Ein leises, flatterndes Rascheln. So klingt dieses Land an seiner Grenze. Der Wajaale führt kein Wasser, das Flussbett ist übersät mit Plastiktüten, in denen sich an diesem Morgen der Wind verfängt. Man könnte jetzt einfach weiterlaufen, vorbei an billigen Hotels, Handyshops und Imbissbuden, hinein in die Savanne, schallte da nicht ein "Stop!" aus dem Containerbüro des Grenzbeamten. "Willkommen in der Republik Somaliland!" Er stempelt den Pass und deklamiert noch einmal "Soo-maa-liland". Damit man auch ja weiß, wo man sich befindet.

Willkommen in einem Staat, den es offiziell nicht gibt. Gelegen am Horn von Afrika, mit 137.000 Quadratkilometer Fläche gut dreimal so groß wie die Schweiz, mit geschätzten dreieinhalb Millionen Einwohnern deutlich dünner besiedelt. Er besitzt eine eigene Währung, eine Landesfahne und eine Nationalhymne mit dem Titel "Ein langes Leben in Frieden". Das ist ein kühnes Versprechen in dieser Region. Denn offiziell befindet man sich auf dem Territorium Somalias, was als Synonym gilt für Staatszerfall, Terrorismus und Piraterie. Aber hier, in dieser selbst ernannten Republik im Nordwesten, ist angeblich alles anders. Außer Hymne und Fahne soll es eine funktionierende Polizei und Armee geben, eine freie Presse, eine gewählte Regierung, mehrere Parteien und demokratisch gesinnte Klan-Älteste. Das klingt gut für ein Land, das international niemand anerkennt.

Der Reiseführer (den gibt es wirklich) empfiehlt als Erstes einen Spaziergang durch die Hauptstadt. In Hargeisa leben – genau weiß es keiner – um die 500.000, vielleicht 800.000, vielleicht auch eine Million Menschen. Läden, Cafés und Straßen sind voll. Anders als in Mogadischu sieht man keine Soldaten hinter verbarrikadierten Checkpoints. Pick-up-Trucks transportieren keine Bewaffneten, sondern Gemüse oder Zement. Auf der Independence Avenue trägt man Handy statt Kalaschnikow. Polizisten regeln den Verkehr mit Trillerpfeifen. In einer Nebenstraße pinseln zwei Reklamemaler ein mannshohes Nutella-Glas an die Fassade eines Supermarktes. Einzig das Nationaldenkmal mitten im Zentrum wirkt bedrohlich: Ein russisches MiG-Jagdflugzeug ragt mit rostiger Nase gen Himmel. Darunter, auf dem Sockel in Stein gehauen und bunt bemalt, eine Frau auf einem mit Toten und Verwundeten bedeckten Schlachtfeld – den Kopf hoch erhoben, die Nationalfahne von Somaliland in der Hand, ein Kleinkind auf dem Rücken. Eine afrikanische Marianne mit züchtig bedecktem Busen, denn dies ist ein streng muslimisches Land.

Somalilands wahre Mutter der Nation findet man nicht auf dem Sockel eines Denkmals, sondern im Krankenhaus. Edna Adan Ismail hat als Hebamme mehr Staatsbürger zur Welt gebracht als sonst jemand in dieser Republik. Zwischendurch war sie First Lady, Exilantin, Außenministerin. Jetzt, mit 75 Jahren, leitet sie in Hargeisa ihr eigenes Hospital und wohnt der Einfachheit halber gleich über der Entbindungsstation. Fragt man, wie ihre Heimat inmitten einer kriegszerrütteten Region ein solches Maß an Ruhe hergestellt hat, antwortet sie: "Weil wir unsere Angelegenheiten immer schon selbst geregelt haben – im Gegensatz zu den anderen." Sie macht eine ausladende Handbewegung zum Fenster ihres Büros. Irgendwo da draußen, in Richtung Süden, liegt Mogadischu, die Hauptstadt der "anderen" Somalias.

Somaliland und Somalia – das waren einst ein britisches Protektorat und eine italienische Kolonie, die sich kurz nach beider Unabhängigkeit 1960 zu einem Staat vereinten. Edna Adan war da schon berühmt: Sie hatte in London ein Ausbildung zur Krankenschwester absolviert – für eine somalische Frau damals unerhört. Und sie hatte einen Politiker, den ersten Premierminister des Landes, geheiratet. Die Fotos von Staatsbesuchen bei Lyndon B. Johnson in Washington oder Kurt Georg Kiesinger in Bonn hat sie aufgehoben. Schwarz-Weiß-Bilder aus einer scheinbar aufgeräumten Welt, in der Somalia als halbwegs demokratisch und uneingeschränkt prowestlich galt. Dann putschte 1969 ein Offizier namens Siad Barre, rief den "wissenschaftlichen Sozialismus" aus, und Edna Adan verbrachte viel Zeit im Ausland, ihr Mann mehrere Jahre im Gefängnis. "Barre", sagt sie, "kennen Sie doch in Deutschland." Siad Barre hat 1977 einem GSG-9-Kommando erlaubt, auf dem Flughafen von Mogadischu zu landen und eine Lufthansa-Maschine in der Gewalt palästinensischer Terroristen zu stürmen. Die 20 Millionen Mark Belohnung aus Bonn investierte er in die Aufrüstung seiner Armee, die erst gegen den Nachbarn Äthiopien, dann gegen das eigene aufbegehrende Volk Krieg führte. Als Barre 1991 ins Exil floh, hatten seine Soldaten vor allem den Norden verwüstet, über 50.000 Zivilisten getötet, das Weideland vermint, die Brunnen vergiftet. Hargeisa hieß nach monatelangen Bombardements durch MiG-Kampfbomber "Afrikas Dresden".