DIE ZEIT: Apple, Google, Facebook, Amazon und Samsung wollen in den Vereinigten Staaten zugleich neue Konzernpaläste bauen. Zufall?

Scott Wyatt: Unternehmen in einer bestimmten Branche haben vieles gemeinsam. Sie teilen geschäftliche Zyklen, konkurrieren miteinander um Kunden und Mitarbeiter. Im Silicon Valley ist der Wettbewerb um Arbeitskräfte und Ideen derzeit besonders hart, weil der Konjunkturzyklus dort einen Höhepunkt erreicht hat. Alle suchen nach dem nächsten großen Ding, das über die geschäftliche Zukunft entscheiden kann. Und die Unternehmen haben verstanden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Leistung von Menschen und der Umgebung, in der sie sich befinden.

ZEIT: Vielleicht wollen sich Google, Apple & Co. auch nur ein Denkmal setzen, um künftige Generationen an ihre eigene Größe zu erinnern. Endet womöglich eine Ära?

Wyatt: Ich hoffe das nicht. In der Geschichte gibt es zwar Beispiele dafür, dass in wirtschaftlichen Blütezeiten die Egos außer Kontrolle geraten und Architektur zum Brustklopfen dient. Bei unseren Projekten sehe ich die Gefahr aber nicht. Unsere Auftraggeber sind Gesellschaften, die ihren Aktionären verpflichtet sind. Und die passen schon auf, das kein Geld verschwendet wird. Ein Bau muss sich auszahlen. Das betrifft die Auswirkungen auf die Marke genauso wie die auf die Mitarbeiter.

ZEIT: Gebäude als Waffen im Kampf um die besten Köpfe der Szene?

Wyatt: Es geht in erster Linie darum, die besten Plätze zum Arbeiten zu schaffen. Gute Architektur zieht die besten neuen Mitarbeiter an, sie kann Kreativität erhalten und steigern. Gebäude sind zudem ein Statement nach außen und können Geist und Werte einer Firma repräsentieren. Knowledge worker wie Softwareentwickler suchen bewusst nach einer Umgebung, die ihrer Arbeit eine Bedeutung verleiht.

ZEIT: Klingt banal. Jeder will doch in schönen Räumen arbeiten.

Wyatt: Die Angestellten der IT-Firmen hier fragen sich, wofür ihr Arbeitgeber steht und worin sich das manifestiert. Ihnen ist beispielsweise wichtig, wie grün und ressourcenschonend ein Gebäude ist. Kann es womöglich sogar mehr Energie produzieren, als es selber verbraucht? Um so etwas geht es. Oder um Innovationsgeist, den man durch die Verwendung innovativer Baumaterialien ausdrücken kann. Selbst die Entscheidung, an welchem Ort ein Gebäude errichtet wird, ist ein Statement.

ZEIT: Gebäude erzählen also Geschichten über das Selbstverständnis von Unternehmen?

Wyatt: Absolut! Gebäude sind Botschaften, die jeden Tag wieder neu gelesen werden. Das unterscheidet sie übrigens von E-Mails des Vorstandsvorsitzenden: Die sind für Mitarbeiter im Moment zwar sehr wichtig, werden aber schnell wieder vergessen.

ZEIT: Was ist denn die Botschaft von Google, Amazon und Apple?

Wyatt: Über unsere eigenen Projekte darf ich keine Details verraten. Aber bei Facebook etwa entsteht die große Version vom Arbeiten in einer Garage. Faszinierend. Alles dreht sich um informelle Zusammenarbeit und darum, voneinander zu lernen.

ZEIT: Wenn Facebook eine Garage errichtet, was symbolisiert dann der Apple-Rundbau? Eine Burg?

Wyatt: Apple steht für spektakuläre Produkte. Steve Jobs hatte ein einzigartiges Verständnis für Details und Design, das hier auf ein ganzes Gebäude übertragen wird. Ein mächtiges Statement! Apple hat ja auch als eines der ersten Unternehmen wirklich verstanden, warum Menschen etwas kaufen. Think different!, hieß es in der Werbung. Apple hat nie seine Produkte in den Vordergrund gestellt, sondern immer nur betont, wofür das Unternehmen steht.

Scott Wyatt ist Managing Partner von NBBJ. Das Architekturbüro aus Seattle mit weltweit rund 700 Mitarbeitern gestaltet derzeit Firmensitze zwar nicht für Apple, aber für Google, Amazon und Samsung.