Rapper Megaloh und Sookee : Hau rein, denn die Welt ist kaputt

Was darf Rap? Ist Bushido mit seinen neuen Liedern zu weit gegangen? Wie kommt das auf den Schulhöfen an? Thomas Gross und Thomas Winkler sprechen mit den Berliner Rappern Sookee und Megaloh über Pornografie und die Schönheit ihrer Gesangskunst.
Sookee und Megaloh auf einer Skateranlage in Berlin-Marienfelde

DIE ZEIT: Die Bemerkung eines älteren Politikers über das Dekolleté einer Journalistin hat vor Kurzem deutschlandweit für Empörung gesorgt. Die Sprache des Rap ist viel drastischer und viel einflussreicher. Warum bleibt der Aufschrei aus?

Sookee: Weil alle müde sind, schon wieder über Sexismus zu reden. Mich selbst nervt es auch. Ich fände es super, keine Feministin sein zu müssen.

Megaloh: Ich muss zugeben, dass das Thema für mich lange keine Rolle spielte. Als Mann habe ich mich nicht betroffen gefühlt. Wenn du einen Weißen in Deutschland nach seinen Erfahrungen mit Rassismus fragst, weiß er vielleicht auch erst einmal keine Antwort. Aber Reden hilft, man entwickelt sich weiter. Rap ist für mich Kommunikation.

ZEIT: Wir leben im Jahr 2013, es wird über Quoten und Geschlechtergerechtigkeit diskutiert. Warum sind die Rollen im Rap noch immer so archaisch?

Megaloh: Es geht um Eroberung. Und das ist, geschichtlich gesehen, nun mal eine Männerdomäne. Männer lieben es, sich zu messen. Dieses Kämpfen ist zentral. Mir macht es einfach Spaß, in Texten spielerisch meine Höherstellung anderen Männern gegenüber zu demonstrieren.

Sookee: Aber müssen wir das so anerkennen, dass der Eroberer zur männlichen Identität gehört? Wie kommen wir dann raus aus dem ewigen Kreislauf? Survival of the fittest ist kein gutes Prinzip.

Megaloh: Die Realität sieht erst einmal anders aus. Man kann das gut finden oder nicht: Es gibt Männer, die noch immer im Raubtiermodus sind.

Sookee: Die Frage ist bloß: auf wessen Kosten? Da hat Rap ein Problem. Wenn ein Künstler an die Wand kotzt und sagt: Das ist Kunst, wir machen einen Rahmen drum, das Ganze kostet 12.000 Euro, dann tut das der Wand nicht weh und dem Rahmen nicht weh, und ob jemand das Bild kauft oder nicht, ist seine Sache. Wenn aber immer nur davon die Rede ist, wer von wem wie "hart gefickt wird", hat das eine andere Qualität.

ZEIT: Ist das die zentrale Botschaft von Rap heute? Eine Anhäufung von F-Wörtern?

Megaloh: Für mich ging es immer um sehr viel mehr, um Emanzipation, um Gerechtigkeit, um die Macht des Wortes. Rap war der erste Lebensbereich, wo ich mich als Schwarzer wirklich zugehörig gefühlt habe, einfach weil da viele dunkelhäutige Menschen aktiv sind. Es war Liebe aufs erste Hören. Natürlich können Wortgefechte verletzend sein, es heißt ja: Worte sind mächtiger als das Schwert. Aber dieses Klischee von Gangstertypen, für die Frauen nur Anhängsel sind, war immer bloß eine Facette von vielen.

Sookee: Die hat sich in den letzten Jahren aber stark in den Vordergrund geschoben. Es stimmt, Hip-Hop hat einmal als Partizipationskultur angefangen, in den USA haben sich Leute gegen Rassismus und Diskriminierung zur Wehr gesetzt. Damit bin ich natürlich heute noch solidarisch. Nichts liegt mir ferner als eine Generalabrechnung mit Rap, es ist ja das subkulturelle Feld, in dem ich mich selbst bewege. Die Grenze ist für mich da erreicht, wo die Lebensrealität anderer betroffen ist. Opfer, Schwuchtel, Homo, Bitch, Nutte, Spast – alle Begriffe, die in klassischer Weise ein diskriminierendes Potenzial haben, will ich nicht mehr hören.

ZEIT: Bushido beleidigt Klaus Wowereit und rappt Morddrohungen gegen Claudia Roth.

Sookee: Wer sich über Einzelne empört, verliert schnell den Blick für gesellschaftliche Strukturen. Der mediale Raum, der sogenannten Rüpelrappern eingeräumt wird, damit sich die Mehrheitsgesellschaft voyeuristisch an solchen Liedern aufgeilen kann, sollte lieber coolen Leuten eröffnet werden. Mir zum Beispiel! Checkt mein brandneues Release Parole Brückenbau!

ZEIT: Rap ist die vorerst letzte schichtenübergreifende Jugendkultur. Wie groß ist der Einfluss von Rap auf die Sprache der Schulhöfe?

Sookee: Groß. Rapper sind für sehr viele Jugendliche Idole. In den Workshops, die ich gebe, war es vor sieben Jahren noch die Ausnahme, dass einer als Berufsziel Rapper angegeben hat. Seit etwa drei oder vier Jahren hör ich das sehr oft. Wenn die Gesellschaft ein bestimmtes Männlichkeitsbild als erstrebenswert verkauft und das seinen überspitzten Ausdruck im Rap findet, ist die Orientierung an dieser Projektionsfläche enorm.

Megaloh: Das hört sich für mich an, als sollte Rap zum Buhmann für alles gemacht werden, was auf Schulhöfen schiefläuft, und das ist einfach nicht richtig. Filme sind der größere Faktor. Oder Computerspiele. Jugendliche orientieren sich nicht an einem bestimmten Unterhaltungsmedium, sie schnappen hier und da was auf und spielen damit rum. Manchmal ist eine Rap-Zeile dabei.

Sookee: Ja, aber die Wiederholung macht’s. Wenn ein Begriff wie "Bitch" im Rap nicht bloß vier-, sondern 16-mal fällt, bleibt der Schock aus. Ich habe in Workshops erlebt, dass Mädchen nur noch als "Fotze" bezeichnet wurden. Die hießen gar nicht mehr Nadine oder Hatice, die Jungs sagten bloß: "Komm her, du Muschi." Und die fühlten sich auch noch angesprochen! Krass! Was ist da passiert? Ihr habt doch einen Namen!

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