausch von Spionen. Mit seinem sowjetisch anmutenden Plan der Aufrüstung, der neue Raketen, Atom-U-Boote und Panzer für 700 Milliarden Dollar innerhalb eines Jahrzehnts vorsieht, will Putin nicht nur die Rüstungsindustrie zum Modernisierungsmotor machen. Er demonstriert auch, wie sehr der Kalte Krieg und Russlands Großmachtkomplex bis heute Moskaus Politik prägen. Viele Senatoren in Washington revanchieren sich mit der Rhetorik und dem Denken von gestern. Dabei würde ein Angebot zur neuartigen Zusammenarbeit Moskau viel mehr Probleme bereiten als der verbale Ringkampf um jeden Meter geopolitischen Bodens.

So aber lassen sich Putin-Gegner im eigenen Land viel einfacher als Tagelöhner des US-Außenministeriums darstellen. Wer im neuen Ost-West-Streit die Kreml-Führung kritisiert oder gar herausfordert, kann nur ein Volksverräter oder "feindlicher Agent" sein. Unter diesem Stigma müssen sich viele aus dem Ausland finanzierte Nichtregierungsorganisationen laut Gesetz registrieren. Die amerikanische staatliche Hilfsorganisation USAid drängte Moskau ganz aus dem Land. Ein Adoptionsverbot russischer Kinder durch Amerikaner wurde Gesetz. Ein konservativer Elternverband kämpft mit Putins Hilfe seit Kurzem gegen die moderne Jugendgerichtsbarkeit als ein Werk der "Feinde Russlands". Es geht um die Rettung des Heiligsten, der Familie.

Kein neuer Eiserner Vorhang

Sie soll den Kern einer neuen, Putinschen Ideologie bilden, Seite an Seite mit dem souveränen Staat und dem orthodoxen Glauben. Als Verbündete treten die Monstranzhalter der ewigen Verteidigungsbereitschaft und russischen Einzigartigkeit an: Kosaken und Kirche. Die Orthodoxie verleiht Putins Regime eine zusätzliche Legitimierung von ganz oben. Eine offene Gesellschaft ist ihr suspekt, westliche liberale Sitten natürlich auch. Patriarch Kyrill verkündet, dass die gleichgeschlechtliche Ehe in die nationale "Selbstzerstörung" führe. Homosexualität sei eine Sünde von "apokalyptischer" Qualität. Die Duma macht die passenden Gesetze dazu gegen "homosexuelle Propaganda".

Patriotische Erziehung gehört zu Moskaus Modewörtern: sei es die Wehrertüchtigung in der Schule nach sowjetischem Vorbild, seien es slawophile, garantiert liberalenfreie Diskussionsklubs unter dem Motto "Gib uns eine nationale Idee". Kulturelle Identität, Geist und Moral sind für Putin entscheidende Schlachtfelder zwischen den Nationen: "Das ist zumindest eine der Formen des Konkurrenzkampfes, auf den viele Länder stoßen – wie der Kampf um Rohstoffe", sagte er im September vergangenen Jahres auf einer Konferenz. "Die Entstellung des nationalen, historischen und moralischen Bewusstseins hat schon oft Staaten geschwächt und zerfallen lassen." Aus Staatssicht scheint es am besten, wenn der Einfluss des Westens mit seinen Idealen von Demokratie und Bürgerrechten möglichst gering bleibt.

Unter dem Primat der Selbstisolation muss inzwischen sogar die Elite leiden. Früher genügte es, dem Kreml loyal zu dienen. Heute dürfen hohe Staatsfunktionäre zudem keinen Besitz außerhalb Russlands haben. Wer sein Geld im Ausland aufbewahrt, lautet die offizielle Begründung, sei durch fremde Regierungen erpressbar. Die Lösung der zyprischen Finanzkrise, als auch Anleger mit ihrem Geld haften mussten, lieferte der russischen Führung ein zusätzliches Argument. Zudem hatten Blogger Dokumente zum umfangreichen Auslandsbesitz von Duma-Abgeordneten und Staatsmanagern, die sich sonst öffentlich tief patriotisch zeigen, ins Netz gestellt. Der Schaden für das Ansehen des Regimes war so groß, dass er eingegrenzt werden sollte: zurück mit dem Besitz nach Russland. Die renationalisierten Gelder haben den zusätzlichen Vorteil, dass sie in Reichweite des russischen Staates liegen. Herrschaft durch die Kontrolle des Besitzes der Untergebenen – das hat Tradition in Russland.

Die Selbstisolation bedeutet aber nicht, dass ein neuer Eiserner Vorhang herabsinkt. Sie ist wohldosiert, denn einer der größten Trümpfe Putins ist es, dass er einem historisch vergleichsweise freien und wohlhabenden Russland vorsteht. Dazu gehören Reisefreiheit, globale Information und das Versprechen, Privateigentum sei sicher. Der Westen bleibt willkommen, solange es den eigenen Interessen entspricht: Wenn er Handel treibt, investiert und seine Wirtschaft russischen Unternehmern öffnet. Oder wenn er der russischen Sicherheit dient. Die logistische Hilfe für die alliierten Truppen in Afghanistan hat Moskau nie infrage gestellt. Da behält in Russlands Außenpolitik der Pragmatismus die Oberhand. Hauptsache ist, dass es keine Einmischung von außen gibt. Moskaus Paranoia vor einer aus dem Ausland gesteuerten "bunten Revolution" auf dem Roten Platz ist ungebrochen. Vor allem deshalb unterstützt Russland den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seine brutale Aufstandsbekämpfung: Das Prinzip der absoluten Staatssouveränität muss auch in Arabien verteidigt werden. Im eigenen Machtinteresse.