Alle Signale abfangen, immer – so formulierte der NSA-Chefspion General Keith Alexander den maßlosen Anspruch der britisch-amerikanischen Spähprogramme. Das war im Jahr 2008. Heute bedeutet es: alle E-Mails, Suchanfragen, Webseitenaufrufe, jede digitale Äußerung in Schrift, Wort, Foto oder Video... – der ganze potenzielle Zugriff, den uns Edward Snowden enthüllt hat. Seit acht Wochen wird er diskutiert und ausgedeutet, ohne bislang in seinem möglichen Ausmaß widerlegt worden zu sein.

Eine enorme Bürgerrechtsverletzung. Und die Grundlage für noch mehr.

Sofern stimmt, was bislang über Prism und Tempora bekannt ist, müssen wir mutmaßen: Die Lauscher können tatsächlich einen Großteil des Datenverkehrs erfassen, um ihn zu analysieren. Und zwar ungeachtet seiner Zusammensetzung. Alle Signale, immer – das bedeutet: Für die Algorithmen ist prinzipiell alles interessant, was sich irgendwie mit einer konkreten Person in Verbindung bringen lässt. Wer weiß, was sich findet?

Angesichts der Enthüllungen dieses Sommers sollten wir uns fragen: Was wird in Zukunft gefunden? Mit welchen neuen Daten werden wir die Bespitzelungsmaschinerie füttern? Oder welche Technik wird das für uns erledigen?

Die Antwort darauf muss nicht Science-Fiction sein. Denn für einen plausiblen Blick in die Welt von morgen bietet schon die Technik von heute ausreichend Anschauung. Dabei geht es nicht mehr nur um Computer und Smartphones, sondern um einen ganzen Zoo internetfähiger Geräte und der zugehörigen Dienste. Von denen viele ganz selbstständig online kommunizieren.

Als technische Grundlagen dieser Welt sind drei Elemente entscheidend: erstens die flächendeckende Internetanbindung. Damit ist man stets online. Zweitens jene 340 Sextillionen (eine Eins mit 36 Nullen) unterschiedlicher IP-Adressen, die das neue Internetprotokoll IPv6 ermöglicht. Damit können unzählige Geräte im Netz unterschieden werden. Drittens das Cloud-Computing mit seinen riesigen Datensilos. Damit wird das Internet zum Massenspeicher.

Das Netz wird beinahe so selbstverständlich wie Atemluft, entsprechend nutzen wir es und probieren immer wieder Neues aus. Was könnten Lauscher da künftig alles über uns erfahren? Etwa über einen Durchschnittsbürger, den wir Max Muster nennen wollen. In fünf Bereichen wollen wir uns Max’ Datenspuren anschauen. Dabei sind alle Beispiele real. Sie existieren als Prototypen oder bereits als fertige Produkte:

1. Häusliche Gewohnheiten

Trautes Heim, unverletzlich laut Grundgesetz! Dabei erzeugen in der Wohnung immer mehr Geräte Datenspuren, etwa per App fernsteuerbare Thermostate oder Türschlösser. Internetfähige Stromzähler ("Smart Meter") registrieren den Energiebedarf im Sekundentakt, Stromversorger und Kunde können online die Schwankungen des Stromverbrauchs verfolgen.

Weil aber unterschiedliche Elektrogeräte typische Verbrauchsmuster haben, verraten diese Daten noch viel mehr. So konnten Wissenschaftler der FH Münster aus einem solchen Stromprotokoll herauslesen, welche einzelnen Geräte in einer Wohnung genutzt wurden. Sogar welches Video im Wohnzimmer lief, erkannten sie. Der Stromzähler hatte es ihnen leicht gemacht: Er übertrug alle Daten unverschlüsselt, entgegen den Beteuerungen des Versorgers.

Und Sicherheitsforscher der TU Darmstadt haben nachgewiesen, dass internetfähige Fernseher ("Smart TVs") nach dem weit verbreiteten Standard HbbTV ohne Zutun des Zuschauers dessen Programmwahl dem Sender gegenüber ausplaudern – und teilweise sogar fremden Werbefirmen.

Wer aber analysieren kann, wann Max welche Geräte benutzt und was er sich so alles anschaut, der weiß schon so einiges über ihn, ohne die Mustersche Wohnung je betreten zu haben.

2. Stimmung und Gesellschaft

Die neue Spielkonsole Xbox One, die Microsoft von November an verkauft, kann per Kameraauge Gesichtsausdrücke unterscheiden: traurig, neutral oder fröhlich? Zur Steuerung eines "empathischen" Videospiels mag das attraktiv sein.

Vorsorglich patentiert hat der Xbox-Hersteller schon eine andere Funktion, nämlich per Gesichtserkennung zu zählen, wie viele Zuschauer sich auf dem Sofa versammelt haben. Je mehr, desto teurer wäre dann ein Film aus der Onlinevideothek.

Aber soll ein vernetztes Gerät wirklich wissen, wie Max am Feierabend drauf ist? Ob er alleine ist oder in Gesellschaft?

Geschäfte mit Gesundheitsdaten

3. Exakte Bewegungsprofile

Wo Satellitennavigation nicht weiterhilft, sollen sich Smartphones an der Stärke von WLANs oder eigens angebrachten Bluetooth-Sendern orientieren. Indoor-Navigation für große öffentliche Gebäude gilt als das nächste GPS: Im Inneren eines Einkaufszentrums oder einer Behörde könnte sie Max bis in die versteckte Abteilung eines verwinkelten Ladens oder bis vor die Bürotür eines ganz bestimmten Sachbearbeiters lotsen. Ganz exakt. Apple hat im Frühjahr eine Spezialfirma für Indoor-Navigation gekauft. Google, Nokia und viele andere sitzen ebenfalls dran.

Finden solche Ortsangaben über eine schwatzhafte App oder durch eine Sicherheitslücke ihren Weg auf einen fernen Server? Einmal mitgelesen, erlaubten sie es, ein Bewegungsprofil für Max zu erstellen. Seine Auflösung ließe nicht nur den Rückschluss "Bezirksamt" zu, sondern "2. Stock, Raum 2078".

4. Identifizierung in der Masse

Kein Telefon mehr ohne Digitalkamera, bald kommen knipsfähige Brillen wie Google Glass dazu oder Spielzeugdrohnen mit Videokamera. Dabei sollte, wer in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben möchte, auch tunlichst unfotografiert bleiben. Denn längst erkennen kommerzielle Fotoprogramme Gesichter recht treffsicher, und die Menge entsprechend verschlagworteter Bilder im Netz wächst. Trägt ein Foto auch noch Koordinaten und Zeitstempel, ist die digitale Ortsmarke perfekt: Max Muster war heute Mittag genau hier.

Dabei muss es gar kein Mensch sein, der fotografiert. Getestet werden bereits digitale Werbetafeln mit Fotosensoren, die darauf reagieren, wer vor ihnen steht: Frauen sollen diese neugierigen Litfaßsäulen Schuh-, Männern Autowerbung zeigen, Alten andere Anzeigen als Jungen. Technisch möglich sind auch feinere Unterscheidungen, bis hin zur Gesichtserkennung. Wenn aber so ein Gerät online nachfragte, wer dieser Passant ist und welche bestimmte Anzeige für ihn eingeblendet werden soll, würde es dabei natürlich auch die Information erzeugen: Max steht jetzt gerade hier in der Fußgängerzone.

5. Wohlbefinden und Gesundheit

Pulsuhren oder Schrittzähler, deren Messungen Sportler online stellen und mit Trainingsfreunden vergleichen können, waren der Anfang. Auch Personenwaagen und Körperfettmessgeräte mit Netzwerkfunktion gibt es schon, ebenso wie im engeren Sinne medizinische Sensoren, etwa um Bluthochdruck zu überwachen. Wer weiß, wie viele Menschen ihre Gesundheitsdaten online übertragen würden, sobald beispielsweise ihre Krankenkasse diese Mitteilsamkeit mit Prämien belohnen würde?

Die Tauschlogik Körperdaten gegen Vergünstigung lässt sich mühelos auf Produkte wie sensorbestückte Gabeln (die ein gesundes Esstempo überwachen) und Zahnbürsten (die den Zahnputzfleiß protokollieren) übertragen.

Auch wenn der Nutzen solcher und vieler anderer Produkte sich auf den ersten Blick nicht erschließen mag – ihre Hersteller werden munter mit Geschäftsmodellen experimentieren. Die eingebaute Fähigkeit zum Datensammeln wird dabei zentral sein. Ebenso enorm wie der technische Fortschritt ist die unternehmerische Kreativität: Wo ein Start-up ist, ist auch ein Weg.

Wahrscheinlich würde jeder einzelne Anbieter wortreich zu erklären versuchen, warum gerade sein Produkt absolut unbedenklich ist. Jeder Missbrauch ausgeschlossen. Geschützt, anonym, alle Daten sicher. Auf ewig.

Da wir aber argwöhnen müssen, dass "alle Signale immer" ausgespäht werden, steht prinzipiell auch jede Datenübertragung im Netz unter Verdacht. Entscheidend ist die massenhafte automatische Korrelation, jenes Data-Mining, das man den Geheimdiensten unterstellen muss (ZEIT Nr. 30/13). Je mehr unterschiedliche Datenströme sie so zusammenfügen, desto klarer wird dabei das Bild, das sie von einer Person gewinnen können, die – aus welchen Gründen auch immer – ihr Interesse geweckt hat.

Künftig könnte dieses Bild viel genauer, um viele Facetten reicher werden: um minutengenaue Bewegungsprofile und alltägliche Verhaltensmuster, um Stimmung, Befindlichkeit, ja sogar um Körperfunktionen.

Unter dem Stichwort "Datensparsamkeit" wurde in den vergangenen Wochen gefordert, die Bürger sollten sich der NSA doch entziehen – durch Netzabstinenz. Das ist nicht nur naiv, es lässt den Einzelnen allein, wo doch der Staat in der Pflicht ist.

Besser wäre es, die Aufregung um Tempora und Prism zu nutzen, um dem Datenschutz ein längst überfälliges Update zu verpassen. Und dann gleich noch eines für all die Anwendungen der nahen Zukunft: Welcher Abfragetakt reicht für den Stromzähler aus? Was darf ein Fernseher zurückmelden? Müssen vernetzte Geräte grundsätzlich verschlüsselt senden? Wie werden persönliche Messwerte vor Weitergabe geschützt? Technik ist neutral. Auch ein Alltag voller vernetzter Geräte muss nicht zum rundum ausgespähten Bürger führen. Zumindest nicht, wenn klare Regeln es verhindern. Die aber muss die Gesellschaft jetzt aushandeln.

Das fängt an mit einer praktischen Einsicht: Kommunikation ist nicht mehr länger nur bewusste Korrespondenz. Sie ist auch eine Kaskade aus unzähligen Mitteilungen von Maschine zu Maschine. Der Einzelne ist nicht Absender dieser Kommunikation, eher ihr Auslöser. Er ist sich dessen selten bewusst, meistens entblößt er sich unwissentlich und oft gegen seinen Willen.

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