Hamburger SVDie Selbstzerstörer

Seit 1987 erwarten Führung und Fans von ihrem Hamburger SV einen Titel. Vor dem Saisonstart entlädt sich der Frust wieder einmal in Streit. von 

Wer dem Dinosaurier den Puls fühlen will, führt erst einmal sechs Gespräche, die "nicht stattgefunden" haben. Man erkundigt sich, was aus dem HSV, dem einstigen Europapokalsieger, nur geworden ist, und hört von einem Aufsichtsrat: "Alles off the record, zitieren Sie mich nicht namentlich."

Diese scheinbare Diskretion verhindert nicht, dass der Hamburger Sport-Verein kurz vor dem Start der Bundesligasaison wieder einmal zeigt, wie schlecht es ihm geht. Alle Probleme werden öffentlich diskutiert: Resultate hinter den Erwartungen, Millionendefizite, häufige Wechsel und Dauerknatsch in der Vereinsspitze, Fehleinkäufe, die der Club nicht loswird.

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Vorstand und Aufsichtsrat spekulieren über die Identität der "Maulwürfe", die Interna ausplaudern und den Verein in Misskredit bringen. Die zerstrittenen Führungskräfte des "am schlechtesten geführten Erstligaklubs im Lande" (manager magazin) beharken sich mit Misstrauensvoten, sind sich einig nur in einem: dass kein Zweifel an Größe und internationaler Reife des HSV bestehe. Exspieler (Insider genannt) befürchten dagegen, dass dem Dino der Liga in einem Jahr die Lizenz verwehrt werden könnte – so desolat sei die finanzielle Situation.

Der Erste, den man mit Namen zitieren darf, ist der siebte Gesprächspartner. Trainer Thorsten Fink sitzt nach einer Übungseinheit im leeren Stadion und sagt: "Zur Arbeit der Vereinsführung äußere ich mich nicht, das steht mir nicht zu."

Jüngst eskalierte die Situation nach einer gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat am 1. Juli. Danach gelangten geheime Details zu einem drohenden zweistelligen Millionendefizit und einem angeblichen Transferstopp an die Öffentlichkeit. Mit den Worten "Wir fahren voll gegen die Wand" soll ein Aufsichtsrat die Lage bewertet haben.

Dann stauchte der Vorstandsvorsitzende das Aufpassergremium in einem internen Papier zusammen, warf ihm geschäftsschädigendes Verhalten vor. Auch dieser Vorgang wurde öffentlich. Schließlich empfahl Clubboss Carl-Edgar Jarchow dem außer Kontrolle geratenen Rat, selber juristische Konsequenzen zu ziehen, um dem Maulwurf in den eigenen Reihen das Maul zu stopfen.

Ein hehrer Wunsch. Auf den Verdacht gegen seine Person angesprochen, schießt ein Mitglied des Aufsichtsrats zurück: "Mit seiner Empörung lenkt der Vorstand doch nur davon ab, dass er selber das Leck im Verein ist." In allen Gesprächen, die "nicht stattgefunden" haben, fallen unfreundliche Worte: "Der hat keine Ahnung", heißt es über Kollegen im Aufsichtsrat. Andere werden beschuldigt, sich an Transfers bereichert und so den HSV um Millionen geprellt zu haben – was der Club vehement bestreitet.

Mit gutem Willen könnte man stellenweise ein freundliches Bild zeichnen. Nach dem 15. Platz 2011/12 steigerte sich der Club in der vergangenen Saison um acht Ränge auf den siebten Platz. Zu den positiven Entwicklungen kommt hinzu, dass Thorsten Fink an einer Verjüngung der Mannschaft arbeitet. In zwei Jahren, prophezeit der Trainer, wird das Genie Hakan Çalhanoğlu den alternden Niederländer Rafael van der Vaart als Regisseur abgelöst haben. Auch der 17-jährige Jonathan Tah aus dem eigenen Nachwuchs werde bald eine gewichtige Rolle spielen. Am vergangenen Samstag erzwang Finks neu formierte Truppe mit erstaunlicher Spielfreude ein Unentschieden gegen Inter Mailand, erarbeitete sich Großchance um Großchance.

Doch der HSV ist unerreicht im Geschick, gute Stimmung kaputt zu machen. Eine Miesepetrigkeit, die nach Niederlagen den Verein erfasst, beklagt Johannes "Jojo" Liebnau, Vertreter der Ultra-Gruppierung Chosen Few: "Alles wird sofort schlechtgeredet; die Leute sollten auch hinter der Mannschaft stehen, wenn es nicht optimal läuft."

Hauptgrund für diese Miesepetrigkeit sind die überzogenen Erwartungen: einerseits im elfköpfigen Aufsichtsrat – in dem Unternehmer, ein Esoterikautor, ein Volksschauspieler, ein Journalist sitzen, aber keine Sachverständigen für Fußball –, andererseits unter den Fans. Die Jahre 1973 bis 1987 mit drei Meistertiteln, zwei DFB-Pokal-Siegen und dem Gewinn zweier europäischer Pokale hatten verheerende psychologische Langzeitfolgen: Sie impften die Anhängerschaft dauerhaft gegen Bescheidenheit. Wer die Raute im Herzen trägt, pflegt zu vergessen, dass vor und nach den erfolgreichen Jahren Mittelmaß regierte.

Hoffnung auf alte Größe kam auf, als der Club 2008/09 lange in drei Wettbewerben mitmischte – Liga, DFB-Pokal, Uefa-Pokal. Doch dann geschah der erste von zwei GAUs der jüngeren Vereinsgeschichte: Ausgerechnet Erzfeind Werder Bremen schoss die Hamburger in beiden Halbfinals aus den Pokalwettbewerben.

Genauso schockte 2011 die Derbyklatsche im eigenen Stadion: Seit mehr als zehn Jahren hat der HSV nun keine Begegnung gegen den FC St. Pauli gewinnen können. Da sich der innerstädtische Rivale als Zweitligist momentan direkten Begegnungen entzieht, verlängert sich die Leidenszeit; die Scharte bleibt mindestens ein weiteres Jahr unausgewetzt. Der Stachel sitzt so tief, dass sich die HSV-Ultras sogar während der Partie gegen Mailand noch mit ihrem Frust herumplagten. Mehrmals skandierten sie: "St. Pauli ist beschissen!"

Leserkommentare
    • Calerio
    • 11. August 2013 16:41 Uhr

    der die Inkompetenzen der ehemaligen sportlichen Leiter des HSVs aufzeigt, sowie andere Probleme, die bis heute anhalten und weitere Erfolge verhindern werden.

    "Uwe-Seeler-Stadion"

    Das ist ein Witz, oder?
    Eine HSV Legende ist er zwar, aber er gehört auch zu den ahnungslosen, die andauernd mitsabbeln.

    Kühne sollte sich an seine Worte halten, zu oft las man, dass er nicht mehr bereit ist Geld in den Verein zu investieren, doch konnte er nur selten davon lassen.

    2 Leserempfehlungen
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    "der die Inkompetenzen der ehemaligen sportlichen Leiter des HSVs aufzeigt"

    Es scheint ja immer wieder wichtig zu sein zu betonen, wenn man über den HSV redet, dass der Arnesen der Vater alles schlechten ist. Was mich da immer wieder wundert – so von ausserhalb betrachtet – ist, dass man den Mann überhaupt angestellt hat. Und seine Transfers abgesegnet wurden.

    Mir fehlt da sicher der Einblick, aber Arnesen allein als Schuldigen für alles auszumachen scheint mir immer irgendwie eindimensional. Ebenso wie die Erklärung von Kreuzer zum Heiland, der jetzt alles wieder gut macht. Aber wie gesagt, sicher fehlen mir da Informationen.

    • Infamia
    • 11. August 2013 17:30 Uhr

    Der Artikel bringt es auf den Punkt. Der HSV ist zwar ein Großstadtverein, was aber nicht automatisch bedeutet, dass er zu den ganz großen, europäischen Vereinen gehört. Er ist bestenfalls solides Mittelmaß, mit gelegentlichen Abstechern in die obere Tabellenhälfte, was allerdings so selten vorkommt, dass man getrost von Mittelmaß sprechen darf. Und das ist noch beschönigend. I.d.R. krepelt der HSV im unteren Mittelfeld herum, mit Tendenz zum Abstieg. Einzig und allein die Tatsache, dass er bisher nicht abgestiegen ist, macht ihn noch zu etwas besonderen. Aber i.d.R. tut der HSV alles, um seinen Ruf zu verspielen.

    Man muss als Hamburger wohl damit leben, zwar in einer Großstadt zu leben, die international ein hohes Ansehen hat, sein Verein aber nicht der Rede wert ist. Wird Zeit, dass das auch von allen, incl. der Fans als solches anerkannt wird. Denn alles andere wirkt peinlich.

  1. "der die Inkompetenzen der ehemaligen sportlichen Leiter des HSVs aufzeigt"

    Es scheint ja immer wieder wichtig zu sein zu betonen, wenn man über den HSV redet, dass der Arnesen der Vater alles schlechten ist. Was mich da immer wieder wundert – so von ausserhalb betrachtet – ist, dass man den Mann überhaupt angestellt hat. Und seine Transfers abgesegnet wurden.

    Mir fehlt da sicher der Einblick, aber Arnesen allein als Schuldigen für alles auszumachen scheint mir immer irgendwie eindimensional. Ebenso wie die Erklärung von Kreuzer zum Heiland, der jetzt alles wieder gut macht. Aber wie gesagt, sicher fehlen mir da Informationen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Guter Artikel,"
    • lxththf
    • 11. August 2013 18:16 Uhr

    die bei diesem Artikel verwundern. Zunächst die Frage: Ab wann hat eine Person Ahnung von Fußball? Was zeichnet einen Fachmann/frau aus?
    Zu Arnesen: Anerkannt bei Eindhoven und Chelsea, aber zu schlecht für den HSV? Bzw. da hat er dann auf einmal keine Ahnung? Schaut man auf die Transferbilanz, so war sie unter ihm zum ersten mal wieder positiv.
    Berg? Merkwürdig, dass bei allen anderen Klubs er mindestens aller 2Spiele getroffen hat. Man kann es dann einfach nicht ahnen, dass er dann nicht die erwartete Leistung bringt.
    Labbadia und die Spielerfrau. Werden jetzt hier bei ZO auch Gerüchte als Tatsachen verkauft?

    Der HSV hat ein großes Potenzial, ohne Zweifel zu viele Mitbestimmer und Lautsprecher aber eine großartige Perspektive. Unter Fink hat sich der HSV in eine gute Richtung entwickelt nur und da hat der Autor völlig Recht: Mit Freiburg, Frankfurt, Stuttgart, Gladbach, Hannover, Mainz, Bremen etc. gibt es eine unfassbar große Konkurrenz um die verbliebenen Europapokalplätze und ehe man einen CL Platz angreifen kann, bedürfte es potenter Sponsoren. Dies ist für mich das größte Mysterium beim HSV. Warum bekommen sie es nicht hin, sich finanziell zu verbessern. Immerhin haben sie die Emirate als Sponsor und adidas als Ausrüster.

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    • Infamia
    • 11. August 2013 19:35 Uhr

    "Der HSV hat ein großes Potenzial, ohne Zweifel zu viele Mitbestimmer und Lautsprecher aber eine großartige Perspektive."

    Es gibt Menschen in Hamburg, die können diesen Spruch (Potenzial und Perspektive) nicht mehr hören, weil dieser Spruch inzwischen einen ziemlich langen Bart hat. Sorry, aber irgendwann muss geliefert werden, Potential und Perspektive hin oder her.

  2. die Wörter "Altlasten" und "Ladenhüter" sollten nicht auf Menschen angewendet werden.

    Herzliche Grüße

    Eine Leserempfehlung
    • Infamia
    • 11. August 2013 19:35 Uhr

    "Der HSV hat ein großes Potenzial, ohne Zweifel zu viele Mitbestimmer und Lautsprecher aber eine großartige Perspektive."

    Es gibt Menschen in Hamburg, die können diesen Spruch (Potenzial und Perspektive) nicht mehr hören, weil dieser Spruch inzwischen einen ziemlich langen Bart hat. Sorry, aber irgendwann muss geliefert werden, Potential und Perspektive hin oder her.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Es gibt einige Sachen,"
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    "Sorry, aber irgendwann muss geliefert werden, Potential und Perspektive hin oder her."

    Na, der hat aber auch einen recht langen Bart. Und es scheinen sich auch alle einig zu sein, dass geliefert werden müsse. Die Frage scheint allerdings zu sein, was denn eigentlich genau geliefert werden soll. Solide Finanzen? Ein Kader mit Zukunftsperspektive? Europaleague? Championsleague?

    Beim HSV scheint man (Fans und Führung) ja irgendwie all das und noch mehr zu fordern. Und regelmäßig klappt dann (wenig überraschend, wenn man ehrlich ist) genau nichts davon.

    wahr. Mit Potenzial meine ich folgendes: http://metropolregion.ham...
    Hamburg hat ein sensationelles Sponsorenpotenzial und ich frage mich, warum diese nicht aquiriert werden können. Hamburg "das Tor zur Welt", der "Dino der Liga", eine Stadt mit internationalem Flair, ein Traditionsverein mit einem modernen Stadion. Das sind Rahmenbedingungen von denen andere Klubs nur träumen können. Warum also wird das Potenzial nicht genutzt?
    Mit Arnesen hatte man einen Fachmann als Sportdirex eingestellt, mit Fink einen Trainer, der bei Bayern die Mentalität zum Siegen nachgewiesen hat, dazu viele junge Talente. Ich glaube nicht, dass es unrealistisch ist auf die EL zu schielen, aber das ist es bei den anderen Klubs nunmal auch nicht. Wenn 10 Klubs um 3 Plätze streiten, dann gibt es leider 7 Verlierer.Ich bin gespannt, wie die Entwicklung weitergeht.

  3. "Sorry, aber irgendwann muss geliefert werden, Potential und Perspektive hin oder her."

    Na, der hat aber auch einen recht langen Bart. Und es scheinen sich auch alle einig zu sein, dass geliefert werden müsse. Die Frage scheint allerdings zu sein, was denn eigentlich genau geliefert werden soll. Solide Finanzen? Ein Kader mit Zukunftsperspektive? Europaleague? Championsleague?

    Beim HSV scheint man (Fans und Führung) ja irgendwie all das und noch mehr zu fordern. Und regelmäßig klappt dann (wenig überraschend, wenn man ehrlich ist) genau nichts davon.

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