An seinem sechsten Geburtstag bauen sie seine Märklin-Eisenbahn auf. Seine Oma hat ihm eine Rakete aus Plastik gekauft, die Cousinen schenken ihm einen grünen Traktor. Der Opa hat einen Tisch beim Griechen reserviert, alles ist vorbereitet für die Feier. Nur das Geburtstagskind fehlt. Es wird nicht kommen, nicht heute, nicht morgen, nie mehr. Auch seine kleine Schwester nicht, und nicht die Eltern.

"Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist mein Leben vorüber. Ebenso das meiner geliebten Frau und das meiner beiden wundervollen Kinder."

Die Angehörigen sind an Kierans Geburtstag auf den Friedhof von Leichlingen gekommen, eine kleine Stadt im Rheinland, vier Kirchen, ein Gymnasium. Die Cousinen holen Wasser für die Blumen, sie legen die Geschenke auf das Grab. "Kieran, Kayleigh, Yvonne Lamm" steht auf dem Herz aus dunklem Marmor. In diesem Sommer wäre Kieran eingeschult worden. Er hätte lesen gelernt und schreiben. "Der Kieran, das war mein Sonnenschein", sagt sein Opa. Später, beim Griechen, wird er Ouzo auf Kieran trinken, und am Abend, in seinem Wohnzimmer, wird er die elektrische Eisenbahn einschalten, "ein paar Ehrenrunden drehen".

Anderthalb Jahre sind vergangen, seit Kierans Vater, Stefan Lamm, geborener M., 34 Jahre alt, liebender Familienvater, seine beiden Kinder und seine Frau tötete, die Wohnung in Brand setzte und selbst in den Flammen starb. Es war der 27. Januar 2012.

12. August 2012: Bei Kempten im Allgäu erwürgt ein Vater seine zwei Söhne und erhängt sich an einem Bagger. 17. August 2012: Im bayerischen Emmering tötet eine Kindergärtnerin ihre beiden Söhne und erhängt sich. 22. Februar 2013: In der Nähe von Köln erschlägt ein Vater seine beiden Töchter mit einem Hammer und stirbt, als er auf der Autobahn als Geisterfahrer in einen Lastwagen rast. 9. März 2013: In Leverkusen erstickt ein Vater seine beiden Töchter und wirft sich vor einen ICE. 14. Juli 2013: Im rheinischen Ratingen tötet ein Fahrlehrer seine Tochter und bringt sich selbst um, indem er die Auspuffgase in sein Auto leitet.

Ungefähr hundert Kinder werden jedes Jahr in Deutschland von ihren Eltern getötet, in etwa jedem dritten Fall nehmen sich Mutter oder Vater nach dem Mord an ihren Kindern selbst das Leben. "Mitnahmesuizid" oder "erweiterter Suizid" nennen Experten das. Wenn Mütter solche Taten begehen, glauben sie oft, ihre Kinder nicht allein lassen zu können. Bei Vätern spielen häufig Wut und Rachegefühle eine Rolle, weil die Partnerin sich getrennt hat oder trennen will.

Auf dem Friedhof in Leichlingen stehen die Angehörigen und fragen sich, ob sie die Tat hätten ahnen können, ahnen müssen. Wie konnte Stefan Lamm, ihr hilfsbereiter Schwiegersohn, ein Mörder werden? Er, der Freunde, Familie und einen Job hatte? Der schlau war und gebildet, belesen und beliebt? Wie schmal ist die Grenze zwischen Bürgerlichkeit und Wahnsinn?

Spricht man mit denen, die ihn kannten, wiederholt sich ein einziges Wort, immer wieder.

"Warum?", fragt der Vater, fragt die Schwester, fragt der beste Freund des Mörders.

"Warum?", fragt der Vater, fragt die Schwester, fragt die beste Freundin der toten Frau.

"Warum?", fragen die Großeltern, fragen die Erzieher, fragen die Freunde der toten Kinder.