Der Anti-Amerikanismus, wie jeder "Anti-Ismus", braucht keine Ursachen, nur Anlässe. Oder Enttäuschung: Da hat sich dieser Obama, der nach George W. als Rockstar und Erlöser angebetet wurde, in der NSA-Affäre vom Yes we can- Apostel zum Yes we scan-Lümmel gewandelt – zum Abbild amerikanischer Arroganz. Vom Hochsitz zu predigen ist gut für die Seele und noch besser für den moralischen Geländegewinn. Sind wir, die Opfer, nicht besser – geläutert durch Gestapo und Stasi?

Dass dabei die Franzosen bei uns ähnliche (nur kleinere) Netze auswerfen und den Fang mit unseren Diensten teilen, scheint eine lässliche Sünde zu sein. Amerika ist das Land "we love to hate" – womöglich, weil wir die Macht weder haben noch haben wollen. Trotzdem ist der Esel größer als der amerikanische Sack, den unsere Moralisten, auch frühere SPD-Verantwortliche im Kanzleramt, so lustvoll schlagen. Fußnote: Dieselben, die jetzt die Souveränität hochhalten, feiern deren Verlust, wenn "EU" draufsteht.

Doch bleibt ein grundsätzliches Problem, das eine Anekdote erhellen möge: Dieser Autor erhielt einst eine iranische Morddrohung. Ein Staatsschützer kam, um das Haus zu begutachten. "Also, dieser Gartenzaun ist lächerlich; da müssen Beton und Gitter her. Alle Fenster mit schusssicheren Scheiben und Stahlrahmen ausrüsten. Ein Rückzugsraum, dazu ein direkter Draht zur Polizei. Und das ist erst der Anfang..." Bei 200.000 Mark murmelte ich höflich: "Danke." Die Haushaltskasse gab’s nicht her.

Doch auf Staatsebene wird die Suche nach Sicherheit zur Sucht ohne Grenzen – nicht einmal technische gibt es, außer Moores Gesetz, wonach sich die Chip-Kapazität alle 18 Monate verdoppelt, während sich die Kosten halbieren. Die Dienste sind keine Wiedergänger der Stasi. Sie tun es, weil sie es können.

Das ist des Daten-Molochs Kern. Die Frage, die stellen muss, wer vernünftigerweise auf Geheimdienste nicht verzichten will, lautet: "Wie viel ist genug?" Die Dienste antworten stets: "Und was ist, wenn...?" Wenn das nächste Flugzeug explodiert? Darauf gibt es keine rationale Replik, schon gar nicht in einer Welt, in der jedes Plus an Sicherheit die Nachfrage nur anheizt. Und doch muss der liberale Rechtsstaat Grenzen ziehen – in Amerika, wo die Daten ewig gespeichert werden, noch mehr als hier.

Sonst siegt der Terrorismus auf ganzer Linie, schlägt Bin Laden Purzelbäume der Beglückung – in welchem Jenseits auch immer. Seit "9/11" haben die Dschihadis der Welt eine "Sicherheitssteuer" auferlegt, die in die Hunderte von Milliarden geht – von den Billionen für die Kriege in Afghanistan und im Irak ganz zu schweigen. Die "Freiheitssteuer" – die Überwachung der Privatsphäre – lässt sich nicht beziffern, aber sie wird täglich größer. Dagegen bleibt der Sicherheitsgewinn mikroskopisch. Die Kosten-Nutzen-Rechnung erfreut nur Al-Kaida. Noch nie haben so wenige mit so wenig so viel erreicht – dank unseres eigenen Wahns.

Auch wenn hierzulande falsche Motive mitspielen, ist die Aufwallung, auch in Amerika, die richtige Antwort auf "Wie viel ist genug?". Es ist "zu viel", der längst fällige Anstoß zum Bewusstseinswandel, der in der transatlantischen Politik in Regeln gegossen werden muss. Auch bei uns selber, die wir den Providern freiwillig verraten, was die Gestapo aus uns herausprügeln musste.