Das Elektroauto BMW i3 © BMW

Wer in diesen Tagen darüber nachdenkt, das neue Elektroauto von BMW zu kaufen, der muss sich fragen, welche Ziele er damit erreichen will.

Die Batterie speichert Strom für 180 Kilometer, aber das ist nicht das Problem. Der BMW i3 ist eine fahrende Utopie aus Carbonfasern und Lithium-Akkus, die jedoch durch ihren Preis zu einem Dasein im Revier der Sport- und Geländewagen verurteilt ist. Schon eines dieser Fahrzeuge – sagen wir: ein BMW X3 mit "TwinPower-Turbo-Reihenmotor" – macht den ökologischen Nutzen zunichte, den ein tapferer Besitzer eines i3 unter Aufbietung von mindestens 35.000 Euro erzeugt. Man darf annehmen, dass dem Fahrer des Geländewagens das egal ist. Aber wird unseren i3-Fahrer nicht das Gefühl der Vergeblichkeit verfolgen, wenn er an trüben Tagen sein Carbonvehikel zwischen Hunderten von Stahlkolossen in einen Vorort für Besserverdienende steuert, bloß um zu erkennen, dass mangels Wind und Sonnenschein die elektrische Energie für die nächsten 180 Kilometer wieder aus einem Kohlekraftwerk stammen wird?

Denn dies ist leider ein Nachteil des vermeintlichen Nullemissionsmobils: "CO₂-Emissionen, die durch die Produktion und Bereitstellung des Kraftstoffs beziehungsweise anderer Energieträger entstehen, wurden bei der Ermittlung der CO₂-Emission nicht berücksichtigt", wie die BMW-Werbung offen einräumt.

Der i3 ist ein Statussymbol – aber eins, für das man sich nicht schämen muss

Ärgerlicher ist etwas anderes: i3 und X3, Ökofahrzeug und Protzmobil, existieren in einer Symbiose. Die europäischen Umweltauflagen für Autohersteller erlauben es dem Hersteller BMW, den Schaden, den seine Geländewagen anrichten, mit dem Nutzen zu verrechnen, den sein Elektrofahrzeug stiftet – Stichwort: Flottenverbrauch. Und wenn die Bundesregierung nun eine europäische Einigung hintertreibt, die den Schadstoffausstoß der Kfz-Flotten senken soll, dann geht es schlicht darum, mit möglichst wenigen Elektromobilen Umweltauflagen für möglichst viele schwere Luxusfahrzeuge abzuwehren. Geländewagenfahrern wird das recht sein, wenn sie es überhaupt zur Kenntnis nehmen. Aber ob es auch unserem i3-Fahrer gefällt?

Ihm oder ihr sei gesagt: Sie sind nicht allein. Ob man am Fleischtresen nach Biofleisch fragt oder im Elektromarkt nach einem A+++-Kühlschrank, ob man die Familie zum Fahrradurlaub zwingt oder mit der Stromrechnung Solaranlagen finanziert: Es bedarf schon einer beträchtlichen Prinzipienfestigkeit, angesichts vieler Rückschläge noch Hoffnung in das sogenannte grüne Wachstum zu setzen. Sogar im Deutschland der Energiewende wachsen die Treibhausgas-Emissionen. Mehr PS, mehr Quadratmeter, mehr Flugmeilen – bislang hat dieser Trend den Umweltnutzen des technischen Fortschritts fast völlig aufgefressen.

In Ökokreisen pflegt man die Schuld daran "der Industrie" zu geben. Das war schon immer falsch. Die Industrie produziert, was sich verkaufen lässt. Der 3-Liter-Lupo und der Audi A2 waren ernsthafte Versuche, sparsame Autos auf den Markt zu bringen. Niemand wollte sie kaufen, das war das Problem. Vielleicht ist der BMW i3 ein besserer, schlauerer Anlauf dazu, dies Ziel ganz ohne staatlichen Eingriff, allein durch die Kraft des Marktes doch noch zu erreichen.

Man stelle sich eine Straße in Hamburg-Blankenese oder in Ammerland am Starnberger See vor. Was, wenn dort irgendwann nicht nur ein einzelnes Elektromobil geparkt wird, sondern zwei oder drei? Man redet ja miteinander, im Segelclub oder beim Elternabend im Gymnasium – wäre es nicht vorstellbar, dass vormals stolzen Besitzern von Sport- und Geländewagen, die mit Sport so wenig zu tun haben wie mit Gelände, diese seltsamen Gefährte dann allmählich peinlich werden? Oberhalb des Golfs sind Autos weniger Verkehrsmittel als Statussymbole, ihr Wert liegt im Auge der Betrachter. Den Zorn der Ökos können Geländewagenfahrer ertragen. Ob sie es ertragen, im Blick der eigenen Nachbarn nicht mehr Neid, sondern Verachtung zu spüren, ist eine andere Frage. Auch der i3 ist auf seine Weise ja ein Statussymbol – aber eines, für das sich der Besitzer nicht schämen muss.

Man könnte dies für ein ökologisch belangloses Problem einer Minderheit halten, aber das wäre ein Irrtum. Trends werden oben erfunden. Das Problem am BMW X3 und an seinen Artgenossen ist nicht ihr absurder Spritverbrauch, sondern ihre Vorbildfunktion. In einigen Jahren könnte jedes fünfte Auto in Deutschland ein SUV sein. Und wenn es nicht so kommt, dann wird der BMW i3 daran einen Anteil haben.

Und das ist immer noch ein kleiner Ausschnitt des Problems. Wenn weltweit die Refugien der bedrohten Arten schrumpfen und die Emissionen der Klimagase in einem Tempo wachsen, das alle Hoffnung auf eine rasche Wende zunichtemacht, dann liegt es vor allem daran, dass der verschwenderische Lebensstil des Westens gerade Asien erobert. Und wie sollte es anders sein? Es war ein absurder Gedanke, dass Chinesen freiwillig auf Luxusgüter verzichten würden, die in den alten Industrieländern ein gelungenes Leben symbolisieren. Und wenn die Oberschicht auch in Fernost Porsche und BMW fährt, wovon träumen dann die Arbeiter?

Wenn es sehr, sehr gut geht, nicht in China, sondern zunächst in Deutschland, dann träumen sie irgendwann von einem BMW i3 – oder vom 1,5-Liter-VW XL1, den es glücklicherweise auch bald geben soll.

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