Egon Bahrs MemoirenTrügerische Erinnerung

War Herbert Wehner ein Verräter? Nein. Aber Egon Bahrs Erinnerungen behaupten es. von 

Der 100. Geburtstag Willy Brandts am 18. Dezember wirft bereits seine Schatten voraus. Egon Bahrs neuerliche Erinnerungen an seine Zeit als SPD-Ostpolitiker mit Willy Brandt würden kaum für mehr als andächtiges Kopfnicken sorgen (und einiges Schmunzeln über seine fast naive Freude an den Episoden seiner Geheimdiplomatie), hätte er neben die Kritik an Brandts Antipoden, dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, nicht noch den Vorwurf gepflanzt, dieser sei ein "Verräter" gewesen und zudem ein Freund Erich Honeckers: "Beide wollten das Nebeneinander der beiden deutschen Staaten untereinander bestimmen, solange es sie gab. Das Ende der Teilung war nicht vorgesehen." Abgesehen davon, dass man in diesem Satz auch eine Projektion der eigenen konkurrierenden Absichten Bahrs lesen kann, denn Brandts Satz von der "Lebenslüge der deutschen Wiedervereinigung" aus dem Jahr 1984 dürfte ja nicht auf dessen Mist allein gewachsen sein: Dieser Vorwurf ist infam, wie es die Quellen belegen.

Noch am 18. Januar 1981, nach dem Scheitern des Berliner Stobbe-Senats, wollte Wehner Willy Brandt nahezu nötigen, das Steuer in Berlin wieder zu übernehmen, weil – so Wehner im Gespräch – man die Wiedervereinigung abschreiben könne, wenn West-Berlin, der "Augapfel der Demokratie", vor den Augen der Ostdeutschen "verfaule". Noch bezeichnender die Wurzel des finalen Zorns Wehners auf Brandt. Im Mai 1973 kam es zu den berüchtigten etwa 200 "Kofferfällen", von denen auch Bahr berichtet: Ostdeutsche Familien hatten Arbeitsplatz und Wohnung aufgegeben – konnten aber nicht ausreisen, weil in den Verhandlungen zwischen Bahr und Michael Kohl (DDR) vereinbart worden war, zu normalen Prozeduren überzugehen. Der Berliner Bischof Kurt Scharf wandte sich, ohne Erfolg, an die Bundesregierung – und an Herbert Wehner.

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Wehner ging zu Brandt und bedrängte ihn, für diese Menschen zu intervenieren, gegebenenfalls selber zu Honecker zu reisen und auch über die Fortsetzung der Deutschlandpolitik nach dem Grundlagenvertrag zu sprechen. Brandt wollte eine Nacht darüber schlafen, weigerte sich dann und drehte den Spieß um: Er, Wehner, solle fahren – was Wehner, höchste Diskretion zugesichert, zusagte, nur um zu sehen, dass er, als er am 30. Mai in Berlin am Übergang eintraf, vor gut unterrichteten Fernsehreportern stand.

Er rief seinen Freund Wolfgang Mischnick (FDP) an, der gerade in Dresden war. Zusammen fuhren sie zu Honecker nach Hubertusstock. Wer weiß, dass Wehner vor der Fahrt – vielleicht etwas paranoid – befürchtet hatte, man könnte auf "kommunistische" Manier einen Verkehrsunfall inszenieren, um ihn nach Jahrzehnten doch noch zu liquidieren, wird niemals auf den Gedanken kommen, es habe sich hier um einen Besuch bei einem "Freund" gehandelt. Und auch nicht, wer die gut 20 DIN-A4-Ordner mit Schriftverkehr zu den "Übersiedlungsfällen" in Wehners Haus auf dem Bonner Heiderhof mit eigenen Augen gesehen hat.

Wohl wahr, Wehner, der sein Nachkriegsleben darauf verwandt hat, die Vertreter der Arbeiterklasse ins demokratische Regiment zu bringen (und sie dort zu halten), sah – wie viele andere auch –, dass Brandt nach dem Wahlsieg von 1972 sowohl abgehoben (siehe "Kofferfälle") als auch nachgelassen hatte und dass die kommende Wahl 1976 unter Brandt ziemlich aussichtslos war. Wie er auf einen Kanzlerwechsel hindrängte, mag man unangenehm, ja brutal finden. Doch Verrat, gar so etwas wie Hochverrat, war dies nicht; da sollte sich Bahr lieber einmal zu den Besuchen von Erhard Eppler und Oskar Lafontaine äußern, die diese 1982 in der Nachrüstungsdebatte beim Sowjetunterhändler Juli Kwizinski in Genf unternahmen, ohne Wissen Helmut Schmidts und gegen die eigene Regierung, doch mit Billigung Brandts. Die Verlängerung der sozialliberalen Koalition über 1976 hinaus und die sozialdemokratische Kanzlerschaft Helmut Schmidts von 1974 bis 1982 sind jedenfalls nicht zuletzt eine Folge von Herbert Wehners Anstoß, dem Brandt nur durch eigene politische Schwäche erlegen war.

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Leserkommentare
  1. strickt, offenbar ohne Rücksicht auf Verluste, an seiner eigenen Legende. "Über die Toten nur Gutes" - denn sie können sich nicht wehren - ; diese Maxime im antiken Rom ist Bahr ganz gewiss nicht präsent.

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  2. und Fritz Cremer, der Bildhauer der das Buchenwalddenkmal schuf, berichtet in seinen Memoiren wie Herbert Wehner (damals noch unter anderem Namen) irgendwann in den 30ern mit Walter Ulbricht in sein Atelier in Moskau kam um im Namen des KPD-Vorstandes eine Thälmann-Büste zu bestellen

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  3. Das ist der beste ZON-Artikel, den ich seit Wochen (Monaten?) gelesen habe.

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  4. "Wohl wahr, Wehner, der sein Nachkriegsleben darauf verwandt hat, die Vertreter der Arbeiterklasse ins demokratische Regiment zu bringen (und sie dort zu halten), sah – wie viele andere auch –, dass Brandt nach dem Wahlsieg von 1972 sowohl abgehoben (siehe "Kofferfälle") als auch nachgelassen hatte und dass die kommende Wahl 1976 unter Brandt ziemlich aussichtslos war."
    Demokratisches REGIMENT? Wat n fürn Regiment? Dat bundesrepublikanische? Da verknotet sich einem ja die Zunge.
    "Brandt war abgehoben und hatte nachgelassen?" Wat soll dat denn heißen? Mauersegler abgestürzt? Nachgelassen wobei?
    "Die Wahl unter Brandt"? War denn Brandt der Wahlleiter?

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    ""Brandt war abgehoben und hatte nachgelassen?" Wat soll dat denn heißen? Mauersegler abgestürzt? Nachgelassen wobei?
    "Die Wahl unter Brandt"? War denn Brandt der Wahlleiter?"
    Nachdenken, verehrter Dachs2012, hilft.

  5. ""Brandt war abgehoben und hatte nachgelassen?" Wat soll dat denn heißen? Mauersegler abgestürzt? Nachgelassen wobei?
    "Die Wahl unter Brandt"? War denn Brandt der Wahlleiter?"
    Nachdenken, verehrter Dachs2012, hilft.

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    Antwort auf "Wat fürn Deutsch"
    • Goa333
    • 21. August 2013 22:20 Uhr

    der Willenskraft eines Eddy Merckx . Dagegen war Brandt lediglich ein instabiler Typ, der bei den Menschen gut ankam. Bahr verzeihe ich nahezu alles, weil er loyal das gemacht hat, was ihm aufgetragen wurde.

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    Eddy Merckx war ein belgischer Radrennfahrer und ich kann die Themenrelevanz diesbzgl. nicht erkennen. Ich werde demnach die Moderation bitten, diesen Teil aus Ihren Beitrag rauszuschneiden.

    Zum Thema: Sie verzeihen also Bahr nahezu alles, weil "er loyal das gemacht hat, was ihm aufgetragen wurde." Auch die Mauerschuetzen haben loyal das gemacht hat, was ihnen aufgetragen wurde. Verzeihen Sie diesen auch?

    • Goa333
    • 22. August 2013 10:00 Uhr

    Wehner war die denkende Kraft , Brandt der Verkäufer und Bahr der Erfüllungsgehilfe. Die Erwähnung der Willenskraft von Wehner ist durchaus erwähnenswert, da wie Sie wissen,das legendäre 'Einstellungsgespräch' mit Wienand aus einigen Stunden Schweigen bestand. Wienand hielt es als Einziger aus!

  6. Eddy Merckx war ein belgischer Radrennfahrer und ich kann die Themenrelevanz diesbzgl. nicht erkennen. Ich werde demnach die Moderation bitten, diesen Teil aus Ihren Beitrag rauszuschneiden.

    Zum Thema: Sie verzeihen also Bahr nahezu alles, weil "er loyal das gemacht hat, was ihm aufgetragen wurde." Auch die Mauerschuetzen haben loyal das gemacht hat, was ihnen aufgetragen wurde. Verzeihen Sie diesen auch?

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  7. Immer wieder interessant, dass iin unserem Land trotz angeblicher Meinungsfreiheit diese Denkverbote anscheinend allgemein akzeptiert wurden/werden.

    Die Wiedervereinigung zählt auch dazu. Obwohl bis kurz vor dem Fall der Mauer sich eigentlich niemand ernsthaft vorstellen konnte, die Wiedervereinigung noch zu erleben, war jeder, der über alternative Modelle nachdachte, automatisch ein "Verrräter".

    Ähnliches haben wir dann ja auch u.a. bei der Europapolitik erlebt.

    Dass Bahr jetzt mit dieser Schlammschlacht an die Öffentlichkeit geht, ist ziemlich peinlich. Viele Politiker gewinnen ja erst richtig an Ansehen, wenn sie die Tagespolitik hinter sich gelassen haben und die "Altersweisheit" einsetzt. Wie man sieht, gilt das leider nicht für alle.

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  • Schlagworte SPD | Herbert Wehner | Willy Brandt | Egon Bahr | Helmut Schmidt | Bundesregierung
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