DIE ZEIT: Herr Trichet, als Sie die Europäische Zentralbank anführten, galten Sie als der mächtigste Mann Europas.

Jean-Claude Trichet: Ich erinnere mich, dass ich auf einer dieser Ranglisten als fünftwichtigste Person der Welt geführt wurde. Man sollte das nicht so ernst nehmen, da ist ziemlich viel Hype im Spiel.

ZEIT: Wie mächtig waren Sie wirklich?

Trichet: Die EZB ist die einzige europäische Institution, die in sehr kurzer Zeit sehr weitreichende Entscheidungen treffen kann. Als wir am 9. August 2007 auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten reagieren mussten, haben wir der europäischen Wirtschaft 95 Milliarden Euro an Liquidität zur Verfügung gestellt. Die Entscheidung fiel innerhalb weniger Stunden! Dazu ist keine andere Institution in Europa in der Lage – auch wenn jeder seine Rolle zu spielen hat.

ZEIT: Haben Sie sich mächtig gefühlt?

Trichet: Wenn man für die Währung von 330 Millionen Menschen zuständig ist, spürt man vor allem Verantwortung. Dieses Verantwortungsgefühl ist ein ständiger Begleiter. In der Krise, als die Probleme immer größer und anspruchsvoller wurden, habe ich nie gedacht: Ich bin aber mächtig! Ich wusste nur, dass die Lage außerordentlich komplex und schwierig war und meine Kollegen und ich unserer Verantwortung gerecht werden mussten. Und ich wusste, dass alles, was wir taten, am Ende von den Bürgern Europas beurteilt werden würde.

ZEIT: Damals haben sich zwei einflussreiche deutsche Notenbanker – Axel Weber und Jürgen Stark – gegen Sie gestellt. Hatten Sie die Grenzen Ihrer Macht erreicht?

Trichet: Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Mitglieder des Zentralbankrats nicht in allen Punkten übereinstimmen. Das kommt in den USA, in Japan oder in Großbritannien regelmäßig vor. Eine echte Diskussion hilft, alle Vorteile und Nachteile einer Entscheidung abzuwägen.

ZEIT: Als Weber und Stark ihre Position öffentlich machten, löste das in Deutschland eine Welle der Kritik an der EZB aus. Das hat Sie kaltgelassen?

Trichet: Wie gesagt: Eine offene Debatte führt zu besseren Entscheidungen. Ich hatte aber immer erwartet, dass sich jedes Ratsmitglied hinter eine Entscheidung stellt und in der Öffentlichkeit die gemeinsame Position der Institution erklärt, wenn diese Entscheidung, wie im Vertrag von Maastricht vorgesehen, mit der Mehrheit der Stimmen gefällt wurde – und hier war die Mehrheit überwältigend. So hatte es die EZB vom ersten Tag an gehalten. Denn anders, als es in den USA oder Großbritannien üblich ist, hatten wir darauf verzichtet, die unterschiedlichen Standpunkte im Rat öffentlich zu machen. Inzwischen existiert dieses Prinzip de facto nicht mehr.

ZEIT: Bedauern Sie das?

Trichet: Man könnte argumentieren, dass die Gepflogenheiten anderer großer Zentralbanken übernommen wurden. Ich denke nicht, dass das optimal ist, weil die EZB eine Reihe von Besonderheiten aufweist. Aber es ist nun ein Fakt.

ZEIT: Wie war Ihr persönliches Verhältnis zu Axel Weber und Jürgen Stark?

Trichet: Jürgen und Axel waren – und sind – großartige Fachleute und Freunde. Wenn wir auch in bestimmten Fällen nicht einer Meinung waren, so habe ich ihre Beiträge im Zentralbankrat und im Direktorium der Notenbank immer für wichtig gehalten.

ZEIT: Die beiden sind immer noch Freunde?

Trichet: Natürlich.