Unter Schulschwänzern

Die vielen Fehlzeiten meiner Schüler, die haben mir im vergangenen Schuljahr besonders zu schaffen gemacht. Auf der Klassenliste standen 24 Namen, im Unterricht saß oft nicht einmal die Hälfe der Schüler. Das Einzige, was ich dagegen tun konnte, war: hartnäckig bleiben. Ich habe immer wieder nach Entschuldigungen gefragt, Eltern angerufen, Hausbesuche gemacht oder mit den Mitarbeitern vom Allgemeinen Sozialen Dienst gesprochen.

Einige der 14- bis 16-jährigen Schüler wissen schon jetzt, was die Jugendgerichtshilfe ist, oder mussten bereits Sozialstunden leisten. Und dann gibt es noch Schüler, die wie Wanderpokale von einer Schule zur anderen gereicht werden und bei denen wir uns überlegen müssen, wie wir ihnen helfen können. Die meisten Gespräche habe ich nach Unterrichtsschluss um 16 Uhr geführt und später noch den Stoff für den nächsten Tag vorbereitet. Das hat viel Kraft gekostet, und es gab immer wieder Momente, in denen ich das Gefühl hatte: Das schaffe ich nicht. Die Motivation weiterzumachen hatte ich aber trotzdem.

Denn zum Glück gab es auch Erfolgserlebnisse: Ein Förderschüler mit Aufmerksamkeitsdefizitstörung hat sich zum Beispiel sehr positiv entwickelt. Früher hat er die Schule eher als Ort begriffen, an dem er Freunde trifft und eine nette Zeit verbringt. Durch den speziellen Förderunterricht, den wir für ihn beantragt haben, hat sich das geändert. Klar, manchmal hat er weiterhin Faxen gemacht, aber es gab auch Tage, an denen er konzentriert mitgearbeitet hat. Von einem Schülerpraktikum in einem Landschafts- und Gartenbaubetrieb kam er begeistert zurück. "Es ist toll, sich draußen auszupowern", hat er gesagt. Plötzlich hatte er ein Ziel und hat in diesem Jahr seinen Hauptschulabschluss geschafft.

Die schlimmste Klasse

Im vergangenen Schuljahr wurde ich Klassenlehrerin einer vierten Klasse, die niemand freiwillig übernehmen wollte. Sie galt als eine der schlimmsten der Schule. Zum Glück hatte ich eine Förderschullehrerin an meiner Seite. Sie kannte die Kinder seit dem ersten Schuljahr und sagte zu mir: "Wir schaffen das schon." Vor allem am Anfang gab es Phasen, in denen es in der Klasse sehr laut war. Immer wieder musste ich die Kinder ermahnen, für Ruhe sorgen und Struktur in die Klasse bringen. Richtig anstrengend waren vier Schüler. Für sich genommen, ist jeder von ihnen ein tolles Kind, aber wenn sie zusammen waren, haben sie sich ständig gegenseitig dazu angestiftet, Mist zu bauen. Sie haben in der Pause gezündelt und einen Mitschüler so lange gemobbt, bis er ausgerastet ist. Einmal haben sie auf der Jungentoilette eine Zwischenwand aus der Verankerung gerissen. Das gab natürlich Riesenärger.

In solchen Momenten habe ich mich gefragt, was ich hier eigentlich mache. Im Laufe des Jahres hat sich die Klasse aber sehr verbessert. Ich glaube, das lag auch daran, dass die meisten Kinder verstanden haben, um was es uns ging, und daran, dass wir auch belohnt haben, wenn etwas gut lief: Für gutes Arbeiten und Benehmen gab es gelegentlich ein Eis. Bei einem Kind haben wir festgestellt, dass es hochbegabt ist und den Unterricht gestört hat, weil ihm langweilig war. Also haben wir versucht, Aufgaben zu finden, die auch für diesen Jungen spannend sind. Es gab ein paar sehr schöne Momente mit der Klasse. Einmal, bei einer Feier, haben alle zusammen den Gangnam Style getanzt. Die Förderschullehrerin und ich haben uns angeschaut und gesagt: "Eigentlich sind sie doch ganz süß." Beim ersten Elternabend hatten wir noch gesagt, dass wir auf keinen Fall mit der Klasse in die Jugendherberge fahren würden. Im Frühjahr haben wir dann beschlossen, doch zu fahren. Und siehe da: Die Klasse war lammfromm.

Nach der Elternzeit

Vor einem Jahr haben meine Schüler mir vor den großen Ferien Abschiedsbriefe geschrieben. Darin stand, dass sie mir alles Gute wünschen und sich auf meine Rückkehr freuen. Ich war gerührt. Damals bin ich für knapp acht Monate in Elternzeit gegangen, um mich um meine kleine Tochter zu kümmern. Es war klar, dass ich die Inklusionsklasse erst im Februar dieses Jahres wieder unterrichten würde. Das Konzept, bei dem gesunde und behinderte, begabte und entwicklungsverzögerte Kinder gemeinsam unterrichtet werden, ist an unserer Schule neu und hat mich auch während meiner Abwesenheit gedanklich begleitet. Ich habe mich gefragt, wie die Schüler sich wohl entwickeln würden.

Es war schon merkwürdig, nach über einem halben Jahr in die Klasse zurückzukehren. Im Alter von zwölf Jahren machen viele Kinder einen wahnsinnigen Sprung. Sie sehen nicht nur anders aus, viele Jungs kommen auch in den Stimmbruch. Wenn ich an der Tafel etwas angeschrieben habe und jemand dazwischengerufen hat, wusste ich plötzlich gar nicht mehr, wer da spricht. In Naturwissenschaften habe ich zum ersten Mal Sexualkunde unterrichtet. Ich habe auch einen Test schreiben lassen, bei dem die dubiosesten Dinge herausgekommen sind. Zum Beispiel lautete eine Frage, ab wann man Kinder bekommen kann. Drei Schüler haben geschrieben, das ginge erst ab 18. Das habe ich ihnen dann nach dem Test noch einmal erklärt.

Besonders gefreut hat mich, dass einer der Inklusionsschüler während meiner Abwesenheit einen sehr großen Sprung gemacht hat. Er konnte viele Aufgaben plötzlich selbstständig lösen. Ich glaube, dass er einer der Gewinner der neuen Konstruktion ist, weil ihn die anderen Kinder mitgerissen und motiviert haben. Auch wenn ich die Inklusionsklassen in vielen Fällen eher für eine Sparmaßnahme halte – bei diesem Schüler hat es funktioniert.