ForschungsfinanzierungDie gekaufte Wissenschaft

Unternehmen bestellen Studien, engagieren Professoren und finanzieren ganze Institute, die in ihrem Sinne forschen. An den Universitäten ist die Wirtschaft zu einer verborgenen Macht herangewachsen. von  und

Humboldt-Universität in Berlin, Archivbild aus dem Jahr 2010

Humboldt-Universität in Berlin, Archivbild aus dem Jahr 2010   |  ©Johannes Eisele/AFP/Getty Images

An einem Sonntag im Juni 2009 setzt sich ein Wissenschaftler eines angesehenen deutschen Forschungsinstituts an seinen Computer und öffnet das Mailprogramm. Diverse Nachrichten von Kollegen sind eingetroffen, außerdem eine E-Mail aus New York von einem renommierten amerikanischen Anwalt. Der Wissenschaftler hat ihn zwei Jahre zuvor kennengelernt. Der Anwalt arbeitete damals für das amerikanische Parlament. Der Wissenschaftler öffnet die Mail und ist erstaunt. Der Anwalt arbeitet jetzt für das Internetunternehmen Google. Er bittet den Wissenschaftler um ein Gutachten zu einem Vergleichsvorschlag von Google in einem Urheberrechtsstreit.

Google hat einige Jahre zuvor in den USA damit begonnen, Bücher zu scannen und kostenlos online zu stellen. Die Autoren der Bücher waren empört, sie fürchteten um ihr Einkommen, es war der Beginn einer langwierigen juristischen Auseinandersetzung, die bis zum heutigen Tag andauert.

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Weil Google auch die Werke deutscher Autoren einscannte, war juristische Unterstützung von einem deutschen Rechtsexperten für den Konzern von großem Wert. Besonders hilfreich konnte für Google in dieser Situation zum Beispiel ein Gutachten eines unabhängigen, weil zum großen Teil durch staatliche Gelder finanzierten deutschen Instituts sein.

Darum bittet der Anwalt den Wissenschaftler in seiner E-Mail.

Manche Forscher empfinden ein solches Anliegen als unmoralisches Angebot. Der Anwalt fragt daher vorsichtig, ob das Institut überhaupt Gutachten für Privatfirmen übernehme. Und falls nicht, schreibt der Anwalt weiter, "würden es dann stattdessen einzelne Mitglieder des Institutes machen?" Privat, als gut bezahlte Nebentätigkeit. Zum Beispiel er, der Wissenschaftler, oder vielleicht sein Chef, der Leiter des Instituts?

Dann legt der Amerikaner im Einzelnen dar, wie das Gutachten aufgebaut sein sollte. Er formuliert sechs Argumente, mit denen der Wissenschaftler, sofern man handelseinig werde, begründen soll, warum der Vergleichsvorschlag von Google nicht das internationale Urheberrecht verletzt. "Die Rechte werden den Autoren zu keinem Zeitpunkt genommen", diktiert der Anwalt gewissermaßen dem Wissenschaftler, was bei dem Gutachten herauskommen soll.

Dass Wissenschaftler um Gutachten gebeten werden, ist in der Forschungswelt durchaus üblich. Aber: "Dass das Ergebnis und sogar die Argumente vorgegeben werden, ist äußerst ungewöhnlich", sagt der Wissenschaftler. Er formuliert höflich, macht jedoch klar: Einen solchen Auftrag würde er nie annehmen. Die E-Mail des amerikanischen Anwalts hat er nicht beantwortet.

Trotzdem spricht der Wissenschaftler nur anonym mit der ZEIT. Denn an seinem Institut denkt nicht jeder wie er. Ein Kollege hat den Auftrag angenommen. Wie von Google gefordert, kommt er in seinem Gutachten zu dem Schluss, dass der Vergleichsvorschlag des Konzerns nicht gegen internationale Urheberrechte verstößt.

Wie der Mensch in der modernen Industriegesellschaft die Welt begreift, darüber entscheiden maßgeblich die Erkenntnisse der Wissenschaft. Glaubten die Menschen früher an Medizinmänner oder Wahrsager, vertrauen sie heute auf Professoren und Forschungsinstitute. Egal, ob es um ökonomische, ökologische, juristische oder gesundheitliche Fragen geht: Wissenschaftler bestimmen, welche Antworten die Menschen für richtig halten.

Sorgt das Urheberrecht dafür, dass ein Autor für die Anstrengung, ein Buch zu schreiben, eine gerechte Entlohnung erhält, oder schadet es der Wirtschaft, weil es innovative Internetfirmen behindert?

Sind komplizierte Wertpapiere, die im Ruf stehen, die Finanzkrise ausgelöst zu haben, gefährlich, oder lässt sich das Risiko kontrollieren?

Ist die Energiewende richtig, oder macht sie unseren Strom zu teuer?

Ist Kaffee ungesund oder nicht?

So unterschiedlich diese Fragen sind, die moderne Wissenschaft beantwortet sie. Von ihren Erkenntnissen kann abhängen, ob der Bundestag ein Gesetz zur Reglementierung des Internets verabschiedet, ob die Energiewende in Verruf gerät und wie viel Kaffee die Deutschen trinken.

Leserkommentare
    • Antigen
    • 08. August 2013 22:07 Uhr

    Ich glaube, dass man hier sehr stark zwischen den einzelnen Fachbereichen differenzieren muss. Wissenschaftler aus Bereichen, welche auch von ökonomischem Interesse sind, dürften deutlich häufiger und intensiver Beeinflussungsversuchen ausgesetzt sein, als z.B. theoretische Physiker. Ganz besonders anfällig ist die medizinische Forschung und alles was aus dem Bereich 'Life Sciences' kommt. Denn wenn z.B. die Sicherheit eines Arzneimittels oder die Unbedenklichkeit eines Lebensmittels getestet wird, so kommen Studien häufig zu divergierenden Ergebnissen. Es hängt auch stark vom Patientenkollektiv ab, oder wie viele Leute letztendlich an der Studie teilgenommen haben. Wenn man sich beispielsweise die obige Frage näher anschaut, nämlich ob Kaffee ungesund ist, so wird man Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen finden, auch wenn die meisten Wissenschaftler heute davon ausgehen, dass Kaffee unbedenklich ist. Oder der Verdacht, dass Aspartam (ein Süßstoff) krebserregend ist. Dieser Verdacht beruhte auf einem Experiment, bei dem Forscher Mäusen Aspartam direkt in die Harnblase injiziert haben. Die Mäuse haben daraufhin an diesem Organ Tumore entwickelt. Aber hier muss man eben aufpassen: Zunächst einmal sind Mäuse eben keine Menschen ("Mice tell lies"), zum anderen nehmen wir Menschen Süßstoff ja nicht über Injektionen auf, sondern in Tablettenform im Kaffee/Tee. Trotzdem war das Gerücht in der Welt, dass Süßstoff kanzerogen ist. Und Firmen machen sich diese Divergenz zunutze.

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    • fx66
    • 09. August 2013 0:22 Uhr

    > als z.B. theoretische Physiker

    Naja, schlechtes Beispiel:

    "Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 1.000 Stiftungsprofessuren. Gefördert werden vor allem Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sowie Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften"

    Vielleicht dann eher Germanistik oder Architektur.

  1. wie im Artikel, ist schon unseriös. Wie soll unabhängige Wissenschaft aussehen? Dazu muss man nicht die Wirtschaft nur verleumden, das fängt von staatlicher Seite an wer, was und wieviel,oder wer welche Restriktionen abbekommt. Und seis nur Aufgrund regionialer Seilschaften in lokalen Gesundheitsämtern.

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    • Tubus
    • 09. August 2013 2:19 Uhr

    "Alleine ein Bild von unabhängiger Wissenschaft zu verkaufen, wie im Artikel, ist schon unseriös."

    Richtig. Völlige Unabhängigkeit d. h. auch Freiheit von persönlichen Interessen gibt es nirgends. Dennoch gibt es Unterschiede. Grundlagenforschung unterliegt natürlich am Wenigsten irgendwelchen Verwertungsinteressen. Deshalb wird sie ja auch so vernachlässigt. Unabhängig davon müssen Forschungsergebnisse Bestand haben, wenn sie nicht nur kurzfristigen Werbe- oder politischen Interessen dienen sollen. Das schließt Reproduzierbarkeit und technische Praktikabilität ein. Lügen haben da kurze Beine. Je transparenter die Abhängigkeiten sind desto geringer ist der Anreiz zu schummeln. Ein positives Urteil nachweislich unabhängiger Prüfer bietet sogar Werbevorteile.

  2. Der Artikel leider so, als wäre die Wissenschaft an sich etwas heiliges. Dabei ist sie genauso wie Wirtschaft, Kunst, Sport oder Politk durchdrungen von Interessen.

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    • fx66
    • 09. August 2013 0:35 Uhr

    Sie haben Recht. Die Wissenschaft wurde ja nun schon von Abschreibern aus der Politik in Misskredit gebracht. Allerdings sind die meisten Akademiker selbstgerechte Idioten, ohne Instinkt und Moral. Von Kant bis Chomsky wurde das immer kritisiert. Man muss sich heute nur die Doktoranten ansehen; viele tun es weil der Markt keine guten Karrierechancen anbietet. Solches Klientel wird bei späteren wirtschaftsnahen Angeboten sicher nicht 'Nein' sagen.

    > Die Europäer gehen mit großer Entschiedenheit davon aus, dass man
    > nicht darauf vertrauen kann, dass Wissenschaftler bei kontroversen
    > wissenschaftlichen und technischen Problemen die Wahrheit sagen, weil
    > sie zunehmend von den Fördermitteln der Industrie abhängig sind."

    Alles in allem fällt die Autorität der Wissenschaft, andererseits greift sie durch Werbung zunehmend in das Privatleben des Einzelnen ein, ohne dass dieser es unbedingt merkt.

  3. so geht Journalismus. Vielen Dank.

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    Das Dossier ist wohltuend differenziert, führt aber beispielhaft die Korrumpierbarkeit der Wissenschaft vor Augen, ohne Wissenschaftler unter Generalverdacht zu stellen.

    denn die Studien werden oft genug vom bzw. per "Journalismus" unters Volk gebracht. Selten genug ohne jede fachkundig kritische Würdigung, z.B. durch Einholung einer zweiten Meinung oder eigenen Abgleich.
    Wer kennt ihn nicht, den häufigen Satz "Laut einer aktuellen Studie des XY ist/wird/soll .."
    Dann wird munter aus der Summary kopiert und fertig.

  4. "Die Arbeit von Lobbyisten gehört zum demokratischen Verständigungsprozess."

    Wieso sollte das so sein?

    Im Endeffekt sind die Auswirkungen von Lobbyarbeit doch nur eine euphemistische Form von Korruption. Genauso könnte man also behaupten, dass Korruption zum demokratischen Verständigungsprozess gehört?

    Ich würde sogar eher das Gegenteil behaupten. Ein Demokratie kann nur dann "vollkommen" sein, wenn Lobbyarbeit nicht vorhanden ist oder zumindest keinen Einfluss hat.

    Aber zurück zum Thema:
    Ich denke man muss hier ein bisschen differenzieren. Die Finanzierung einer wissenschaftlichen Forschung durch eine Firma ist erstmal ja nicht zu beanstanden, wenn z.B. die Firma diese Ergebnisse für die eigene Produktentwicklung nutzen will. Das ist im Endeffekt ein völlig normaler Vorgang. Kritischer wird es bei der Veröffentlichung von Ergebnissen zu dieser Forschung. Da steht unter Umständen natürlich das Interesse der Firma durchaus im Vordergrund. Gerade hier sind aber dann auch die Journals bzw. deren Reviewer gefordert entsprechende Kontrolle walten zu lassen. Und was nicht ordentlich veröffentlicht (und damit geprüft) wurde sollte eben keine Bedeutung erlangen.

    Der wesentliche Kritikpunkt ist aber doch, dass Studien zur politischen Meinungsbildung finanziert werden um den eigenen Profit zu steigern oder sichern. Das hat wohl in den wenigsten Fällen etwas mit Wissenschaft zu tun und dagegen sollte man auch einschreiten.

  5. Umgekehrt wird ein Schuh draus .. die Politik/Parteien/Gewerkschaften bestellen doch genauso Studien, finanzieren ProfessorenInnen mittels dubioser Tricks und finanzieren ganze Institute - die mehr als 200 Gender-Lehrstühle in Deutschland sind ja nicht einfach so vom Himmel gefallen.

    'Wissenschaft' ist doch schon lange zum Schimpfwort geworden ... und die Politik beziehungsweise Gewerkschaften hat mindestens genauso ihren Anteil dran.

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    • Hainuo
    • 08. August 2013 23:45 Uhr

    Das funktioniert auch prima in der Sinologie, die manchmal aufgrund der Tatsache, von der Uni nicht geliebt zu werden, mit Konfuzius-Instituten zusammenarbeitet. Viele fleißige und brave Sinologen, die China chinesisch kennenlernen und am Ende oftmals nicht mehr als die Sprache beherrschen (wenns gut läuft). Es gibt sogar Standorte, wo man vor praktischen Wörtern, wie Lehrer, Professor oder Sekretärin erst einmal kommunistisches Vokabular a la Kader, Arbeiterklasse und Vorsitzender Mao lernt. So wird das nix mit Forschung...

  6. Das größte Problem sind Schummeleien bei den Forschungsergebnissen um publiziert zu werden. Der Wunsch nach hochrangiger Publikation korrumpiert viel mehr als Geld aus der Wirtschaft. Dazu kommen schlechte Statistikkenntnisse.
    Es gibt Fachbereiche in denen lassen sich die Mehrzahl der empirischen Studien nicht replizieren, bzw sind bei genauer Betrachtung nicht signifikant. Wirtschaftsnahe Forschung ist anders als angenommen häufig disziplinierter. Wenn das eigene Modell zur Anwendung kommen soll, dann muss es funktionieren.

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    Wirtschaftsnahe Forschung ist nicht per se disziplinierter. Ich kenne genug Studien, die von Unternehmen finanzierter Datenmüll sind, der bei genauerem Hinsehen keiner wissenschaftlichen Prüfung standhält und der einfach nur eine bestimmte Interessenpolitik untermauern soll. Genauso wie ich von Ministerien oder Parteien finanzierte Forschung kenne, die diesen Zweck verfolgt. Und wenn die Ergebnisse nicht passen (siehe Dopingstudie) landen halt die entpsrechenden Teile für immer in einer Schublade. Und was meinen Sie was die Wirtschaft schon für Errungenschaften kassiert hat, weil die einfach deren Geschäftsmodell zerstören würde.

    Die Renditen öffentlich finanzierter, unabhängiger Forschung sind enorm. Beispiele? Telegraf, Humangenomprojekt, INternet, Webbrowser, mp3, Düsenflugzeug, moderne Landwirtschaft. Nur bedarf es dafür langfristiger Forschung mit ungewissem Ausgang.

    Dass staatliche Behörden und private Unternehmen öffentliche Forschungseinrichtungen zunehmend für ihre Forschung einspannen, ist bedenklich, weil so keine langfristige, ergebnisoffene Grundlagenforschung mehr stattfindet, sondern nur och kurzfristig politisch bzw. betriebswirtschaftlich verwertbares Wissen produziert und dieses auch noch privatisiert wird. Große Teile unserer heutigen wissenschaftlichen Errungenschaften währen niemals denkbar gewesen, wenn Wissenschaft schon immer nach diesem Prinzip gelaufen wäre.

    ohne sie beweiskräftig belegen zu können.
    "Es gibt Fachbereiche in denen lassen sich die Mehrzahl der empirischen Studien nicht replizieren, bzw sind bei genauer Betrachtung nicht signifikant"? Schon rein logisch ein Ding der Unmöglichkeit. Für die Nicht-Replizierbarkeit der Ergebnisse einer Studie muss es ja zumindest eine wissenschaftlich haltbare Studie geben, die die Nicht-Replizierbarkeit feststellt, ansonsten ist schließlich nicht erwiesen, dass sich die Ergebnisse nicht replizieren lassen. Wissenschaftlich abgesichert kann also niemals eine Mehrzahl der empirischen Studien eines Fachbereichs wissenschaftlich als unrepliziert gelten. Dasselbe ist für asignifikante Ergebnisse der Fall. Auch deren Asignifikanz wäre wissenschaftlich in jedem Einzelfall mittels Kontrollstudien wissenschaftlich zu belegen. "Wirtschaftsnahe Forschung ist anders als angenommen häufig disziplinierter"? Was auch immer Sie unter "disziplinierter" verstehen, aber es geht bei Wissenschaft um Objektivierbarkeit, Reliabilität und Validität von Ergebnissen und um die Anwendung/Einhaltung im Forschungsdiskurs intersubjektiv abgesicherter Standards/Methoden. Abgesehen davon werden im Dossier Forschungsfreiheit und wissenschaftliche Integrität hoch gehalten. Einflussnahmen von außen insb. vonseiten wirtschaftlicher Interessenvertreter unterminieren diese jedoch und greifen zwangsläufig manipulativ in einen innerszientifischen Selbstregulierungsprozess ein. Das ist das Problem.

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