Ein 24-jähriger Student empört sich über einen Satz in einem Buch des berühmtesten Philosophen der Welt, den er eigentlich verehrt, schickt daraufhin einen kritischen Text an die Zeitung – und ist damit über Nacht in aller Munde. Das geschah vor unglaublichen sechzig Jahren, als Jürgen Habermas in der FAZ den Artikel Mit Heidegger gegen Heidegger denken veröffentlichte. Es war die Geburtsstunde eines engagierten Intellektuellen, denn der junge Mann attackierte Heideggers ausbleibende Auseinandersetzung mit dessen Rolle im Nationalsozialismus.

Jetzt also legt der 84-jährige Habermas den, wie er schreibt, "voraussichtlich letzten Band" seiner Kleinen politischen Schriften vor, in denen er seit 1980 Reden und Aufsätze aus meist tagesaktuellem Anlass sammelt (Im Sog der Technokratie. Kleine politische Schriften XII; Suhrkamp Verlag, Berlin 2013; 194 S., 12,– €). Wer den Band liest, der "das Dutzend vollmacht", wie es der Autor flapsig nennt, der kommt einmal mehr aus dem ehrfurchtsvoll-neidischen Staunen nicht heraus: Woher nimmt der Mann nur diese Energie? Rastlos betreibt er seit sechs Jahrzehnten seine "Praxis öffentlicher Belästigung" (Habermas), von nicht nachlassender Neugier, Sorge und Fähigkeit zur Empörung getrieben – und zwar neben seiner hauptsächlichen Praxis als Philosoph, in der er es auch noch schaffte, die allereinflussreichsten Werke hervorzubringen. So frisch und juvenil: was für eine One-Man-Performance im Dienste der res publica!

Der Leser trifft auf vertraute Leitmotive: Die europäische Krise sei auch eine normative, die durch Demokratisierung und ein Bewusstsein für solidarisches Handeln gelöst werden müsse. Übel sei die "unsäglich merkelfromme Medienlandschaft", die "Merkels clever-böses Spiel der Dethematisierung" mitspiele; der Kritiker präsentiert sich in Topform. Daneben gibt es schöne Texte über Denker wie Ralf Dahrendorf und Jan Philipp Reemtsma sowie jüdische Intellektuelle, darunter Martin Buber und – einmal mehr – Heinrich Heine.

Habermas’ Erfolg als Intellektueller beruht auch auf seinem besonderen Sprachgefühl, auf suggestiven, bereits klassischen Titeln: Erkenntnis und Interesse, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Die neue Unübersichtlichkeit, Die postnationale Konstellation. Im Sog der Technokratie dürfte erneut einen Nerv treffen – und ein Lebensthema variieren: Schon der freie Journalist Habermas schrieb 1954 im Handelsblatt über Die unpersönliche Macht der modernen Bürokratie – Ihre Herkunft und ihre Gefahr. Aber auch Habermas erlebt manchmal die glückliche Aufhebung krisenhafter Widersprüche unserer Zeit. In seiner abendsonnigen Rede über München findet sich der emphatischste Satz des Buches, und zwar über Starnberg, wo er zu Hause ist: "Der Fischladen ist ohnehin super."