DIE ZEIT: Professor Solow, wann haben Sie Mario Draghi zuletzt gesehen?

Robert Solow: Das ist eine Weile her.

ZEIT: Er hat einst bei Ihnen am Massachusetts Institute of Technology (MIT) studiert.

Solow: Das ist korrekt.

ZEIT: Als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat Draghi vor ziemlich genau einem Jahr das umstrittene Versprechen abgegeben, alles zu tun, um den Euro zu verteidigen. Hat er richtig gehandelt?

Solow: Er hat in dieser Krise sehr viel getan, aber er muss möglicherweise noch mehr tun.

ZEIT: Weshalb?

Solow: Weil die gewählten Regierungen die Wirtschaft nicht in dem Maße stützen, in dem sie das tun sollten. Das Problem in Europa ist, dass der Sparkurs die Konjunktur bremst. Wenn die Politik aber nicht handeln will, kann sich nur noch die Zentralbank gegen den Abschwung stemmen. Aus diesem Grund hat auch in den USA die Notenbank Fed die Führungsrolle im Kampf gegen die Krise übernommen. Ich wünsche mir, dass Mario Draghi weiter so aggressiv ist, wie er es bisher war.

ZEIT: Aber die Zinsen sind doch bereits sehr niedrig, die Banken können sich bei der Notenbank fast zum Nulltarif Geld leihen.

Solow: Moment! Die kurzfristigen Zinsen sind niedrig. Viel wichtiger für die Wirtschaft aber sind die Zinsen, die Unternehmen und Haushalte für längerfristige Kredite bezahlen müssen – und die könnten vor allem in den Krisenländern durchaus noch weiter sinken.

ZEIT: Und deshalb sollte Draghi Staatsanleihen aufkaufen, wie es Ben Bernanke in den USA tut?

Solow: Ja, warum nicht? Das gehört zum geldpolitischen Instrumentarium einer Notenbank. Ich sehe darin nichts Anstößiges. Ich würde Mario Draghi jedenfalls raten, nach Wegen zu suchen, wie sich die langfristigen Zinsen drücken lassen.

ZEIT: Und damit lässt sich die Krise besiegen?

Solow: Nein. Niedrige Zinsen sind kein Allheilmittel. Aber eine Notenbank sollte im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun, was sie kann, um die Wirtschaft zu stützen.

ZEIT: Kritiker würden einwenden, dass die Regierungen dann das Reformieren einstellen, weil das Geld ja wieder fließt.

Solow: Ich kenne dieses Argument, aber wohin soll das führen? Natürlich braucht Europa Reformen. Das gilt für die Staaten des Südens, aber auch für Deutschland. Aber es kann doch nicht sein, dass die Notenbanker die Wirtschaft willentlich in eine Depression stürzen, nur damit die Politik zum Handeln gezwungen wird. Das entspricht nicht meinem Verständnis der Rolle einer Zentralbank, und ich glaube auch nicht, dass das funktioniert.