Stefan Zweig um 1940 © Hulton Archive/Getty Images

Dieses Bild geht einem nicht aus dem Kopf: Stefan Zweig und seine Frau Lotte, im Freitod eng umschlungen auf ihrem Bett im brasilianischen Petrópolis. Welches Bild einer Liebe, denkt man, bis man andere Bildausschnitte und andere Fotos zu sehen bekommt. Da zeigt sich, dass die Umarmung einseitig ist – Stefan Zweig liegt auf dem Rücken, sorgfältig gekleidet, in Hemd und Krawatte, die Hände vor der Brust gefaltet, seine Frau, im Kimono, legt ihren linken Arm um ihn, auf seine Brust auf einem Bild, neben seinen Kopf auf einem anderen – offensichtlich wurden die Polizeibilder arrangiert. Eine Asymmetrie prägte auch die Tage vor dem so umsichtig geplanten Tod. Stefan Zweig deponierte sein Testament bei einem Rechtsanwalt, schrieb über fünf Tage nicht weniger als zwanzig Abschiedsbriefe und ging dann seiner Frau um ein weniges in den Tod voran. Sie schrieb am Tag vor dem Tod einen einzigen Brief. Hat sie dann gewartet, um sicher zu sein, dass ihr Mann tot war? Zögerte sie?

So rätselhaft wie in ihren letzten Tagen und Stunden im Jahr 1942 ist Lotte Zweig den Biografen des Paares über Jahrzehnte geblieben. Denn während man sich über Zweig und seine erste Frau Friderike durch einen dramatischen und wunderbar annotierten 430-seitigen Briefwechsel ein plastisches Bild machen konnte, gab es von Lotte bis vor Kurzem einen einzigen Brief, ein durch Friderike überliefertes Liebes- und Freundschaftsgeständnis an Stefan Zweig. Es gab wenige, nicht selten herabsetzende Zeugnisse, etwa Friderikes Bemerkung, "die junge Sekretärin" habe "etwas von den verschüchterten Wesen an sich" gehabt, "wie sie Dostojewski so ergreifend geschildert" habe. Ansonsten nur die dürren Fakten: dass Lotte Altmann, Jüdin wie Zweig, mit 25 Jahren 1934 im Londoner Exil die Sekretärin des um 27 Jahre älteren Stefan Zweig wurde und im selben Jahr auch seine Geliebte. Heirat im September 1939, nachdem sich Zweig von seiner ersten Frau geschieden hatte. 1940, nach Deutschlands Angriff auf Frankreich, reiste das Paar aus England ins brasilianische Exil weiter. In der Nacht zum 23. Februar 1942 nahmen sie sich das Leben, Stefan Zweig war 60 Jahre alt, Lotte 33.

Doch seit drei Jahren hat "die schweigsame Frau", wie unzählige klischeefreudige Biografen Lotte nach Stefan Zweigs Libretto für Richard Strauss zu nennen pflegten, zu sprechen begonnen. 2010 erschienen, in Deutschland kaum beachtet, im fernen Neuseeland die Briefe, die Stefan und Lotte von 1940 bis 1942 aus Amerika an Lottes Verwandte in England geschrieben haben. Einige wenige Zitate daraus hatten aus einer Londoner Privatsammlung schon 2006 den Weg in Oliver Matuscheks Zweig-Biografie gefunden. Und soeben hat Matuschek aus dem Besitz der Londoner Erben Stefan Zweigs die Briefe herausgegeben, die Stefan Zweig von 1934 bis 1940 an Lotte schrieb (Lottes Gegenbriefe scheint Stefan Zweig vernichtet zu haben).

Unter den vielen Seiten Liebesprosa, die Stefan Zweig – meist in Novellenform – geschrieben hat, sind die Briefe an seine Geliebte und spätere Frau gewiss die seltsamsten. Im Fiktiven waren ihm fürs Erotische die höchsten stilistischen Wogen gerade recht, und er stand nicht an, dem Eros die tiefste lebenserschütternde Wirkung zuzusprechen. Nichts von all dem findet sich in den Briefen an seine zweite Frau. Sie sind, was die Liebe angeht, so verhalten, ja spröde, dass man sie kaum Liebesbriefe nennen mag. Zwar war da etwas auf den ersten Blick, aber ein coup de foudre war es gewiss nicht. Erst ist es für einige Monate teilnehmende Sorge um die Gesundheit des "lieben Fräulein Altmann", gemischt mit homöopathischer Neigungsbekundung: "Ich freue mich schon sehr, Sie wieder zu sehen." Dann folgen Bekenntnisse: "Ich bin etwas ungeschickt und gehemmt.", "Mir ist es immer ein Angstgefühl, als sei ich zu alt, zu zeitfremd, um von einem jungen Menschen ein wirkliches Eingehen erhoffen oder gar verlangen zu können." Nach drei Monaten, im August 1934, ein Satz, der 1942 fast wörtlich in Stefans Abschiedsbrief an Lottes Bruder und dessen Frau wiederkehren wird: "Glauben Sie mir, dass in all diesen Wochen nicht eine einzige Missstimmung zwischen uns war." Er rät Lotte zu mehr "Mut, glücklich sein zu wollen", ist aber selber kaum mutig. Der intime Höhepunkt ist schon erreicht, als er ihr nach einem Jahr aus der Wiener Ferne gesteht, "dass ich eigentlich gar nicht das Gefühl habe, richtig zu leben, (...) es fehlt mir ein Stück meiner Selbst mit all der Heiterkeit und Helligkeit, gleichsam die Lebensorgane, jetzt sind nur die Gehirnmusceln in Function." Um nicht von Lotte schreiben zu müssen, lobt er metaphorisch Mal um Mal London: "Ich hatte immer in London das ahnende Gefühl, auch seelisch auf einer glücklichen Insel zu leben" – "es ist schon lange her, dass eine neue Stadt, eine junge Landschaft mich so stark angefasst hat".

Mehr an Liebe ist in diesen Briefen nicht. Auch als das Liebespaar von Friderike im Januar 1935 in einem Hotelzimmer in Nizza in einer kompromittierenden Situation ertappt wird und Lotte, immerhin, mit einem in Du gehaltenen schwärmerischen Liebesbrief reagiert, bleibt Stefan Zweig beim förmlichen Sie. Er bombardiert sein "Liebes Fräulein Altmann" von ständig wechselnden Aufenthaltsorten aus mit seinen fast täglichen Sekretariatsanweisungen, was sie bringen, verschicken, durchführen möge, und er wird diese distanzierte Haltung auch nach manchen gemeinsamen Reisen bis zur Hochzeit durchhalten.