Wer dem Dinosaurier den Puls fühlen will, führt erst einmal sechs Gespräche, die "nicht stattgefunden" haben. Man erkundigt sich, was aus dem HSV, dem einstigen Europapokalsieger, nur geworden ist, und hört von einem Aufsichtsrat: "Alles off the record, zitieren Sie mich nicht namentlich."

Diese scheinbare Diskretion verhindert nicht, dass der Hamburger Sport-Verein kurz vor dem Start der Bundesligasaison wieder einmal zeigt, wie schlecht es ihm geht. Alle Probleme werden öffentlich diskutiert: Resultate hinter den Erwartungen, Millionendefizite, häufige Wechsel und Dauerknatsch in der Vereinsspitze, Fehleinkäufe, die der Club nicht loswird.

Vorstand und Aufsichtsrat spekulieren über die Identität der "Maulwürfe", die Interna ausplaudern und den Verein in Misskredit bringen. Die zerstrittenen Führungskräfte des "am schlechtesten geführten Erstligaklubs im Lande" (manager magazin) beharken sich mit Misstrauensvoten, sind sich einig nur in einem: dass kein Zweifel an Größe und internationaler Reife des HSV bestehe. Exspieler (Insider genannt) befürchten dagegen, dass dem Dino der Liga in einem Jahr die Lizenz verwehrt werden könnte – so desolat sei die finanzielle Situation.

Der Erste, den man mit Namen zitieren darf, ist der siebte Gesprächspartner. Trainer Thorsten Fink sitzt nach einer Übungseinheit im leeren Stadion und sagt: "Zur Arbeit der Vereinsführung äußere ich mich nicht, das steht mir nicht zu."

Jüngst eskalierte die Situation nach einer gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat am 1. Juli. Danach gelangten geheime Details zu einem drohenden zweistelligen Millionendefizit und einem angeblichen Transferstopp an die Öffentlichkeit. Mit den Worten "Wir fahren voll gegen die Wand" soll ein Aufsichtsrat die Lage bewertet haben.

Dann stauchte der Vorstandsvorsitzende das Aufpassergremium in einem internen Papier zusammen, warf ihm geschäftsschädigendes Verhalten vor. Auch dieser Vorgang wurde öffentlich. Schließlich empfahl Clubboss Carl-Edgar Jarchow dem außer Kontrolle geratenen Rat, selber juristische Konsequenzen zu ziehen, um dem Maulwurf in den eigenen Reihen das Maul zu stopfen.

Ein hehrer Wunsch. Auf den Verdacht gegen seine Person angesprochen, schießt ein Mitglied des Aufsichtsrats zurück: "Mit seiner Empörung lenkt der Vorstand doch nur davon ab, dass er selber das Leck im Verein ist." In allen Gesprächen, die "nicht stattgefunden" haben, fallen unfreundliche Worte: "Der hat keine Ahnung", heißt es über Kollegen im Aufsichtsrat. Andere werden beschuldigt, sich an Transfers bereichert und so den HSV um Millionen geprellt zu haben – was der Club vehement bestreitet.

Mit gutem Willen könnte man stellenweise ein freundliches Bild zeichnen. Nach dem 15. Platz 2011/12 steigerte sich der Club in der vergangenen Saison um acht Ränge auf den siebten Platz. Zu den positiven Entwicklungen kommt hinzu, dass Thorsten Fink an einer Verjüngung der Mannschaft arbeitet. In zwei Jahren, prophezeit der Trainer, wird das Genie Hakan Çalhanoğlu den alternden Niederländer Rafael van der Vaart als Regisseur abgelöst haben. Auch der 17-jährige Jonathan Tah aus dem eigenen Nachwuchs werde bald eine gewichtige Rolle spielen. Am vergangenen Samstag erzwang Finks neu formierte Truppe mit erstaunlicher Spielfreude ein Unentschieden gegen Inter Mailand, erarbeitete sich Großchance um Großchance.

Doch der HSV ist unerreicht im Geschick, gute Stimmung kaputt zu machen. Eine Miesepetrigkeit, die nach Niederlagen den Verein erfasst, beklagt Johannes "Jojo" Liebnau, Vertreter der Ultra-Gruppierung Chosen Few: "Alles wird sofort schlechtgeredet; die Leute sollten auch hinter der Mannschaft stehen, wenn es nicht optimal läuft."

Hauptgrund für diese Miesepetrigkeit sind die überzogenen Erwartungen: einerseits im elfköpfigen Aufsichtsrat – in dem Unternehmer, ein Esoterikautor, ein Volksschauspieler, ein Journalist sitzen, aber keine Sachverständigen für Fußball –, andererseits unter den Fans. Die Jahre 1973 bis 1987 mit drei Meistertiteln, zwei DFB-Pokal-Siegen und dem Gewinn zweier europäischer Pokale hatten verheerende psychologische Langzeitfolgen: Sie impften die Anhängerschaft dauerhaft gegen Bescheidenheit. Wer die Raute im Herzen trägt, pflegt zu vergessen, dass vor und nach den erfolgreichen Jahren Mittelmaß regierte.

Hoffnung auf alte Größe kam auf, als der Club 2008/09 lange in drei Wettbewerben mitmischte – Liga, DFB-Pokal, Uefa-Pokal. Doch dann geschah der erste von zwei GAUs der jüngeren Vereinsgeschichte: Ausgerechnet Erzfeind Werder Bremen schoss die Hamburger in beiden Halbfinals aus den Pokalwettbewerben.

Genauso schockte 2011 die Derbyklatsche im eigenen Stadion: Seit mehr als zehn Jahren hat der HSV nun keine Begegnung gegen den FC St. Pauli gewinnen können. Da sich der innerstädtische Rivale als Zweitligist momentan direkten Begegnungen entzieht, verlängert sich die Leidenszeit; die Scharte bleibt mindestens ein weiteres Jahr unausgewetzt. Der Stachel sitzt so tief, dass sich die HSV-Ultras sogar während der Partie gegen Mailand noch mit ihrem Frust herumplagten. Mehrmals skandierten sie: "St. Pauli ist beschissen!"