An einem Sonntag im Juni 2009 setzt sich ein Wissenschaftler eines angesehenen deutschen Forschungsinstituts an seinen Computer und öffnet das Mailprogramm. Diverse Nachrichten von Kollegen sind eingetroffen, außerdem eine E-Mail aus New York von einem renommierten amerikanischen Anwalt. Der Wissenschaftler hat ihn zwei Jahre zuvor kennengelernt. Der Anwalt arbeitete damals für das amerikanische Parlament. Der Wissenschaftler öffnet die Mail und ist erstaunt. Der Anwalt arbeitet jetzt für das Internetunternehmen Google. Er bittet den Wissenschaftler um ein Gutachten zu einem Vergleichsvorschlag von Google in einem Urheberrechtsstreit.

Google hat einige Jahre zuvor in den USA damit begonnen, Bücher zu scannen und kostenlos online zu stellen. Die Autoren der Bücher waren empört, sie fürchteten um ihr Einkommen, es war der Beginn einer langwierigen juristischen Auseinandersetzung, die bis zum heutigen Tag andauert.

Weil Google auch die Werke deutscher Autoren einscannte, war juristische Unterstützung von einem deutschen Rechtsexperten für den Konzern von großem Wert. Besonders hilfreich konnte für Google in dieser Situation zum Beispiel ein Gutachten eines unabhängigen, weil zum großen Teil durch staatliche Gelder finanzierten deutschen Instituts sein.

Darum bittet der Anwalt den Wissenschaftler in seiner E-Mail.

Manche Forscher empfinden ein solches Anliegen als unmoralisches Angebot. Der Anwalt fragt daher vorsichtig, ob das Institut überhaupt Gutachten für Privatfirmen übernehme. Und falls nicht, schreibt der Anwalt weiter, "würden es dann stattdessen einzelne Mitglieder des Institutes machen?" Privat, als gut bezahlte Nebentätigkeit. Zum Beispiel er, der Wissenschaftler, oder vielleicht sein Chef, der Leiter des Instituts?

Dann legt der Amerikaner im Einzelnen dar, wie das Gutachten aufgebaut sein sollte. Er formuliert sechs Argumente, mit denen der Wissenschaftler, sofern man handelseinig werde, begründen soll, warum der Vergleichsvorschlag von Google nicht das internationale Urheberrecht verletzt. "Die Rechte werden den Autoren zu keinem Zeitpunkt genommen", diktiert der Anwalt gewissermaßen dem Wissenschaftler, was bei dem Gutachten herauskommen soll.

Dass Wissenschaftler um Gutachten gebeten werden, ist in der Forschungswelt durchaus üblich. Aber: "Dass das Ergebnis und sogar die Argumente vorgegeben werden, ist äußerst ungewöhnlich", sagt der Wissenschaftler. Er formuliert höflich, macht jedoch klar: Einen solchen Auftrag würde er nie annehmen. Die E-Mail des amerikanischen Anwalts hat er nicht beantwortet.

Trotzdem spricht der Wissenschaftler nur anonym mit der ZEIT. Denn an seinem Institut denkt nicht jeder wie er. Ein Kollege hat den Auftrag angenommen. Wie von Google gefordert, kommt er in seinem Gutachten zu dem Schluss, dass der Vergleichsvorschlag des Konzerns nicht gegen internationale Urheberrechte verstößt.

Wie der Mensch in der modernen Industriegesellschaft die Welt begreift, darüber entscheiden maßgeblich die Erkenntnisse der Wissenschaft. Glaubten die Menschen früher an Medizinmänner oder Wahrsager, vertrauen sie heute auf Professoren und Forschungsinstitute. Egal, ob es um ökonomische, ökologische, juristische oder gesundheitliche Fragen geht: Wissenschaftler bestimmen, welche Antworten die Menschen für richtig halten.

Sorgt das Urheberrecht dafür, dass ein Autor für die Anstrengung, ein Buch zu schreiben, eine gerechte Entlohnung erhält, oder schadet es der Wirtschaft, weil es innovative Internetfirmen behindert?

Sind komplizierte Wertpapiere, die im Ruf stehen, die Finanzkrise ausgelöst zu haben, gefährlich, oder lässt sich das Risiko kontrollieren?

Ist die Energiewende richtig, oder macht sie unseren Strom zu teuer?

Ist Kaffee ungesund oder nicht?

So unterschiedlich diese Fragen sind, die moderne Wissenschaft beantwortet sie. Von ihren Erkenntnissen kann abhängen, ob der Bundestag ein Gesetz zur Reglementierung des Internets verabschiedet, ob die Energiewende in Verruf gerät und wie viel Kaffee die Deutschen trinken.