Der Umgang mit dem Hemd ist bei Herren ein ungelöstes Menschheitsproblem. Denn ähnlich wie ein Mann den Kragen bis zum zweiten Knopf offen trägt, um eine größtmögliche Lockerheit auszustrahlen, vermeidet er, das Hemd in die Hose zu stecken. Der Saum flattert dann auf Höhe des Hinterns im Sommerwind. Das Ergebnis hat allerdings selten eine erhöhte erotische Ausstrahlung. Eher sieht man etwas wurstig aus. Wie ein Junge eben, der vergessen hat, das Hemd in die Hose zu stecken. Dazu ist es nämlich gemacht, das Hemd. Könnte man sich vorstellen, dass ein eleganter Mann, etwa jemand wie der Sänger Bryan Ferry, mit über dem Hosenbund hängenden Hemd auf die Straße ginge? Bestimmt nicht. Man möchte doch wie jemand aussehen, der etwas Wichtiges vorhat. Und etwas Wichtiges tut man nicht mit schlabberndem Hemd. Und natürlich sollte man möglichst immer aussehen, als habe man Wichtiges vor – vor allem wenn man gerade nichts Wichtiges vorhat. Denn je beschäftigter man wirkt, desto weniger muss man tun.

Es gibt allerdings Regionen, da sind lange Hemden die Uniform der richtigen Männer. Die Kurta ist ein einfaches Kleidungsstück, das zum Beispiel in Bangladesch, Indien, Sri Lanka, Nepal, Afghanistan und Pakistan getragen wird. Eine Kurta ist aus zwei rechteckigen Stoffstücken zusammengenäht. Traditionell ist sie weit geschnitten und reicht etwas über das Knie. Manchmal macht sie auch davor halt. Man kannte sie schon zu Zeiten des mongolischen Weltreichs, als sie das schlicht um die Schulter gelegte Tuch ablöste.

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Im Westen hatte die Kurta während der Hippie-Bewegung ihre große Zeit. Sie war also gedacht als Kleidungsstück für Männer, die ausdrücklich nichts Bedeutenderes zu erledigen hatten als Liebe und Müßiggang. Vielleicht will der deutsche Sommermann, der sein Hemd in die Welt hängt, ja ein bisschen so sein wie ein Blumenkind. Glücklicherweise bietet ihm die Mode mittlerweile Alternativen. So war die Kurta ein Vorbild für die aktuelle Herrenkollektion von Bottega Veneta. In den langen Hemden sieht man zwar auch aus wie jemand, der nichts Bedeutendes vorhat. Aber eben auch wie jemand, der es gar nicht nötig hat, etwas Bedeutendes vorzuhaben.