So früh war mit der Wahrheit nicht zu rechnen. Keine 20 Minuten ist er alt, der Bayreuther Jubiläums-Ring im Superwagnerjubeljahr, da zeigt die Festspielbühne ein Bild, das alles sagt. Über Frank Castorf, den Alt-Beelzebuben vom Dienst und Regisseur dieses Großereignisses. Über das Ende jeder Metaphysik, auch der musikalischen. Über die Ratlosigkeit, die Leere und Verkommenheit, die den Umgang mit unserer Kultur prägen. Für Letzteres vor allem ist Bayreuth 2013 ein Symptom.

Wo die Wagner-Pflege bestenfalls einem repräsentativen Kasperletheater gleicht und eine ihrer wichtigsten Qualitäten einzubüßen droht, die adäquate Sängerbesetzung nämlich, da geht ein Stück Welt unter. Krachend, unwiederbringlich. Das ist die Botschaft dieses Rings, wenn er denn eine hat. Und wenn er keine hat, ist das erst recht symptomatisch. Hoch lebe die Dialektik. Und hoch lebe Castorf, der Volksbühnen-Guru, der gar nicht erst so tut, als habe er den Ring jemals inszenieren wollen.

Das besagte Bild ereignet sich in der ersten Szene des Rheingolds und zeigt Alberich, den Nibelung (hier eine schmierige Hilfszuhältertype), im Clinch mit den Rheintöchtern (drei einschlägig beschäftigte Wasserstoffblondinen). Es geht ums Geld und um Macht, um das Rheingold, das die Mädels hüten, und da Alberich bei keiner von ihnen landen kann, will er sie wenigstens um ihre Kohle erleichtern. In dem Augenblick nun, in dem Richard Wagner erstmals das Thema seiner Tetralogie intoniert, hängt der Nibelung in Badehose und mit Sängerwampe über dem Rand eines Plastikpools und streckt dem Publikum den Hintern entgegen.

Der "Ring" in Bildern - um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte hier © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

"Nur wer der Minne / Macht versagt, / nur wer der Liebe/ Lust verjagt, / nur der erzielt sich den Zauber, / zum Reif zu zwingen das Gold", singt Woglinde, weit spannt das Entsagungsmotiv seine mollschwangeren Schwingen aus. Ab jetzt, sagt die Musik, nimmt das Unheil seinen Lauf, ab jetzt wird nichts wieder gut. Und während der Dirigent Kirill Petrenko sich bei seinem Debüt am Pult des Festspielorchesters um Sachlichkeit bemüht, hängt Alberich, diese Nachtgestalt der Raffgier, immer noch überm Pool und fingert nach dem Gold und strampelt heftig mit den Beinchen.

Deutlicher kann Regie kaum sein. Deutlicher kann sie nicht sagen: Wagner, die olle Musik, der Ring mit seinen 16 Stunden, die heilige Bayreuther Akustik – das geht mir alles, pardon, am Arsch vorbei. Geld oder Liebe, gut oder böse, Heldentod, Götterschwund, wenn das die Themen der Oper sind: Herrje, haben wir keine anderen Probleme? Die NSA oder der NSU, Ägypten, den Wahlkampf, Zugunglücke? Wollen wir uns hier ernsthaft weiter in Kunstproduktion ergehen?

Für Wagner gab es bekanntlich so etwas wie eine Erotik des Politischen, nach der sich auch Castorf als "historisch denkender Existenzialist" und "Stückezertrümmerer" verzehren müsste, jenes sagenhafte Bis-hierher-und-nicht-Weiter. Wagner hatte diese Kraft, ließ das Notenpapier Papier sein und stieg auf die Barrikaden der Revolution, 1848, schritt zur Tat, wenngleich nur kurzfristig und um fortan das Umstürzlerische noch inbrünstiger seiner Kunst als Pfahl ins Herz zu rammen.

Castorf, ganz Kind der Postmoderne, macht aus diesem Gestus: Schluss mit dem Kunstgeheule! Schluss mit der Interpretation der Interpretation der Interpretation! Und bevor wir alle miteinander so weitermachen, Wagnerianer, Anti-Wagnerianer, Politiker, Kritiker, Musiker und Festspielleiterinnen, gehören Glaube, Überzeugung und Können auf den Prüfstand. Wollen wir Wagner, wirklich?