Das merkte auch Katrin Rieder, als sie vor acht Jahren erstmals das Museum besuchte. Damals leitete sie für Pro Helvetia Programme zur Volkskultur. Sie, die als junge Frau einst vom Land, von Hindelbank, nach Bern geflohen ist: "Ich hatte genug vom Laientheater in der Krone, dem Turnerabend im Sternen. Ich wollte weg." Sie realisierte, wie aktuell die Fragen sind, die der Ballenberg thematisiert.

Eröffnet wurde das Museum 1978, nach zehnjähriger Planung. Der Boom der Nachkriegsjahre veränderte das Gesicht der Schweiz radikal. Autobahnen durchzogen nun das Land, Abertausende Häuser standen auf einst grünen Wiese. Das Mittelland verstädterte. Auch viele alte Bauernhäuser mussten dem Fortschritt weichen. Die Museumsgründer wollten retten, was zu retten war. Ohne dabei der Modernisierung im Weg zu stehen. Also zerlegten sie in allen Landesteilen die vom Baggerzahn gefährdeten Häuser – und stellten sie in ihrem Freilichtmuseum wieder auf.

Das war also pragmatisch. Trotzdem gilt der Ballenberg als konservativ oder reaktionär.

Peter Moser erstaunt das nicht. "Spricht man über die Bauern, spricht man in Extremen: Man verklärt oder dämonisiert", sagt der Historiker. Er machte sich einst einen Spaß daraus, in den Leserkommentaren zu Artikeln über die Agrarpolitik das Wort "Bauer" durch "Ausländer" zu ersetzen: "Da müssten Sie mit einer Strafverfolgung rechnen, derart krass waren diese Beschimpfungen." Für den 59-Jährigen, der selber auf einem Bauernhof aufwuchs, tragen daran auch die Geisteswissenschaften ihre Schuld. "Die Geschichtsschreibung zur ländlichen Gesellschaft begnügt sich in der Schweiz vielfach immer noch mit dem Dekonstruieren von Klischees – das reicht aber nicht", sagt Moser. Historische Forschung brauche Distanz und Nähe.

Als er selber Anfang der achtziger Jahren an der Uni war, sagten seine Kommilitonen: "Was, du interessierst dich für Landwirtschaft?" Und während wir heute völlig anders über die Zeit des Zweiten Weltkriegs oder die Rolle der Schweiz während des Apartheidregimes in Südafrika sprechen, ist die Schweizer Landwirtschaft ein blinder Fleck. Nur als Skandal tritt die Vergangenheit an die Oberfläche. Wie etwa bei den Schicksalen der ehemaligen Verdingkinder.

Kein Wunder, ist Peter Moser in der Schweiz ein Einzelkämpfer, und kein Wunder, muss auch er seine Forschung privat finanzieren. Im Gegensatz zu den meisten seiner Historikerkollegen arbeitet er nicht an einer Universität, sondern am unabhängigen Archiv für Agrargeschichte in Bern. Es finanziert sich, indem Moser und seine sieben Mitarbeiter Archive von Verbänden und Institutionen der Schweizer Landwirtschaft aufbereiten und erschließen.

"Ich habe es manchmal satt, meinen Kollegen immer wieder erklären zu müssen, wie die Landwirtschaft funktioniert." Dass etwa eine Kuh ein Kalb gebären müsse, um überhaupt Milch zu produzieren, dass die Landwirtschaft nun mal an den Boden gebunden sei, auf dem sie betrieben werde – und die Jahreszeiten das Arbeiten und Leben auf den Höfen bestimmten. "Alle sozialwissenschaftlichen Theorien seit den sechziger Jahren orientieren sich am Städtischen." Das Land ist eine Quantité négligeable. Peter Moser zieht einen weißen Buchschinken aus dem Regal. Es ist die jüngst erschienene Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. Ein monumentales Werk von 1234 Seiten, daran mitgeschrieben haben alle wichtigen Wirtschaftshistoriker des Landes. "Aber es dauerte, bis auch die Landwirtschaft ihren Platz erhielt", sagt Peter Moser, "am Anfang wurde der Agrarsektor schlicht vergessen."

Immerhin, Moser registriert ein langsames Umdenken in der Historikerzunft. Jüngere Kollegen interessieren sich zusehends für die ländliche Geschichte: "Für sie ist das alles exotisch, egal, ob es im Suhretal oder im Nildelta stattfindet." Er selbst wurde als Gastprofessor nach Paris an die renommierte École des Hautes Études en Sciences Sociales berufen. Denn auch in Frankreich beschäftigt sich kaum jemand mit der jüngeren Vergangenheit der eigenen Bauern. Und im August findet in Bern der größte Kongress für europäische Agrargeschichte statt. Ja, vielleicht kriegt das Archiv für Agrargeschichte, wie etwa das Sozialarchiv in Zürich, sogar bald Geld vom Staat für seine Arbeit.

Auf dem Ballenberg überdenkt Katrin Rieder nochmals ihren spontanen Einfall mit dem Bauernhof aus den siebziger Jahren. Vielleicht sei es doch nicht eine so gute Idee. Vielleicht müsste man eher einen ganz modernen Betrieb zeigen, damit die Besucher sehen: So wird heute gebauert. Und ihr größtes Problem hätte sie damit auch gelöst – das Geld. Als Bauernhof würde der Ballenberg endlich Subventionen vom Bund kriegen.