Im vergangenen Mai kam ich im Verlauf einer Lesereise nach Hamburg, und zwar mit dem Flugzeug aus Wien, zusammen mit meinem Sohn Milo. Er begleitete mich während der ersten Woche der Reise – Wien, Hamburg, Berlin – und musste dann wieder zurück nach New York und zu seinem Arbeitsplatz als Computergenie im Dienst einer anspruchsvollen und finanzkräftigen Firma. Vielleicht haben Sie schon mal von ihr gehört? Siemens? Jedenfalls, Milo weiß, was ein Winter ist – immerhin ist er viele endlose bitterkalte Monate durch den Schneematsch von Manhattan gestapft –, und das unerwartet sommerliche Wetter in Hamburg war für ihn wie ein Elixier. Und für mich ebenfalls. Ich lebe zwar in Santa Barbara, im Land des immerwährenden Frühlings, aber aufgewachsen bin ich in New York, und darum vermisse ich diese große, unbezähmbare Freude, die der Frühling – der echte Frühling – über die Welt bringt.

Wir checkten in unserem Hotel nicht weit von einer Straße namens "An der Alster" ein und machten einen Spaziergang, um uns ein wenig zu orientieren. Natürlich waren wir bald auf dem Weg, der an der Außenalster entlangführt. Es war ein sehr belebter Weg, und die Straße daneben war noch belebter. Kein Zweifel, wir befanden uns im Zentrum einer Großstadt. Doch sobald wir auf diesem Weg gingen, waren wir (abgesehen von all den vorbeijoggenden Exemplaren des Homo sapiens) mitten in der Natur. Keine fünfzehn Meter von der Straße entfernt baute ein Schwanenpaar sein riesiges Nest, wie es Schwäne zweifellos schon getan hatten, lange bevor der Fluss gestaut und in einen See verwandelt worden war – unzählige Generationen von Schwänen, Triumph der Natur –, und das alles unter einer freundlich lächelnden Sonne und bei 26 Grad. Als wir weitergingen, sah ich weitere Schwäne – und Enten –, die ebenfalls mit dem Nestbau beschäftigt waren, und war entzückt, dass man inmitten all dieser menschlichen Aktivität einen Raum für andere Lebensformen bewahrt hatte.

Unser Spaziergang führte uns zum Bootsanleger. Wir saßen im Freien, über dem Wasser, tranken Tee und aßen Sandwiches, und die Stadt – und, Gott sei gedankt, der Flughafen – waren für uns so weit entfernt, dass wir ebenso gut im Urlaub hätten sein können, an irgendeinem abgeschiedenen Ort. Unsere frenetische moderne Gesellschaft hat gewiss ihre Schattenseiten – die Tyrannei der Maschinen, zum Beispiel –, aber es ist uns doch auch gelungen, überaus praktische Dinge wie Sonnenbrillen mit polarisierenden Gläsern zu erfinden, mit denen man nicht nur cool aussieht, sondern sogar einen Blick auf das werfen kann, was sich unter der Oberfläche eines Gewässers verbirgt. Ich sah durch meine Sonnenbrille in die Tiefe, ich sah die Fische, deren schillernde Schuppen im Sonnenlicht glänzten, und das war ebenfalls schön. Wollte ich tatsächlich am Abend auf einer Bühne auftreten? Tja, eigentlich schon – ich trete gern auf, wirklich. Aber ich glaube, noch lieber wäre ich in einem Kanu losgepaddelt, über den See, den ganzen langen Nachmittag und in den Abend hinein, eine Angelschnur im Schlepp, nur um sehen, ob vielleicht einer anbeißt.

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren